Liverpool-Trainer Klopp Gegen den Wind

Das Märchen schien gut zu enden, der FC Liverpool steuerte auf die erste Meisterschaft seit Ewigkeiten zu. Doch Jürgen Klopp und sein Team bekommen Gegenwind aus allen Richtungen.

Jürgen Klopp
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Jürgen Klopp


Jürgen Klopp konnte sich die Titelzeilen des nächsten Tages schon ausmalen, und begann mit einer Art Entschuldigung. "Ich weiß, niemand findet gut, wenn ich das sage", hob der Trainer des FC Liverpool an, "aber der Wind kam heute aus allen möglichen Richtungen und hat niemandem geholfen, Fußball zu spielen." Dabei lächelte er etwas gequält.

Seine Elf hatte im torlosen Stadtderby gegen Everton zwar fußballerischen und meteorologischen Sturmböen erfolgreich getrotzt, es aber versäumt, eine der vielen Chancen zum Sieg zu nutzen.

Klopp gab sich anschließend Mühe, das 0:0 im Goodison Parkals "okay" abzuhaken, doch die hängenden Schultern seiner Spieler zeugten davon, dass es am Sonntagnachmittag sehr wohl Sieger und Verlierer gegeben hatte.

ManCity wirkt nicht, als könnte es Probleme bekommen

Für Liverpool dürfte sich das Unentschieden wie eine schmerzhafte Niederlage angefühlt haben, da es die Tabellenspitze kostete. Knapp zwei Monate hatten die Reds vor Manchester City in Führung gelegen, der Vorsprung zwischenzeitlich sieben Punkte betragen; der erste Titel seit 29 Jahren erschien nicht nur möglich, sondern recht wahrscheinlich.

Doch nun hat Klopps in der Offensive etwas uninspiriert wirkende Elf mit dem vierten Unentschieden in sechs Ligapartien die Initiative an den amtierenden Meister Manchester City abgeben. Das Team von Pep Guardiola gewann seit dem 2:1-Sieg im direkten Duell Anfang Januar sieben von acht Spielen, liegt jetzt mit einem Zähler vorne und macht derzeit auch nicht den Eindruck, als ob es in den verbleibenden neun Partien in Schwierigkeiten kommen könnte.

Liverpool hingegen droht der Alptraum einer historisch guten Saison mit Punkterekord, der aber nur für den zweiten Platz reicht. "Vom Winde verweht: Liverpool kommt im Titelrennen vom Kurs ab", titelte die "Times" in Anlehnung an Klopps Wetterempfindlichkeit spöttisch.

"Gegen uns strengen sich alle besonders an"

Der Deutsche wirkte leicht angefasst. Er hat auf der Insel weit mehr als meteorologische Widrigkeiten zu überwinden. Schon bei seinem Amtsantritt im Oktober 2015 ahnte er, dass in Liverpool nach Jahrzehnten der unerfüllten Sehnsucht ein "Rucksack der Geschichte" die Beine schwerer als anderswo macht. Er schaffte es mit der ihm typischen Von-Spiel-zu-Spiel-Rhetorik, die Gedanken an Traumata der Vergangenheit von den Köpfen der Spieler wegzuhalten, musste aber in den vergangenen Wochen einigermaßen verblüfft feststellen, dass ihm neben Peps Übermannschaft auch die unbedingte Entschlossenheit der anderen Vereine den Weg zum Ruhm blockiert. "Gegen uns strengen sich alle besonders an", entfuhr es ihm neulich.

Es ist nämlich keineswegs so, dass Fußball-England dem wackeren Traditionsklub von der Mersey im finanziell ungleichen Kampf mit dem Abu-Dhabi-Öl-Milliarden-Konstrukt Manchester City herzhaft die Daumen drückt und man zwischen Bournemouth und Newcastle liebend gern dem 51-Jährigen mit der Baseballkappe den Titel gönnen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Niemand will den entthronten Rekordmeister wieder ganz oben sehen, natürlich schon gar nicht die Anhänger des FC Everton.

Vor der Partie am Sonntag und in der Halbzeit spielte der Stadion-DJ drei Songs der Band Oasis aus Manchester, deren Mitglieder erklärte City-Ultras sind. Das war kein Zufall, sondern eine musikalische Kampfhandlung. Selbst zahlreiche Manchester-United-Fans sehen vor dem vermutlich titelentscheidenden Derby gegen City Ende April eine neuerliche Meisterschaft der Guardiola-Elf als das kleinere Übel an.

