Spanisches Überraschungsteam Getafe Die Schönheit des Hässlichen

Der Trainer? Ein Experte für untere Ligen. Das Sturmduo? Jahrelange Halbamateure. Die Mannschaft? Eine foulende Prolltruppe. Doch der Getafe CF kann in Spanien überraschend in die Champions League einziehen.

Spieler des Getafe CF
Benjamin CREMEL AFP

Spieler des Getafe CF

Von Florian Haupt, Barcelona


Mal ein volles Kolosseum, das wär's doch noch. Real Madrid kommt am Abend (21.30 Uhr) zum Derby in die Trabantenstadt nach Getafe, wo das Stadion wirklich Coliseum heißt und markant runde Tribünen hat, auf denen sich aber auch in den vergangenen Wochen nur gut 10.000 Zuschauer auf den 17.000 Plätzen versammelten. Obwohl Getafe auf Platz vier liegt. Obwohl es um Historisches geht: den Einzug in die Champions League.

Nie stand in Spanien ein so kleiner Verein so dicht vor so einem Erfolg. Der Getafe CF wurde in heutiger Form 1983 gegründet und stieg 2004 erstmals in die erste Liga auf. Anders als bei den Hoffenheims dieser Welt - in Spanien eher repräsentiert von Villarreal - half dabei kein potenter Mäzen. Trotzdem gab es unter Dauerpräsident Ángel Torres und den Trainern Bernd Schuster und Michael Laudrup vor gut einem Jahrzehnt zwei Pokalendspiele und ein Uefa-Cup-Viertelfinale mit einem legendär unglücklichen Ausscheiden gegen Bayern München. Schon das war ein Vielfaches von dem, was man je zu träumen gewagt hätte. Das Märchen schien auserzählt.

Dann kam vor gut zwei Jahren der Trainer José Bordalás an die Peripherie Madrids. Der 55-Jährige übernahm den Verein im Jahr nach dem Abstieg auf einem Abstiegsplatz in der zweiten Liga, führte ihn noch in derselben Saison zurück in die Primera División und erreichte dort auf Anhieb den achten Platz. Er gilt als methodisch und akribisch, was man ihm schon ansieht: So perfekt sitzen Frisur, Brille, jeder Bartstoppel und das weiße Einstecktuch im dunklen Sakko. Was man aber vor allem seinem Team ansieht, das er als kalkulierten Stilbruch inszeniert.

Getafes Trainer José Bordalás
BENJAMIN CREMEL AFP

Getafes Trainer José Bordalás

Getafe belegt beim Etat (51 Millionen Euro) wie den erlaubten Gehaltsausgaben (37,9 Mio.) ligaintern den 15. Platz. Vorn liegt es in anderen Statistiken: Keine Mannschaft in Europas fünf großen Ligen begeht mehr Fouls (17,2 pro Partie). In Spanien schießt Getafe am seltensten aufs Tor (10,3 mal pro Partie) und hat den geringsten Ballbesitz (43,8 %). Bei den Matches der Vorstädter gibt es außerdem die geringste Netto-Spielzeit. All diese Kennziffern begleiten eine Underdog-Identität, die Kapitän Jorge Molina nach einer hitzigen Pokalpartie in Valencia mal so zusammenfasste: "Wir scheinen zu stören."

Das ist richtig: Getafe stört, und zwar ganz konkret Vereine wie Europa-League-Halbfinalist Valencia (Etat: 211 Millionen) oder den fünfmaligen Europa-League-Champion Sevilla (190 Mio.). Getafe liegt im Rennen um Platz vier derzeit jeweils zwei Punkte voraus, Valencia hat sogar schon eine Partie mehr absolviert. Sevilla wurde gerade erst am Sonntag im Coliseum mit 3:0 abgefertigt. Dabei brachte Getafe unter anderem das Kunststück fertig, mit einem 2:0 in die Halbzeitpause zu gehen, ohne eine wirkliche Torchance herausgespielt zu haben. Beide Treffer entsprangen Handelfmetern nach Standardsituationen.

Zwischen Bewunderung und Naserümpfen

Es war ein archetypisches Getafe-Spiel - eines, das resümierte, warum Fußball-Spanien schwankt zwischen Bewunderung für diese Asterix-Geschichte und einem gewissen Naserümpfen über die Mittel. Hier ein Zupfen, dort ein Treten: Getafe ist die Schönheit des Hässlichen. Es foult nicht übel, aber regelmäßig, es setzt darauf, den Rhythmus zu unterbinden - und macht das ausnehmend geschickt.

Bei gegnerischen Kontersituationen etwa zieht einer ein bisschen, dann hakelt ein anderer, irgendwann stolpert der Gegner, schon ist das Ziel erreicht, die Gefahr gebannt, und mangels klarer Zuordnungsmöglichkeit des Regelverstoßes gibt es oft noch nicht mal eine Gelbe Karte dafür. Wo selbst die Befreiungsschläge ins Seitenaus extra hart gedroschen werden oder dem gegnerischen Stürmer nach beendetem Zweikampf noch mal ein kleiner Schubser mitgegeben wird, einfach so - da ist Getafe mit von der Partie.

Kapitän und Torjäger Jorge Molina
BENJAMIN CREMEL AFP

Kapitän und Torjäger Jorge Molina

Aber Getafe ist auch eine Mannschaft, die herrlich schnörkellos angreifen kann. Die des spektakulär guten Abwehrchefs Djené (gegen Real gesperrt) und des Sturmduos Molina und Jaime Mata, das kein amerikanischer Sportfilm besser erfinden könnte. Beide schlugen sich jahrelang als Halbamateure in den unteren Ligen durch und debütierten erst mit 30 bzw. 29 in der Primera División. Nun hat Molina, inzwischen 37, als ältester Spieler seit Ferenc Puskas mehr als zehn Saisontore erzielt, derweil Mata kürzlich sogar zur spanischen Nationalmannschaft berufen wurde.

Bordalás' Lebenslauf spiegelt den seiner Profis. Er kommt aus einer Familie mit neun Geschwistern, als Jugendlicher pflückte er Melonen auf den Plantagen Südspaniens, um sich ein Fahrrad oder eine Jeans kaufen zu können. Heute ist er ein reflektierter, kultivierter Typ mit einem Fetisch für das antike Rom und der Fähigkeit zu integrieren. Dennoch galt er dermaßen als Experte für unteren Ligen, dass er bei Alavés sogar nach einem Aufstieg in die erste Liga rausflog - die traute man ihm nicht zu.

Was für ein Irrtum. Gleich nach seiner ersten Erstliga-Saison wählten ihn die Kollegen zum Trainer des Jahres, und bald dürfte er diesen Titel verteidigen. In Fachkreisen zollt man Getafe hohe Anerkennung, und längst haben auch die Spieler gelernt, das Stigma des hässlichen Entleins mit Stolz zu tragen. Prolltruppe, na und? "Wir sind keine Mannschaft, die großartige Qualität hätte", sagt Bordalás: "Wir sind Getafe."

Umso bemerkenswerter ist, wo sie jetzt stehen: an der Tür zur Champions League.



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