Dopingfall beim FC Liverpool Ein unappetitlicher Fall

Vor dem Europa-League-Halbfinale beim FC Villarreal spielen beim FC Liverpool sportliche Aspekte nur eine Nebenrolle. Das Team von Jürgen Klopp muss sich stattdessen mit einer Dopingaffäre beschäftigen.

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Wer vor Mamadou Sakho steht, fühlt sich klein. Fast 1,90 Meter groß, 83 Kilogramm schwer, ein Body-Mass-Index von 23,7 - der französische Abwehrboss des FC Liverpool ist ein Modellathlet.

Seine körperliche Präsenz im Zweikampf, seine Wucht im Kopfballspiel hat zuletzt Borussia Dortmund in dem Europa-League-Drama von Anfield leidvoll erfahren. Sakho machte das wichtige 3:3 für die Reds, er war bei der imposanten Liverpooler Aufholjagd einer der überragenden Spieler auf dem Platz.

Nun scheint es, dass Sakho offensichtlich ein bisschen zu viel für seinen Körper getan hat. Der 26-Jährige wurde nach dem Europa-League-Achtelfinale gegen Manchester United im März positiv getestet.

Sakho hatte einen illegalen Appetitzügler, einen so genannten Fettverbrenner oder Fatburner benutzt. Das berichten zumindest französische und englische Zeitungen. Offiziell hüllt sich der Klub in Schweigen, hat den Spieler jedoch bis auf weiteres aus dem Kader genommen.

Ein Fatburner - das kann vieles bedeuten. Die "Süddeutsche Zeitung" zählt dabei von Ephedrin bis hin zu Wachstumshormonen alles auf, was unter diesen Begriff fallen könnte. Sakhos Liverpooler Teamkollege Kolo Touré, damals in Diensten von Manchester City, wurde 2011 wegen der Einnahme eines Fatburners erwischt. Er musste eine halbjährige Sperre absitzen. Sakho wurde am Donnerstag von der Uefa zunächst für lediglich 30 Tage gesperrt. Was ihm zumindest noch eine Hintertür für die Europameisterschaft im eigenen Land offen lässt.

Klopp hat sich nur vage geäußert

Noch ist vieles im Fall Sakho unklar. Auch Liverpools Coach Jürgen Klopp äußerte sich bislang nur nebulös mit dem Satz: "Es gibt eine Erklärung, das ist alles, was wir sagen können." Die Tatsache, dass Verein und Spieler wohl auf die Öffnung der B-Probe verzichtet haben, spricht allerdings dafür, dass diese Erklärung nicht besonders ausreichend ausgefallen ist. Der Spieler selbst hat sich bislang noch gar nicht zu dem Fall geäußert, er wird vom Verein komplett abgeschirmt.

Für Klopp und seinen LFC kommen die unappetitlichen Doping-Meldungen jedenfalls komplett zur Unzeit. Das Team steht am Abend vor dem schweren Europa-League-Halbfinale bei den spanischen Defensivspezialisten aus Villarreal (21.05 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), und in der Liga war man zuletzt gerade erst in Schwung gekommen. Die Geschichte des schon legendären Comebacks gegen den BVB wirkt vor dem Hintergrund des Sakho-Einsatzes jetzt schon nicht mehr ganz so fleckenlos heroisch, wie man es an der Anfield Road gerne hätte.

Verletzungssorgen kommen hinzu

Zudem schlägt sich Klopp wieder einmal mit einer Verletztenmisere herum. Kapitän Jordan Henderson, DFB-Nationalspieler Emre Can und der belgische Stürmer Divock Origi fallen über Wochen aus, nun muss der Trainer auch noch auf den eigentlich unverzichtbaren Sakho verzichten.

Dass der Franzose gerade jetzt aufflog, befeuert zudem die Spekulationen um Doping in der Premier League.

Erst vor drei Wochen hatten britische Medien über ein Dopingnetzwerk des Londoner Arztes Mark Bonar berichtet, zu dessen Kundschaft auch zahlreiche Fußballer gehören sollen. Der Name des FC Liverpool wurde dabei allerdings nicht genannt, stattdessen der des wahrscheinlichen Sensations-Meisters Leicester City.