Klopp weiß nicht mehr auf alle Fragen eine Antwort

Dass nicht er und seine Elf als sportliche Außenseiter die Sympathien genießen, ist für Klopp nach Dortmund eine völlig neue Erfahrung. Leichter gestaltet sich seine Mission dadurch nicht. Liverpool wird nach jedem enttäuschenden Ergebnis genüsslich der stereotype Verdacht unter die Nase gerieben, dass es der Belegschaft an der nötigen Nervenstärke mangele.

Klopp, der bewährte Mannschaftsbeschleuniger, kommt aktuell die undankbare Rolle zu, Tempoverlust und schleichende Ermattung moderieren zu müssen. Er bekommt Fragen gestellt, auf die es keine guten Antworten gibt, zum Beispiel: Warum trifft Star-Stürmer Mohamed Salah nicht mehr? Und er wird genötigt, sich für vermeintlich vorsichtige Einwechslungen zu rechtfertigen. "Wir können nicht mehr als 100 Prozent Risiko gehen und völlig durchdrehen. So funktioniert das nicht in der Premier League, wir spielen nicht Playstation", erklärte er den Reportern leicht verärgert.

In den kommenden Tagen wird er auch innerhalb der eigenen Reihen heftig gegen aufkommenden Fatalismus kämpfen und alle Beteiligten daran erinnern, dass Liverpool sehr wohl weiter Meister werden kann und auch in der Champions League gegen den FC Bayern (Hinspiel 0:0) keine schlechten Aussichten genießt. "Du kannst nur gewinnen, wenn du ruhig aber wach bleibst, selbstkritisch aber selbstbewusst - und am Ende an deine Chance glaubst."

Der Wind, das weiß er nach 18 Jahren auf der Bank, kann sich schnell wieder drehen.



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Nonvaio01 04.03.2019
1. es ist das uebliche Klopp problem
das system Klopp klappt 2-3 jahre, dann muss das team komplett ausgetauscht werden da die spieler am ende sind. das gleiche gab es in Dortmund auch. Der letzte schritt fehlt dann einfach. Bei Mainz ist das nicht so aufgefallen, da gute spieler Verkauft wurden und ersetzt wurden. Mo Salah trifft nicht mehr soviel, weil man ihn nun kennt, und die verteidiger sich auf ihn eingestellt haben. Ich wuerde Liverpool aber den Titel goennen, weil ich die einfach mag, nicht wegen Klopp, sondern weil es Liverpool ist.
dr_nutschie 04.03.2019
2. Sehr guter Artikel Herr Honigstein
Vor 2 Wochen sah ich Everton zu Hause gegen Man City. Null Stimmung , kein Support seitens der Fans. Keine Aggressivtät auf dem Platz . Die pure Kapitulation. Das Spiel fühlte sich an wie ein Freundschaftsspiel. Dann gestern das Spiel gegen Liverpool. Das komplette Gegenteil. Das Stadion ein Tollhaus.Aggressivität ohne Ende. Everton hat alles und mehr rausgehauen. Das hat mich schon gewundert. Hoffe dass Liverpool diese Wahnsinns Saison noch mit der Meisterschaft Krönen kann . Klopp und seine Jungs hätten es so verdient.
peterpretscher 04.03.2019
3. Ergeht es Klopp mit Liverpool, wie...
Dortmund in der Bundesliga? Dortmund wurde Herbstmeister mit vielen Punkten Vorsprung vor den Bayern, genau wie Liverpool vor Manchester City. Jetzt hat sich die Situation geändert und MC liegt mit einem Punkt vor Liverpool. In der BL das gleiche Bild. Der FCB liegt gleichauf mit dem BVB und hat das leichtere Programm mit einem Heimspiel gegen den BVB! Wer wird Meister in der PL und in der BL?
roulaison 04.03.2019
4. Sehr starker
Artikel. Macht Spaß zu lesen.
Levator 04.03.2019
5. Klopp
Möglicherweise eine Duplizität der Ereignisse: Liverpool mit großem Punkteabstand zur Halbserie und Dortmund mit noch größerem Punkteabstand verlieren auf den letzten Metern. Tut weh, ist aber kein Beinbruch. Die beiden Vereine haben Zukunft und vor allem aber unisono Zuspruch von allen Seiten. Weiter so! Fußball darf niemals arithmetisch zu berechnen sein, sondern mitreißend, spannend, unerwartet und begeisternd. Wenn es diese Saison nicht klappen sollte dann ein anderes Mal. Merksatz: nichts unter dieser Sonne währt ewig. Weder City noch Bayern...
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