Salzburgs Start in der Champions League Mit Mozart, Henkelpott und Toptalenten

Sechs Treffer, drei Punkte, große Euphorie: Der FC Salzburg erlebt beim Debüt in der Champions League einen triumphalen Abend. Weil die neuen Youngster des Klubs nicht zu kontrollieren waren.
Erling Haland lässt sich von den Fans feiern

Erling Haland lässt sich von den Fans feiern

Foto: REUTERS/Leonhard Foeger

In der Nachspielzeit dieses Spiels sangen sie auf der Nordtribüne den ältesten aller Fankurven-Evergreens: "Oh, wie ist das schön. Sowas hat man lange nicht gesehen." Was nicht ganz stimmte. Denn so etwas hatten die Fans hier noch nie gesehen: einen Sieg des FC Salzburg in der Champions League. Es war das erste Spiel in der Königsklasse überhaupt für den Klub, und es war spektakulär: 6:2 (5:1) gegen den KRC Genk, ein halbes Dutzend Tore beim Debüt.

Schon vor Anpfiff herrschte große Euphorie, oder wie es Salzburgs Altstar und Mittelfeldstratege, der Ex-Bremer Zlatko Junuzovic, ausdrückte: "Emotionaler Wahnsinn." Endlich ein ausverkauftes Stadion, ein europäischer Abend mit fast 30.000 Zuschauern.

Salzburg freut sich über ein 6:2 gegen Genk

Salzburg freut sich über ein 6:2 gegen Genk

Foto: Yorick Jansens/BELGA/dpa

Anders als im tristen Liga-Alltag, in der sie die Kontrahenten zwar nach Belieben dominieren, nach sieben Spielen mit 21 Punkten und 34:6 Toren weit vorne liegen - was aber kaum interessiert. In den vergangenen fünf Saisons in der österreichischen Liga lag Salzburgs Zuschauerschnitt immer unter 10.000 Fans. Laut Transfermarkt.de war ein Heimspiel des Vereins letztmals in der Saison 2007/2008 ausverkauft.

Kurz vor 21 Uhr dann, als die lang ersehnte und den hiesigen Fans nur aus Funk und Fernsehen bekannte Champions-League-Hymne ertönte, hielten manche Anhänger einen selbst gebastelten Henkelpott in die Höhe, im Fanblock der Nordkurve entrollten sie ein Plakat mit einem überdimensionalen Wolfgang-Amadeus-Mozart-Porträt.

Erling Haland ist Salzburgs neuer Hoffnungsträger

Was hatte Salzburg diesem Tag entgegengefiebert! War der FC Red Bull seit der Übernahme des Vorgängervereins SV Austria Salzburg 2005 durch das Getränkehersteller-Imperium von Dietrich Mateschitz doch mit sagenhafter Konsequenz in der Qualifikation gescheitert. Gleich elfmal in Folge flog der Klub gegen kleinere Fußballklubs wie Maccabi Haifa und Hapoel Tel Aviv raus, einmal hieß der Gegner HNK Rijeka aus Kroatien, das peinlichste Quali-Aus war vielleicht gegen F91 Düdelingen aus Luxemburg in der Saison 2012/2013.

Doch seit Dienstagabend wird daran kein Gedanke mehr verschwendet.

Natürlich hätten sich die Salzburger zum Auftakt keinen dankbareren Gegner wünschen können. Der belgische Meister aus Genk und derzeit Tabellenneunte offenbarte in etwa das spielerische Niveau wie sonst in der heimischen ÖFB-Liga die Teams aus Hartberg, Altach und St. Pölten.

Doch es beeindruckte, wie sich Salzburg in einen Rausch spielte, mit Tempo und Dynamik, mit Spielwitz und unbändigem Willen. Und natürlich mit Erling Håland. Der 19-jährige Norweger war mit seinen drei Toren der überragende Mann des Abends. Ein Riese mit 1,91 Metern, bullig, wuchtig, aber mit feinster Technik und Ballbehandlung ausgestattet. Ein Toptalent, das nun hervorstechen kann, weil Salzburg Jahr für Jahr seine besten Spieler für viel Geld verkauft, so wie einst Sadio Mané oder Naby Keita, die in Salzburg auf sich aufmerksam machten - und jetzt in Liverpool Superstars sind, bei Salzburgs nächstem Champions-League-Gegner am 2. Oktober (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky und Dazn).

