Schalke vor dem Revierderby Der Weg der kleinen Schritte

Vor dem Revierderby gegen den BVB herrscht angesichts der sportlichen Situation gute Stimmung bei Schalke 04 - ausnahmsweise. Trainer David Wagner dämpft die Erwartungen, ohne tiefzustapeln.

David Wagner
Alex Grimm/Getty Images

David Wagner


Man mag es kaum glauben, doch bei Schalke 04 ist man aktuell guter Dinge. Der Klub, der mal als notorisch aufgeregt galt, ist am oberen Ende der Stimmungsskala angesiedelt, im Gegensatz zu Borussia Dortmund. Dass der BVB vor dem Derby am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL) in der Tabelle vor dem Revierrivalen platziert ist, amüsiert fast schon ein wenig angesichts der schwarz-gelben Verwerfungen.

David Wagner forderte für die blau-weiße Seite: "Wir müssen uns so gut wie möglich von Euphorie und Emotionalität frei machen." Dabei hatte Schalkes Trainer unter der Woche die Euphorie noch geschürt. "Ich muss aufpassen, dass sich mir nicht die Nackenhaare aufstellen, wenn ich nur darüber rede", hatte Wagner mit Blick auf das Derby gesagt. Solche Sätze mögen Schalke-Fans, solche Sätze wünschten sich BVB-Fans von ihrem Trainer Lucien Favre.

Der Schweizer aber fremdelt im Ruhrgebiet, weil er sich stets von Emotionen frei macht. David Wagner hat hingegen verstanden, was dort außer der fachlichen Qualität gefragt ist. Sein Vorteil ist, dass er einst für Schalke spielte. Er war ein "Eurofighter", gewann mit den Königsblauen 1997 den Uefa-Pokal. "Der Schalker" wurde er deshalb beim BVB genannt, bei dem er zwischen 2011 und 2015 die zweite Mannschaft trainierte.

Wagner hat verstanden, dass die beiden Vereine auch für diejenigen Menschen in den beiden Städten eine große Bedeutung haben, die nicht ins Stadion gehen, keine Trikots kaufen, nicht jeden Spieler kennen.

Erwartungen dämpfen, ohne tiefzustapeln

Torsten Wieland ist ein Fan der Königsblauen. Seine nüchterne Sicht auf den Klub, die er früher in einem viel beachteten Blog und heute in sozialen Netzwerken darlegt, wird auch im Verein geschätzt. "Schalke hat kein perfektes Team, aber überhaupt wieder ein Team", schrieb Wieland nach dem 0:2 in Hoffenheim.

Die Fans gehen den Weg der kleinen Schritte mit. Wagner nimmt sie mit.

Er dämpft Erwartungen, ohne tiefzustapeln. Er benennt Defizite, ohne Spieler zu kränken. Er findet eine Stammformation und vermittelt den Ersatzspielern das Gefühl, zur Mannschaft zu gehören, obwohl sie meistens nur draußen sitzen. Die beiden Innenverteidiger Matija Nastasic, jahrelang Stammspieler, und Ozan Kabak, der 15 Millionen Euro Ablöse kostete, gehören zu dieser Gruppe. Spielern wie Amine Harit verhalf Wagner zu einem Leistungssprung, Omar Mascarell ist wieder auf dem Level, das ihn bei Eintracht Frankfurt so wertvoll machte.

Harit (v.) stand in dieser Saison achtmal in der Startelf und erzielte dabei vier Tore und zwei Vorlagen
Boris Streubel/Getty Images

Harit (v.) stand in dieser Saison achtmal in der Startelf und erzielte dabei vier Tore und zwei Vorlagen

"Die Jungs wissen ganz genau, dass wir das Ding als Gruppe angehen wollen. Ich kann nicht verlangen, dass jeder für alles Verantwortung trägt, aber dann nicht jeden versuchen mitzunehmen", sagte Wagner über seine Art des Teambuildings.

Langfristig zählen nur die Ergebnisse

Die Fähigkeiten des Trainers in der Kommunikation, auch nach außen, dürfte Jochen Schneider besonders schätzen. Der Sportvorstand kann so meistens im Hintergrund als Stratege wirken, wie es auch sein Plan ist.

Schneider hatte schon bei seiner Vorstellung gesagt, er wolle das Personal um die Mannschaft herum aufstocken, um gründlicher zu arbeiten. Als Vorbild diene dabei RB Leipzig, sein vorheriger Arbeitgeber.

Im Verein heißt es, dass jetzt tatsächlich vieles gemacht - und auch gut gemacht - werde, über das vorher nur geredet worden sei. Massimo Mariotti sei beispielsweise ein wichtiger Faktor. Der 57-Jährige wird oft als Integrationsbeauftragter beschrieben. Er nimmt Spielern Dinge ab, berät sie, dolmetscht, ist auch mal der Kummerkasten. Mariotti ist ein Puzzleteil, das für die gute Stimmung wichtig ist.

Der Verein wirkt im Vergleich zur desaströsen Vorsaison so gefestigt, dass auch eine Derbyniederlage nichts daran ändern würde. Langfristig jedoch, das sagte auch Wagner, zählen nur die harten Faktoren: "Gibt es einen Verein, bei dem Stimmung nicht von den Ergebnissen abhängig ist?"



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
spon1899 26.10.2019
1.
Schalke scheint auf dem Weg zu einem seriösen Klub. Das Restrisiko Tönnies muss man trotzdem immer im Auge behalten. Das Derby heute werden Sie meiner Meinung nach gewinnen.
super-m 26.10.2019
2. @#1
Schalkes Weg ist eine Illusion. Wie oft wurde alleine in den letzten Jahren geschrieben, es würde endlich ruhig auf Schalke werden. Wie oft wurden Personalien geholt, die endlich den Umschwung schaffen sollten. Am Ende war es doch wieder wie immer.
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