Auch hier jedoch ist die Nachrichtenlage noch unklar. Die Enthüllungen um Bonar fielen bei der Öffentlichkeit fast in ein Loch der Ignoranz - was auch daran lag, dass am selben Tage die sinistren Finanzgeschäfte um die Panama Papers öffentlich gemacht wurden und anschließend tagelang fast nur darüber geredet wurde.

Auch die Liga hat kaum reagiert, geschweige denn, aktiv zur Aufklärung beigetragen, Aufklärung in die Sache zu bringen. Den großen öffentlichen Aufschrei darüber, dass möglicherweise auch Top-Fußballer dopen, hat es jedenfalls wieder einmal nicht gegeben. Auch Borussia Dortmund hat gar nicht erst versucht, gegen die Spielwertung der 3:4-Niederlage in Liverpool Einspruch zu erheben. Das Thema wabert daher weiter unter der Oberfläche. Doping bleibt ein Igitt-Wort im Fußball.



insgesamt 17 Beiträge
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Emmi 28.04.2016
1. Wenn niemand darauf reagiert...
Wenn niemand darauf reagiert, könnte man ja annehmen, dass alle das machen und sich niemand aus der Deckung traut, weil er selbst Dreck am Stecken hat... Alle sitzen im Glashaus und lassen die Steine schön am Boden liegen...
Oihme 28.04.2016
2.
Zitat von EmmiWenn niemand darauf reagiert, könnte man ja annehmen, dass alle das machen und sich niemand aus der Deckung traut, weil er selbst Dreck am Stecken hat... Alle sitzen im Glashaus und lassen die Steine schön am Boden liegen...
Sollen die Dortmunder protestieren und prompt als schlechte Verlierer beschimpft werden? Oder andere Mannschaften, die gegen Liverpool verloren haben? Der Schlüssel liegt bei der FIFA, nach gegenwärtiger Rechtslage müsste ein weiterer Liverpool-Spieler des Dopings überführt worden sein, damit wenigstens für die ZUKUNFT bestraft werden kann. Rückwirkeng geht da leider eh nichts.
Luna-lucia 28.04.2016
3. könnte der BVB
jetzt auf eine Spiel-Wiederholung klagen?
Draco Silvano 28.04.2016
4.
Zitat von EmmiWenn niemand darauf reagiert, könnte man ja annehmen, dass alle das machen und sich niemand aus der Deckung traut, weil er selbst Dreck am Stecken hat... Alle sitzen im Glashaus und lassen die Steine schön am Boden liegen...
Ja, es ist zumindestens verwunderlich, dass in sehr vielen Sportarten gedopt wird aber in der weltweit populärsten so gut wie gar nicht. Andererseits muss man auch berücksichtigen, dass der Vorteil durch Doping bei Sportarten größer ist, wo es allein um Kraft und Ausdauer geht (Gewichtheben, Weitwurf, Radfahren, Laufen, Schwimmen usw.). Und zusätzlich eher in Einzelsportarten. Denn was nützt ein gedopter Spieler, wenn der Rest des Teams nicht mitzieht. Und besser spielen kann ein gedopter Spieler auch nicht. Er kann höchstens länger laufen und ist körperlich robuster. Aber zum "Messi" wird man auch mit jahrelangem Doping nicht. Somit könnte man also schon zu dem Schluss kommen, dass Doping bei Teamsportarten einfach weniger Sinn macht und daher so selten vorkommt.
Draco Silvano 28.04.2016
5.
Zitat von Luna-luciajetzt auf eine Spiel-Wiederholung klagen?
Klar könnte der BVB klagen. Aber der BVB hat gleich nach bekanntwerden des Dopings diese Möglichkeit wegen "Aussichtslosigkeit" ausgeschlossen. Denn die Vergangenheit hat gezeigt, dass die FIFA oder die UEFA nachträglich keine Strafen verhängt. Sprich die Spielwertung bleibt erhalten. Es wird lediglich der Spieler für die Zukunft gesperrt.
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