Krise beim FC Chelsea Die Horror-Saison des José Mourinho

In der Liga hat der FC Chelsea zwei Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz, in der Champions League droht das Aus. Trainer Mourinho darf trotzdem vorerst weitermachen. Weil Klubchef Abramowitsch plötzlich auf Kontinuität setzt.

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Immerhin bekommt er Unterstützung von einer Legende. "Abramowitsch hat so viele Trainer entlassen, er sollte Mourinho vertrauen und daran glauben, dass er die Wende schafft", kommentierte Sir Alex Ferguson, langjähriger Trainer von Manchester United, die Lage von José Mourinho beim FC Chelsea. Die ist nämlich nicht gut. Genauer gesagt: Sie war noch nie schlechter.

Am Abend empfangen die Londoner in der Champions League den FC Porto (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Sollte Chelsea nach dem Hinspiel (1:2) auch das zweite Duell mit Mourinhos früherem Klub verlieren, würde das wohl das Aus bedeuten, weil ein Heimsieg von Dynamo Kiew gegen das noch punktlose Team von Maccabi Tel Aviv sehr wahrscheinlich ist.

Ein Ausscheiden aus der Königsklasse wäre ein weiterer Tiefpunkt, nachdem Chelsea am Wochenende zu Hause gegen Aufsteiger AFC Bournemouth verlor (0:1). Es war die achte Saisonniederlage der "Blues" allein in der Premier League. Zum Vergleich: Vor einem Jahr kassierte Chelsea am gleichen Spieltag, dem 15., die erste Saisonniederlage überhaupt (1:2 gegen Newcastle). Mit aktuell 15 Punkten stehen die Londoner nur zwei Zähler vor den Abstiegsplätzen. Als amtierender Meister!

Wie konnte es so weit kommen?

Am Personal kann es kaum liegen. Petr Cech und Didier Drogba sind die einzigen namhaften Spieler, die Chelsea vor der Saison verließen. Der eine, Cech, war nur zweiter Torwart hinter Thibaut Courtois; der andere, Drogba, erzielte vier Tore in der Premier League (zum Vergleich: Diego Costa traf vergangene Saison 20-mal in der Liga). Bekannte Zugänge waren Pedro (vom FC Barcelona) und Radamel Falcao (ausgeliehen vom AS Monaco), zudem kam Asmir Begovic als Cech-Ersatz. Diese Änderungen im Kader können also keinesfalls erklären, warum Chelsea 17 Punkte hinter Überraschungsspitzenreiter Leicester City liegt.

Mourinho scheint sich in dieser Saison zwar noch mehr als sonst in Dispute mit Schiedsrichtern zu verbeißen. Auch seine öffentliche Kritik an der inzwischen zurückgetretenen Teamärztin Eva Carneiro wirkte nicht sehr souverän. Aber all das ist nichts grundsätzlich Neues bei Mourinho, der Reibereien mit Medien, Trainerkollegen und Offiziellen immer wieder erfolgreich eingesetzt hat, um Spannung zu erzeugen. Dass die Häufigkeit seiner Eskapaden in diesem Herbst zunahm, ist wahrscheinlich eher eine Folge der sportlichen Misere als ihre Ursache.

Chelsea-Profi Eden Hazard: Noch kein Tor in dieser Saison
AFP

Chelsea-Profi Eden Hazard: Noch kein Tor in dieser Saison

Überzeugend hingegen ist die These des Journalisten Michael Cox: Mourinho, der statt Rotation meist eine eingespielte Mannschaft bevorzugt, habe Chelsea in der Meistersaison an die Grenzen der Erschöpfung geführt. John Terry, immerhin gerade 35 Jahre alt geworden, bestritt in der Vorsaison 49 Pflichtspiele. Selbst als der Titel feststand, verpasste der Kapitän keine Spielminute. Eden Hazard, Englands Fußballer des Jahres, wirkt momentan überspielt. In der vergangenen Spielzeit erzielte der Belgier in 52 Pflichtspielen 19 Tore für Chelsea. In der laufenden Saison hat er noch nicht getroffen - und das obwohl er teilweise als Ersatz für den in Ungnade gefallenen Diego Costa als Sturmspitze aufgeboten wird.

Bei einer sportlichen Misere dieses Ausmaßes müsste normalerweise jeder Trainer um seinen Job fürchten. Nicht so Mourinho. Und das obwohl mit Roman Abramowitsch ein Mann Klubbesitzer ist, der, seit er Chelsea 2003 übernahm, neun verschiedene Cheftrainer in zwölf Jahren beschäftigte, dabei Mourinho gleich zweimal. Doch diesmal scheint Abramowitsch alles anders machen zu wollen. Mourinhos Vierjahresvertrag sollte, gekoppelt mit einer festgeschriebenen Abfindung von angeblich 50 Millionen Euro bei vorzeitiger Entlassung, den Wunsch nach Beständigkeit in der sportlichen Leitung dokumentieren.

Doch auch die besten Vorsätze werden auf die Probe gestellt, wenn der Erfolg ausbleibt wie jetzt bei Chelsea. Das jetzt schon wahrscheinliche Verpassen der Champions League in der kommenden Saison mag angesichts von Abramowitschs Vermögen noch verschmerzbar sein. Ein Abstieg aus der Premier League würde Mourinho aber sicher seinen Job kosten.

Ob er früher gehen muss? Ein mögliches Aus in der Champions League könnte die eine Pleite zu viel sein. Die Zeitung "The Sun" will in Erfahrung gebracht haben, dass Mourinho spätestens dann gehen müsste, wenn das nächste Premier-League-Spiel am Montag beim Tabellenführer Leicester City verloren gehen sollte. Doch selbst ein Sieg würde kaum noch helfen, zu den internationalen Plätzen aufzuschließen.

Unter Abramowitsch stand der FC Chelsea am Ende einer Saison nur einmal schlechter als Platz drei, es war die Spielzeit 2011/2012. Am Ende wurde der Klub Sechster - da war Trainer André Villas-Boas schon längst nicht mehr im Amt.

insgesamt 2 Beiträge
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alaba27 09.12.2015
1. Hoffentlich
führt die Kontinuität den Club in die 2. Liga und Mourinho taucht nie wieder auf. Kaum einer ließ unattraktiveren Fußball spielen. Erfolg hin oder her. Catenaccio war in den 60ern auch erfolgreich, toll fand ihn deshalb niemand.
brazzo 09.12.2015
2.
Tja, vielleicht sollte der Zeugwart oder die berühmte Oma die Mannschaft übernehmen. Es reicht doch nach der Meinung vieler, völlig aus, ein paar Stars zusammenzukaufen und dann läuft das von ganz allein. Aber das hat den Jungs von Chelsea wahrscheinlich wieder keiner erzählt.
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