FA-Cup-Sieger Liverpool Klopps Grenzerfahrung

Der FC Liverpool feiert den zweiten Titel der Saison und hat immer noch große Ziele vor sich: Die hohe Belastung ist dem Team von Jürgen Klopp mittlerweile allerdings deutlich anzumerken. Wie lange hält die Kraft?
Von Hendrik Buchheister, Manchester
Liverpools Jürgen Klopp mit dem FA-Cup

Liverpools Jürgen Klopp mit dem FA-Cup

Foto: GLYN KIRK / AFP

Das Streben nach Unsterblichkeit hinterlässt Spuren, auch bei Jürgen Klopp. Als der Trainer des FC Liverpool nach dem 6:5 im Elfmeterschießen im Finale des FA-Cups gegen den FC Chelsea (0:0 nach 120 Minuten) vor die Kamera der BBC trat, sah er abgekämpft aus.

Man hätte vermuten können, dass er gerade einen Halbmarathon in der Londoner Frühlingssonne gelaufen war. Klopp sprach lauter als sonst. Er brüllte fast, um gegen den Lärm im tosenden Wembleystadion anzukommen, das Liverpools ersten Sieg im traditionsreichen englischen Pokal seit 2006 erlebt hatte.

»Chelsea hätte es genauso verdient. Kleine Unterschiede haben entschieden«, gestand Klopp und berichtete von persönlichen Abnutzungserscheinungen. Das Elfmeterschießen? »Nervenaufreibend. Meine Fingernägel sind weg.«

Die Hälfte ist geschafft

Vier Titel kann Liverpool in dieser Saison gewinnen, das »Quadruple«. Es wäre eine einmalige Leistung, die Klopp und sein Team für die Liverpooler Fans unsterblich machen würde. Mit dem Erfolg im FA-Cup ist der Trophäenzähler auf »zwei« gesprungen, nachdem die Mannschaft Ende Februar schon den Ligapokal gewonnen hatte, ebenfalls gegen Chelsea, ebenfalls im Elfmeterschießen.

In Klopp they trust

In Klopp they trust

Foto: TOLGA AKMEN / EPA

Zwei weitere Titel sind theoretisch noch möglich, nämlich die englische Meisterschaft und der Gewinn der Champions League. In der Premier League haben sich die Chancen durch das 1:1 vor einer Woche gegen Tottenham Hotspur eingetrübt. Manchester City hat zwei Spiele vor Schluss drei Punkte Vorsprung und das bessere Torverhältnis. In der Königsklasse hat Liverpool sein Schicksal selbst in der Hand, im Endspiel in Paris in zwei Wochen geht es gegen Real Madrid.

Das Pokalfinale gegen Chelsea war der 60. Auftritt für Klopps Mannschaft in dieser Saison. Der Trainer hatte schon vorher von einem »irrsinnigen Terminplan« gesprochen. In den 120 Minuten gegen Thomas Tuchels Auswahl ließ sich besichtigen, wie die Jagd nach vier Titeln an die Substanz des FC Liverpool geht.

An der Belastungsgrenze

Die Mannschaft spielt an der Belastungsgrenze. Mittelfeldabräumer Fabinho war gar nicht erst dabei, er hatte sich im Ligaspiel unter der Woche bei Aston Villa eine Muskelverletzung zugezogen. Nach etwas mehr als einer halben Stunde musste Toptorschütze Mohamed Salah ausgewechselt werden. Erinnerungen wurden wach an das Champions-League-Finale 2018 gegen Real Madrid (am Ende 1:3), in dem Salah schon früh von Sergio Ramos spielunfähig gemacht wurde.

Anders als damals war seine Auswechselung diesmal allerdings eine Vorsichtsmaßnahme. Zum Start der Verlängerung blieb dann auch Abwehrchef Virgil van Dijk auf der Bank, wegen einer Muskelverletzung.

Stürmerstar Mo Salah musste früh ausgewechselt werden

Stürmerstar Mo Salah musste früh ausgewechselt werden

Foto: NEIL HALL / EPA

Salah und van Dijk – sie sind die Symbolfiguren von Klopps Liverpool, die beiden wichtigsten Spieler für den deutschen Trainer. Doch anders als in der Vergangenheit kann die Mannschaft im Frühjahr 2022 besser mit Ausfällen und dem erbarmungslosen Terminkalender umgehen. »Ich kann Diogo Jota und Joël Matip bringen – das ist die beste Situation, in der ich als Trainer je war«, sagt Klopp.

Kader kompensiert die Strapazen noch

Liverpool war in einem packenden, hochklassigen Finale gegen Chelsea besser und hätte schon in der regulären Spielzeit gewinnen müssen. 17 Torschüssen standen sieben Versuche der Londoner gegenüber. Die besten Chancen hatten Luis Díaz und Andrew Robertson. Sie trafen jeweils den Pfosten.

Díaz, der beste Mann des Spiels, steht exemplarisch dafür, dass Klopp mittlerweile einen Kader hat, der einiges an Strapazen erträgt. Der Linksaußen kam im Januar für 45 Millionen Euro vom FC Porto und wird in England schon als Schnäppchen gefeiert, so gut hat er sich eingefügt.

Auch in anderen Mannschaftsteilen ist Liverpool besser ausgestattet als in der Vergangenheit. In der Innenverteidigung kam der vor der Saison aus Leipzig geholte Ibrahima Konaté in der Champions League in allen bedeutsamen K.-o.-Spielen zum Einsatz und machte im FA-Cup alle Partien über die volle Spielzeit, auch das Finale. Für ihn saß Joël Matip auf der Bank, bis er zur Verlängerung van Dijk ersetzte.

Ein Unauffälliger als Matchwinner

Selbst das Aus des erschöpften Linksverteidigers Andrew Robertson in der 111. Minute wurde zum Beginn einer Heldengeschichte. Sein Ersatz, der sonst wenig beachtete Kostas Tsimikas, verwandelte im Elfmeterschießen den entscheidenden Versuch und trug sich damit ins Geschichtsbuch des FC Liverpool ein.

Kostas Tsimikas feiert den entscheidenden Elfmeter

Kostas Tsimikas feiert den entscheidenden Elfmeter

Foto: TOLGA AKMEN / EPA

Sichtbar überwältigt sagte Tsimikas danach in brüchigem Englisch: »Wir müssen hart feiern. Aber morgen ist schon wieder ein anderer Tag. Es gibt noch viel zu tun.«

Drei Spiele hat die Saison des FC Liverpool noch, zwei in der Liga, eins in der Champions League. Die Mannschaft schleppt sich dem Ziel entgegen, aber sie ist nach dem Pokalsieg gegen Chelsea wieder beseelt von dem Vertrauen, immer einen Weg zum Erfolg zu finden.

Von den »mentality monsters« war einmal mehr die Rede nach dem Gewinn des zweiten Titels der Saison. Es muss noch nicht der letzte gewesen sein.