Liverpools Finaleinzug This is Klopp

Der FC Liverpool hat es geschafft - als einziges nicht spanisches Team steht die Elf von Jürgen Klopp in einem europäischen Finale. Verantwortlich dafür ist der Trainer, den manche schon mit einem ganz Großen vergleichen.

Aus Liverpool berichtet


Bill schwamm im Wehmut. Der ältere Mann war trunken, auch vor Freude. "Das hat mich heute an die Siebzigerjahre erinnert", sagte er mit leicht feuchten Augen. Heute - das war die nächste beeindruckende Anfield-Nacht des FC Liverpool in der Europa League, der 3:0-Rückspielerfolg gegen den FC Villarreal und damit der Einzug ins Endspiel nach Basel.

Bill war dabei, als der FC Liverpool Ende der Siebziger seine ersten beiden Europapokale der Landesmeister gewann. Trainer war Bob Paisley, aber Bill erwähnt vor allem dessen Vorgänger, den sie auch Bill nannten, um eine Brücke zur Gegenwart zu schlagen. Bill Shankly, der große Baumeister des Liverpooler Fußballs.

Später sagte auch die Taxifahrerin, dass Jürgen Klopp sie an Bill Shankly erinnere. Der Trainer hatte den FC Liverpool großgemacht, aber zur Legende wurde der bekennende Sozialist, weil ihm die Einheit zwischen den Fußballern und den Fans, meistens aus einfachen Verhältnissen, sehr wichtig war.

Fans und Mannschaft waren eins

So romantisch ist der Fußball schon längst nicht mehr, und Jürgen Klopp nach gerade mal sieben Monaten an der Merseyside mit Shankly zu vergleichen, ist gewagt. Aber ein Argument hatten die Verehrer des deutschen Trainers auf ihrer Seite: Beim Sieg über Villarreal waren Fans und Mannschaft eins in einer Leidenschaft, die für den Gegner dann "doch vielleicht ein bisschen überraschend kam", wie Liverpools Torwart Simon Mignolet anmerkte.

"Es war unglaublich, was die Fans geleistet haben", sagte auch Emre Can. Der deutsche Nationalspieler hatte sich drei Wochen zuvor beim spektakulären 4:3 gegen Borussia Dortmund am Knöchel verletzt. Seine schnelle Genesung kam überraschend. Dass er gegen Villarreal in der Startelf stand, aus dem defensiven Mittelfeld heraus das Spiel prägte und über 90 Minuten den Fußball nach Art von Klopp durchhielt, war überraschender.

Drauf, drauf, drauf. Pressing, Gegenpressing, voll drauf. Irgendwann stand Liverpools Kolo Touré einmal vor Villarreals Torwart Alphonse Aréola, um dessen Abwurf zu verhindern, statt auf seinen Posten als Innenverteidiger zurückzueilen.

Mannschaft und Fans des FC Liverpool waren an diesem Abend einig, dass es schon gelingen wird, den 0:1-Rückstand aus dem Hinspiel aufzuholen. Weil sie es so wollten.

Zoff mit dem Gäste-Trainer

Klopp genoss den Triumph, feierte in einer Soloshow im und um den Mittelkreis herum mit den Zuschauern den Sieg. Marcelino, Trainer des FC Villarreal, fand, dass sein Kollege es zu weit getrieben hatte, wie auch schon vorher an der Seitenlinie. "Ich möchte nicht eine Sekunde meines Lebens so sein wie er", ätzte Klopp zurück, "auch wenn er ein großer Trainer ist."

Jürgen Klopp hat nun zum fünften Mal in fünf Jahren ein bedeutendes Finale erreicht. Lediglich ein Endspiel gewann er, gleich das erste mit Borussia Dortmund im DFB-Pokal 2012 gegen den FC Bayern. Am 18. Mai will Klopp die Serie der Enttäuschungen brechen, in Basel wird Titelverteidiger FC Sevilla der Gegner sein.

"Die Chancen stehen 50:50", sagte Dejan Lovren, "wir müssen ruhig und zuversichtlich bleiben." Der kroatische Innenverteidiger zählt sich zu den Spielern, die wie ausgetauscht seien, seitdem Klopp den FC Liverpool trainiert: "Wir spielen jetzt mit einem Lächeln." This is Anfield, ist der berühmte Spruch. Bald heißt es: This is Klopp.

Es ist aber weitaus eher der internationale Wettbewerb, in dem die Reds mit ihrem aufwändigen Fußball begeistern und erfolgreich sind. In der Liga dümpelt der Klub auf dem achten Platz vor sich hin. "Das ist Mittelmaß. Aber wegen des Einzugs ins Finale ist die Saison jetzt trotzdem schon positiv zu sehen", sagte Campino und natürlich am Donnerstag vor Ort.

Der Sänger der Toten Hosen ist seit vielen Jahren Fan des FC Liverpools. Er war begeistert von der Atmosphäre und erstaunt, welches "Wahnsinns-Standing der Jürgen Klopp hier hat". Einen Beleg dafür trägt ein Fan auf seiner rechten Wade. Er hat sich Klopps Kopf als Tattoo stechen lassen - direkt darunter ist ein Banner mit dem Schriftzug "Shankly" zu lesen.

Meinungskompass


insgesamt 43 Beiträge
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grand finale 06.05.2016
1. die englaender
lieben ihn wirklich... ich wirds Ihm goennen den pokal zu holen! mit diesem guten Jahr in "Europa" und mehr und mehr konzeptrainer wie Pep, Klopp Raineri auf der Insel kann man nur hoffen das die EPL international zu alter staerke findet...
Adlatus 06.05.2016
2. Nomen est Omen
Da brat mir doch einen Storch, hätte ich gewettet, ich hätte glatt verloren. Villa schmeißt Leverkusen raus und kassiert in Liverpool 3 Buden. Klopp mach seinem Namen alle Ehren: Den spanischen Stier "verkloppt" Nun wenn man ein paar mal die Reißermaske von Kloppe gesehen hatte, da mußte den Spielern von Villa ja schon das Herz in die Hose rutschen: Quer gestellter Ober und Unterkiefer mit gefletschten Zähnen. Glückwunsch Herr Klopp und Glückwunsch an Liverpool. Übrigens Klopp hat noch kein Spiel gegen eine spanische Mannschaft verloren: Real Malaga Villareal
pb-sonntag 06.05.2016
3. Zwei sportliche Ereignisse, die mir Freude bereien
Liverpool im Pokal-Finale und Bayern München nicht.
stranzjoseffrauss 06.05.2016
4. Die Magie des J. Klopp
scheint aber nur in Europa zu wirken, und weniger in der Liga.
richandpoor 06.05.2016
5. Gutes Match.
Es war beeindruckend, mit welchem Elan die Reds das Spiel angingen. Besonders gefallen haben mir die präzisen Pässe, die fast immer punktgenau landeten. Einen ähnlich guten Kampfgeist hatte man in der zweiten Halbzeit gegen den BVB gesehen. Klopp hat schon sichtbar einiges zum positiven verändert. Die Mannschaft ist geschlossen und nicht mehr verzagt wie früher. Wenn die so weitermachen, werden sie nächstes Jahr ganz oben stehen.
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