FC Carl Zeiss Jena Der gefallene Engel

Die ganz großen Momente von Carl Zeiss Jena hat Mathias Liebing bisher verschlafen. Kurz nach Ausbruch seiner Leidenschaft verschwand der Club in Liga vier. Dem erneut drohenden Abstieg verweigert er sich, fiebert lieber dem heutigen Pokalhalbfinale in Dortmund entgegen.


Eines vorab: Am Abend des 13. Mai 1981 habe ich geschlafen. Und dies mit ziemlicher Sicherheit auch an den Achtel-, Viertel- und Halbfinalabenden der Europapokalsaison 1980/1981. Tief und fest - hoffe ich mit dem Abstand von fast 27 Lebensjahren insbesondere für meinen Vater. Denn viel Phantasie brauche ich nicht, um mir vorzustellen, dass es bessere Zeitpunkte gibt, als während legendärer Europapokal-Nächte die Angriffe des schwarzen Mannes abzuwehren, die dem einjährigen Nachwuchs die Träume verhageln.

Damit ist schon einmal klar, dass ich keiner von den FC-Carl-Zeiss-Jena-Fans sein kann, die ihren Glauben in den großen Spielen gegen den AS Rom, FC Valencia, Benfica Lissabon oder eben bei der Niederlage im Finale des Europapokals der Pokalsieger 1981 gegen Dynamo Tiflis gefunden haben. Ganz im Gegenteil: Mein prägendes Ereignis geht auf einen Dienstagabend im September des Jahres 1999 zurück. Lok Altmark Stendal lief im Ernst-Abbe-Sportfeld auf, und ich war einer der 2300 Zeugen des ersten Saisonsieges des FC Carl Zeiss Jena in der Regionalliga Nord/Ost.

Ich gebe zu, die Begegnung mit dem Thüringer Traditionsverein war eher zufällig. Denn hätte mein zweiter Zivildiensttag nicht mit einer Einladung meines Kollegen zu "einer Auswärtsfahrt" begonnen, wäre ich wohl nicht drum herum gekommen, den Abend mit meiner damaligen Freundin zu verbringen. So ließen mein Zivi-Kollege Tobias und ich direkt nach Beendigung des Kaffeegeschirrpolierens unser Bildungshotel hinter uns und wagten den Weg in die einstige Fußballmetropole.

Mein Fanherz hatte ich bis dahin übrigens einem anderen Verein geschenkt. Natürlich keinem aus Sachsen-Anhalt, weil mir die Wahl zwischen dem Halleschen FC und dem 1.FC Magdeburg wie eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera vorkam. Nein, ich hatte mir mit elf Lebensjahren den FC Bayern München ausgewählt. Dies – und das sei an dieser Stelle betont – in der Saison 1991/1992, als der ruhmreiche Rekordmeister phasenweise nur einen Punkt vor den Abstiegsplätzen dümpelte, 2:6 im Uefa-Cup gegen den FC Kopenhagen verlor, den damals 37-jährigen Harald Schumacher reaktivierte und Stürmer Thorsten Ott sein einziges Bundesliga-Spiel absolvierte.

Die echten Emotionen haben aber seit nunmehr neun Jahren in Thüringen ihr zu Hause gefunden. Und dies vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil mir der fallende Engel FC Carl Zeiss Jena noch sportlich einigermaßen erfolgreich begegnete. Quasi als Geschenk erlebte ich in meinem zweiten Fanjahr noch die neue zweigleisige Regionalliga, die ich persönlich für ein paar journalistische Stehversuche im "großen Fußball" nutzte: So berichtete mir etwa der damalige Jenaer Manager Steffen Patzer frühmorgendlich freizügig auf die ernstgemeinte Frage, welche Erfolge der Tag denn schon hervorgebracht habe, dass er auf wundervollen Sex mit seiner Frau zurückblicken könne, die sehr glücklich gewesen sei.

Ich meinte jedoch eher das Glück auf dem Transfermarkt. Deswegen hatte mich Patzer am Nachmittag zuvor siegessicher auf den bereits beschriebenen frühen Vormittag verwiesen. Aber so war es mit den Jenaer Triumphen im gerade angebrochenen neuen Jahrtausend – sie fanden allenfalls in den Betten der Würdenträger statt, nicht aber auf dem Fußballfeld: Sang- und klanglos verabschiedete sich mein FC Carl Zeiss Jena im Mai 2001 in die Oberliga.

Glaubensbekenntnis
AP
Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Das fünf Jahre währende Siechtum in der vierten Liga und die damit verbundenen Duelle gegen Meuselwitz, Pößneck oder Dresden-Laubegast haben aber nicht für einen Knacks in meiner Beziehung zum Verein gesorgt, sie haben wahre Fanliebe entstehen lassen. In meinem Freundeskreis um den Ex-Zivi-Kollegen, der unter dem bezeichnenden Titel "Hinfallen und Aufstehen" ein paar Erlebnisse bei unseren "Auswärtsfahrten" in einem Buch veröffentlicht hat, reiben wir uns ob der jüngeren Erfolgsgeschichte des FC Carl Zeiss Jena immer noch die Augen: Denn schließlich ist der Durchmarsch aus der vierten in die zweite Liga schlicht das Ergebnis vom Glauben an offensiven Fußball und an die eigenen Talente gewesen. Ein Glaube übrigens, den Aufstiegstrainer Heiko Weber zwischenzeitlich verloren hatte, seine Nachfolger Frank Neubarth und Valdas Ivanauskas nie aufbrachten und der nun durch Henning Bürger neu verkörpert wird.

Aktuell lässt die Zahlensprache der Zweitligatabellejedoch erahnen, dass der FC Carl Zeiss Jena die Premierensaison der Dritten Bundesliga erleben wird. Als Fan denke ich aber anders: Erstens werden Simak, Ziegner und Co. bis Saisonende eine Aufholjagd starten, die der deutsche Profi-Fußball noch nicht erlebt hat. Und zweitens steht heute Abend ja noch das Pokal-Halbfinale gegen Borussia Dortmund an (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Sollte dort eine weitere Überraschung möglich sein und morgen der FC Bayern München gegen Wolfsburg gewinnen, würde ich die nächste Jenaer Episode im Europapokal ganz sicher nicht verschlafen.



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