Liverpools Topstar Mohamed Salah Plötzlich wieder ein normaler Stürmer

In der vergangenen Saison war Mohamed Salah Englands Top-Torjäger. Doch in dieser Spielzeit hat der Angreifer Probleme. Bei der Niederlage in Neapel gelang Liverpool kein einziger Schuss aufs Tor.
Aus Neapel berichtet Benjamin Knaack
Mohamed Salah (l.), Mário Rui

Mohamed Salah (l.), Mário Rui

Foto: CIRO DE LUCA/ REUTERS

Kurz vor Ende des Champions-League-Spiels zwischen der SSC Neapel und dem FC Liverpool gab es dann doch noch eine dieser unverwechselbaren Mohamed-Salah-Szenen. Der Star-Angreifer der Engländer bekam einen Steilpass in den Lauf gespielt, er hastete dem Ball hinterher, wurde schneller und schneller, sein Haar wippte auf und ab. Fünf Meter, drei Meter, wenige Zentimeter fehlten nur noch - und dann?

Dann war Neapels Torhüter David Ospina in den Ball gerutscht und hatte die Situation geklärt.

Mohamed Salah, der Superstar des FC Liverpool, der in der vergangenen Saison 44 Tore in 52 Spielen geschossen hatte, der Fans überall auf der ganzen Welt, speziell aber in England, Ägypten und anderen arabischen Ländern mit seinem rasanten Spiel begeisterte, hatte wieder kein Tor erzielt.

Neapel an der Spitze

Wann ist ein Stürmer in der Krise? Wenn er monatelang keine Tore erzielt? Wenn das die Definition ist, dann ist Salah in keiner Krise, schließlich hat er in dieser Saison bereits dreimal in sieben Premier-League-Spielen getroffen. Eine ordentliche Quote für einen Torjäger, aber Salah hat die Erwartungen durch seine vergangene Fabelsaison so in die Höhe getrieben, dass Fans und Experten besorgt auf den Angreifer blicken. Ist das nicht zu wenig?

Liverpool verlor die Partie bei der SSC Neapel. Auch weil Salah in der 85. Minute nicht an den Ball kam. Vor allem aber, weil Lorenzo Insigne in der 90. Minute das (bei Weitem nicht ausverkaufte) San-Paolo-Stadion von Neapel zum Kochen brachte. Sein spätes Tor sorgte dafür, dass die Italiener nun mit vier Punkten in der Gruppe C auf dem ersten Rang stehen - und Liverpool punktgleich mit Paris Saint-Germain dahinter liegt. Gegen die Franzosen hatten die Engländer am ersten Spieltag noch gewonnen.

Lorenzo Insigne erzielt den einzigen Treffer

Lorenzo Insigne erzielt den einzigen Treffer

Foto: FILIPPO MONTEFORTE/ AFP

Salah hatte sich zuletzt noch einmal an die starke abgelaufene Saison erinnern können, als sein Treffer aus der Partie gegen Everton, ein feiner Schlenzer in die Ecke, von der Fifa zum Tor des Jahres gewählt worden war. Eine schöne Auszeichnung für einen Torjäger, fast so schön wie die Torjägerkanone (die Salah in der Premier League ebenfalls gewonnen hatte). Ein kleiner Trost dafür, dass die Saison mit der Verletzung der Schulter - nach einem Foul von Sergio Ramos - und der Niederlage im Champions-League-Finale so schmerzlich geendet hatte.

Versprungener Ball, Missverständnis mit dem Torwart

Seit dieser Verletzung sucht Salah seine alte Form. Die WM mit Ägypten war keine Offenbarung, zwei Tore machte er zwar, doch die Spiele gingen allesamt verloren. Salah musste zudem als Propaganda-Coup für den tschetschenischen Autokraten Ramsan Kadyrow herhalten, und legte sich sogar mit dem Verband an. Salah hatte mehr Sicherheitsmaßnahmen für die Nationalmannschaft gefordert und bessere Absprachen, was Marketingmaßnahmen angeht.

Und in dieser Saison? Ein Tor gegen West Ham, eins gegen Brighton, eins gegen Southampton. Das war es dann auch schon. Gegen Neapel sahen seine typischen Szenen so aus: Salah verstolpert den Ball ins Aus. Salah bekommt den Ball mittig, aber sein Schuss landet in den Verteidigerbeinen. Salah missversteht Liverpool-Keeper Alisson Becker, dessen Pass wird gefährlich abgefangen und führt zu einer Ecke für Neapel.

Liverpool-Trainer Jürgen Klopp kritisierte nach der Partie keinen seiner Spieler namentlich, war aber dennoch deutlich: "Nur zu wollen, reicht nicht. Unser Timing in der Defensive war nicht gut", sagte er. "Wir haben nicht viele Chancen kreiert, die zweite Hälfte war nicht okay. Es ist immer schlecht, wenn man sagen muss, dass der Torhüter der beste Mann ist. Heute war das so."

Video: Jürgen Klopp nach dem 0:1 in Neapel

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Als er auf eine für Liverpool-Verhältnisse außergewöhnliche Statistik angesprochen wurde - die Reds hatten keinen Schuss auf das Tor abgegeben -, konnte Klopp es erst gar nicht glauben, schnappte sich den Spielbericht und überprüfte den Fakt. "Ich weiß nicht, wann das das letzte Mal passiert ist", sagte er dann: "Natürlich hat Neapel gut verteidigt, aber wir haben an dieser Statistik auch einen großen Anteil." Zumindest der letzte Satz dürfte auch auf Salah bezogen gewesen sein.

Koulibaly wird Salahs Albtraum

Ein Grund für den schwachen Auftritt von Salah war Neapels Innenverteidiger Kalidou Koulibaly, der an diesem Abend stets zu wissen schien, was Salah vorhatte. Salah setzte zum Dribbling an? Koulibaly nahm ihm den Ball ab. Salah holte den Ball im Sprung artistisch aus der Luft? Koulibaly wartete am Boden. Salah ging zum Kopfball hoch? Koulibaly stieg höher.

Salah wirkte teilweise frustriert - von sich, von seinen Mitspielern, vom Schiedsrichter. Im Vorfeld der Partie hatte Klopp versucht, die These von einer Krise seines Torjägers kleinzureden. Salah sei immer gefährlich und habe seine Offensivszenen, sagte Klopp. Doch auch er musste zugeben, dass Salah "natürlich nicht glücklich" sei. "Das ist ganz normal in seiner Situation. Aber dafür bin ich ja da."

Klopp muss Salah nun aufbauen, mit der kurzen Umarmung kurz nach Spielschluss dürfte das Problem nicht behoben sein. Vielleicht hilft ja ein Blick in die Statistik, um Salah Mut zu machen. In der vergangenen Saison hatte Salah nach sieben Liga- und zwei Champions-League-Spielen nur zwei Tore mehr geschossen als heute.

Und der Rest ist bekannt.

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