Trainerwechsel auf Schalke Heidels Werk und Tönnies' Beitrag

Schalke hat eine ungewöhnlich schlechte Saison gespielt - und dennoch blieb es lange ruhig um Markus Weinzierl. Diese Chance hat der Trainer nicht genutzt.

Aus Gelsenkirchen berichtet


Es ist beruhigend, dass manche Dinge im rasant fortschreitenden Weltgeschehen am Ende doch noch so bleiben, wie man sie kennt. Auch der FC Schalke 04 schien sich ja plötzlich in ein fremdes Wesen zu verwandeln: Trotz einer schwachen Saison gab es keine hysterische Trainerdiskussion, Aufsichtsratschef Clemens Tönnies schwieg, auf Schalke herrschte Ruhe, während drüben in Dortmund der Wahnsinn tobte.

Manche Beobachter lobten das, andere fanden, Schalke sei dabei, sich in eine graue Maus zu verwandeln. Nicht mehr verrückt, chaotisch und zumindest einigermaßen erfolgreich, sondern vernünftig, langweilig und sehr mittelmäßig.

Nun sind sie mit etwas Verspätung doch einem wohl bekannten Reflex gefolgt und haben - zu diesem Zeitpunkt etwas überraschend - ihren Trainer Markus Weinzierl entlassen.

Nachfolger wird höchstwahrscheinlich Domenico Tedesco von Erzgebirge Aue, es wäre eine für Christian Heidel sehr typische Lösung. Als Verantwortlicher in Mainz hat der Manager Trainer wie Jürgen Klopp, Thomas Tuchel oder Martin Schmidt entdeckt. Tedesco passt bestens in diese Reihe. Allerdings, und das würde diese Personalie so interessant machen: Auch das alte Schalke schimmert hinter diesem Wechsel auf der Trainerbank hervor.

"Überall eine Entwicklung - nur nicht auf dem Spielfeld"

Wer genau hinsieht, kann eine langsame, zermürbende Demontage des erfolglosen Trainers erkennen, wie sie schon so viele von Weinzierls Vorgängern erleben mussten. Tönnies hielt diesmal zwar still, aber Heidel erklärte am Saisonende: "Ich möchte, dass die Mannschaft ein klares Konzept auf dem Platz zeigt", ein solches habe er unter Weinzierl "nicht erkannt". Das war ein kräftiger Hieb gegen den ehemaligen Augsburger, wobei Heidel zugleich betonte, er wolle das Thema Trainerwechsel "überhaupt nicht aufmachen".

Viele Zuhörer glaubten das tatsächlich, schließlich ist Heidel als Mann bekannt, der seinen Trainern lange vertraut. Kurz darauf beschimpfte allerdings der Spieler Yevgen Konoplyanka den Trainer als "Feigling", und verkündete, Weinzierl "bleibt nicht länger Trainer dieser Mannschaft, ansonsten steigt Schalke in die zweite Liga ab". Heidel kündigte eine Geldstrafe an, widersprach inhaltlich aber nicht. Und zuletzt hat Heidel angemerkt, dass es seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr "überall" eine Entwicklung gegeben habe - "nur nicht auf dem Spielfeld".

Diese Aussage zum vermeintlichen Fortschritt bezog sich wohl auf seine Leistung, den in den vergangenen Jahren permanent querschießenden Aufsichtsrat zu einem professionellen Verhalten bewegt zu haben. Aber natürlich ist der Fleischfabrikant Tönnies immer noch der hemdsärmelige Anpacker, als der er schon so manches Unheil in Gelsenkirchen angerichtet hat. Verwirrende öffentliche Verlautbarungen gehören nicht zu seinem Aufgabenfeld, an der Durchführung eines wohl durchdachten Trainerwechsels muss er aber mitwirken. Man kann sich gut vorstellen, wie es in Tönnies gebrodelt hat, während des tristen Frühjahrs, als die Schalker trotz des schwachen Saisonstarts beste Chancen hatten, in der Bundesliga einen Europapokalplatz zu erreichen und einen Europa League Coup zu landen. Und am Ende doch auf ganzer Linie enttäuschten.

Die Vorzeichen sind gut, dass Schalke vor besseren Zeiten steht

In dieser Zeit ist Tönnies sogar für seine Kritiker zu einer Art Hoffnungsträger geworden. Denn von Heidel und Weinzierl fühlten sich am Saisonende viele Schalker nicht mehr repräsentiert, die beiden Hauptverantwortlichen für den sportlichen Bereich wirkten zu vernünftig und zu wenig emotional. In diesem Konstrukt war Tönnies plötzlich der Mann mit Gespür für die Schalker Seele; ein Mann, der die Schalker Empfindungen besser versteht als der fachlich zwar respektierte Heidel, der Schalke aber einen Teil seiner emotionalen Wucht genommen hat. Eine Wucht, die in manchen Momenten viel zerstören kann, die aber auch den Zauber dieses Klubs ausmacht.

Nun entsteht ein neues Konstrukt, es kommt ein neuer spannender Trainer, angeblich stehen rund 40 Millionen Euro bereit, um das Team zu verstärken, dauerverletzte Spieler wie Breel Embolo, Coke oder Naldo kehren zurück und Leon Goretzka muss wahrscheinlich bleiben. Womöglich legen Heidel und Tönnies gerade mit einem Jahr Verspätung die Basis für das neue spannende Projekt, das der FC Schalke schon so lange werden soll.

Und ein ganz entscheidender Fortschritt scheint ja tatsächlich gelungen zu sein: Der Aufsichtsrat hat gelernt, seine Arbeit als intern wirkendes Organ zu erledigen. Dass Weinzierl trotzdem so erfolglos blieb, sprach dann tatsächlich gegen diesen Trainer.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Boesor 09.06.2017
1.
Den vorletzten Absatz hätte ich mir etwas ausführlicher gewünscht. Z.B. woher kommen diese 40 Mio Euro die zur Verfügung stehen sollen? Wieso wird Goretzka wahrscheinlich bleiben müssen? Inwiefern wird z.B. ein Naldo (fast 35 Jahre) dem Team weiterhelfen? Neee, die Zeichen auf Schalke standen in den letzten Jahren angeblich immer mal wieder gut...
peterw 09.06.2017
2. Wunschtrainer von Heidel
Heidel hat seinen damaligen Wunschtrainer gefeuert. Hoffentlich hat er nun ein besseres Händchen.
karl.acker 09.06.2017
3. Endlich
mal ein fundierter Artikel über Schalke. Danke! Keinen Widerspruch.
crazydee 09.06.2017
4. Und wann geht Heidel?
Schließlich hat er wider aller wirtschaftlichen Vernunft eine Millionenablöse für einen Trainer ausgegeben. Das ist meiner Meinung nach eine beispiellose Tat zum Schaden des Vereins.
kahabe 09.06.2017
5. Was nun?
Ob Bottrop Ost ein im Abstiegskampf erfahrener Trainer was nützt? Gemeinsam in den Untergang? Hoffentlich doch nicht, meint einer aus Lüdenscheid Nord...
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