US-Coach Jesse Marsch hat ein schweres Erbe angetreten

Ein weiterer interessanter Spieler ist Dominik Szoboszlai, ein 18-jähriger Ungar, der kurz vor der Halbzeit zum 5:1 traf. Dazu im Mittelfeld als Spielgestalter der 20 Jahre alte Antoine Bernede, bei Paris Saint-Germain bereits ausrangiert, und an der Seitenlinie Trainer Jesse Marsch. Der US-Amerikaner aus Wisconsin arbeitete in der vergangenen Saison noch als Co-Trainer von Ralf Rangnick in Leipzig, im Sommer wurde er dann Nachfolger von Marco Rose, den es nach Mönchengladbach zog.

Für Marsch keine leichte Aufgabe: Zahlreiche Spieler hatten Salzburg zuletzt vor allem in Richtung deutsche Bundesliga verlassen, nun muss er ein neues Team formen - und das sieht schon ganz gut aus.

Jesse Marsch und Hee-chan Hwang (zuletzt Leihspieler beim HSV) nach dem Erfolg gegen Genk

Jesse Marsch und Hee-chan Hwang (zuletzt Leihspieler beim HSV) nach dem Erfolg gegen Genk

Foto: Andreas Schaad/Bongarts/Getty Images

Der 45-Jährige, erster US-Coach in der Champions League, einer, der mit klassisch amerikanischem Optimismus der Mannschaft Selbstvertrauen schenkt und sie unentwegt nach vorne treibt. Bezeichnend die letzten Minuten der Nachspielzeit, als sämtliche Salzburger Feldspieler in der belgischen Hälfte mit aller Macht auf das siebte Tor drängten - als sei es noch spielentscheidend. Zu Erling Håland sagte Marsch: "Er ist ein guter Junge. Ein guter Mensch. Alle in der Mannschaft lieben ihn."

Rührselig wurde Marsch danach aber nicht. Der Trainer dachte schon an die nächsten und dann wirklich schweren Gegner. "Wir müssen besser spielen, um gegen Liverpool und Neapel zu bestehen", sagte er, ergänzte dann auch: "Mit dieser Mannschaft haben wir in der Gruppe ein großes Potenzial."

In Salzburg träumen sie schon davon, die Königsklassen-Hymne noch über die Gruppenphase hinaus zu hören - und ihren Mozart bis zum Frühjahr zu entrollen. Davor geht es am Sonntag auf der Linzer Gugl gegen den LASK. Danach am Mittwoch zu Rapid nach Wien-Hütteldorf. Ohne den grauen Alltag geht es auch für Salzburg nicht.

RB Salzburg - KRC Genk 6:2 (5:1)
1:0 Haland (2.)
2:0 Haland (34.)
3:0 Hwang (36.)
3:1 Lucumi (40.)
4:1 Haland (45.)
5:1 Szoboszlai (45.+3)
5:2 Samatta (52.)
6:2 Ulmer (66.)
Salzburg: Stankovic - Kristensen (83. Farkas), Andre Ramalho, Wöber, Ulmer - Bernede, Junuzovic - Minamino, Szoboszlai (62. Okugawa) - Haaland (72. Daka), Hwang
Genk: Coucke - Maehle, Dewaest, Lucumi, Uronen - Berge, Heynen (85. Onuachu) - Hrosovsky - Ndongala (72. Hagi), Samatta, Ito (46. Bongonda). - Trainer: Mazzu
Schiedsrichter: Zwayer (Deutschland)
Gelbe Karten: Kristensen, Bernede, Szoboszlai - Bongonda, Samatta
Zuschauer: 29.520