Landesbürgschaft für Schalke Wer zahlt die Zeche?

Der FC Schalke 04 ist hoch verschuldet. Als Überlebensstrategie sollen die Spielergehälter gedeckelt werden - und es braucht wohl eine Landesbürgschaft. Dafür nimmt der Verein einen Wettbewerbsnachteil in Kauf.
An der Arena von Schalke 04: Die Proteste einiger Fans gegen Clemens Tönnies nahmen Einfluss auf die Rücktrittsentscheidung als Aufsichtsratschef

An der Arena von Schalke 04: Die Proteste einiger Fans gegen Clemens Tönnies nahmen Einfluss auf die Rücktrittsentscheidung als Aufsichtsratschef

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SASCHA SCHUERMANN/ AFP

Am 30. Juni 2020 wird Peter Peters seinen letzten Arbeitstag beim FC Schalke 04 haben. In seinen 27 Jahren im Verein musste Peters oft über Geld sprechen. Zum einen, weil das am Ende als Finanzvorstand sein Job war, zum anderen aber auch, weil Schalkes Beziehung zum Geld eine chronisch problematische ist.

Nun, da die Folgen der Coronavirus-Pandemie selbst den deutlich besser gestellten Rivalen Borussia Dortmund zur Prognose eines Jahresverlusts von 45 Millionen Euro zwingen, ist es besonders problematisch. Wie das "Handelsblatt" und andere Medien am Montag berichteten , gewährt die Regierung von Ministerpräsident Armin Laschet den mit 197 Millionen Euro verschuldeten Schalkern wohl eine Landesbürgschaft von Nordrhein-Westfalen in Höhe von knapp 40 Millionen Euro. Also eine Sicherheit, um neue Kredite von Banken zu erhalten. Dass eine Entscheidung darüber bereits gefallen sei, wollte Laschet bei einer Pressekonferenz am Dienstag noch nicht bestätigen.

Landesbürgschaften gab es bereits bei Schalke: zuletzt beim Bau der Veltins-Arena 2001. Dass es erneut eine Bürgschaft für das Erhalten von Krediten braucht, zeigt, wie groß die wirtschaftliche Not im Klub momentan ist.

Schalke muss sparen und wählt zudem einen unbekannten Weg für den Klub. Neue Arbeitsverträge sollen künftig ein Gehalt von maximal 2,5 Millionen Euro vorsehen. So berichtete es zuerst die "Süddeutsche Zeitung" . Auf Anfrage des SPIEGEL sagte eine Vereinssprecherin, dass sich Schalke nicht zu Vertragsinhalten äußere, auch nicht zu denen von künftigen Verträgen.

Aus dem Verein ist aber zu hören, dass eine individuelle Gehaltsobergrenze tatsächlich geplant sei. Alle verfügbaren Kennziffern lassen die Summe von 2,5 Millionen Euro realistisch erscheinen.

Das Schalker Sparpotenzial

Schalke gab im Geschäftsjahr 2019 knapp 124 Millionen Euro für Personal aus. Davon dürften mindestens 80 Millionen auf die Profifußballer samt dem Trainerstab für Grundgehälter und Prämien entfallen sein. Bei etwa 30 Spielern und Trainern ergibt dies einen Durchschnitt von 2,66 Millionen Euro Gehalt und Prämien. Spieler mit dem ersten Vertrag im Seniorenbereich werden deutlich darunter liegen, Nationalspieler wie Suat Serdar und Weston McKennie darüber.

Die Rechnung zeigt, dass die Schalker künftig viel Geld sparen könnten.

Suat Serdar (l.) und Weston McKennie (2.v.l.) könnten Schalke bald zu teuer sein

Suat Serdar (l.) und Weston McKennie (2.v.l.) könnten Schalke bald zu teuer sein

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Alex Grimm/ Bongarts/Getty Images

Sie zeigt aber auch, dass viele Spieler, auch aus dem jetzigen Kader, zu teuer für ein königsblaues Trikot sein dürften. Der Verein wehrt alle Nachfragen zur neuen Strategie ab und verweist auf eine Medienkonferenz am Mittwoch. Dann wird auch über den Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies sowie die Analyse des sportlichen Niedergangs gesprochen werden, der angesichts anderer Themenfelder ein bisschen in den Hintergrund geraten ist:

  • der Härtefallantrag bei der Erstattung von Eintrittsgeldern

  • die Kündigung von Busfahrern der Jugendteams

  • vor allem der Coronavirus-Ausbruch in der Fleischfabrik des ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Tönnies

  • die Fanproteste gegen Tönnies, die letztlich zum Rücktritt führten, sowie die verbliebenen Vorstände Jochen Schneider (Sport) und Alexander Jobst (Marketing)

Da kommt selbst für einen problemerprobten Verein wie Schalke sehr viel zusammen.

Schalke nimmt den Wettbewerbsnachteil in Kauf

Gute Nachrichten sind daher umso willkommener. Die Nachricht, dass sich ein klammer Klub bei seinen Gehaltsausgaben freiwillig beschränkt, hört sich zunächst vernünftig an. Zuletzt brachten Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sowie DFB-Präsident Fritz Keller eine Obergrenze ins Spiel, um die teilweise sehr überdrehte Branche zu ökonomischer Vernunft zu bringen. Der aus dem US-Sport bekannte "Salary Cap", der meistens gemeint war, sieht aber die Deckelung bei einer Gesamtsumme vor.

"Leitbild leben - statt Werte schlachten": Protest gegen Clemens Tönnies

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RHR-FOTO/Dennis Ewert/ imago images/RHR-Foto

Am Beispiel von Schalke könnte es etwa heißen: Der Verein zahlt künftig für die Profiabteilung nur noch 40 Millionen Euro jährlich plus stärker leistungsorientierter Prämien. Dann könnte das Gehalt eines renommierten Spielers oder herausragenden Talents weiter um die fünf Millionen Euro liegen. Bei der geplanten individuellen Deckelung jedoch nimmt Schalke für jeden offensichtlich einen klaren Wettbewerbsnachteil in Kauf. Das Ansinnen, einen Stürmer zu verpflichten, der mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens zehn Tore in der Saison schießt, dürfte so noch schwieriger werden.

In Abwesenheit eines Finanzvorstands wird Jochen Schneider am Mittwoch die Fragen beantworten müssen, die sich aus einer grundsätzlich vernünftigen Nachricht ergeben. Für Schalke kam sie zum richtigen Zeitpunkt, obwohl der Posten des Finanzvorstands gerade vakant ist. Auch das wirft Fragen auf.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war der Rücktritt von Clemens Tönnies nicht enthalten. Dieser wurde erst nach der Veröffentlichung des Textes publik und wurde nachträglich eingefügt.