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31. Juli 2019, 10:22 Uhr

FC Schalke unter Trainer David Wagner

Ob das passt?

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Mit seinem neuen Coach David Wagner will Schalke 04 einen Umbruch einläuten. Doch es gibt Zweifel, ob der Kader die Spielidee des Trainers umsetzen kann.

Die "Aktivierung", die von Nostalgikern noch "Warmmachen" genannt wird, dauert lange. Als die Spieler endlich auf den Hauptplatz trotten, bleibt es still. Erst die Animation von "Erwin", dem Maskottchen, regt zu einem freundlichen Applaus an. Erwins Versuch, eine mexikanische Welle ins Rollen zu bringen, endet jäh. Er ist allerdings auch sehr ambitioniert, denn an diesem Morgen finden sich auf der Holztribüne im Stadion des SC Mittersill kaum hundert Fans des FC Schalke 04 wieder.

"Euphorie sieht anders aus", sagt Jochen Schneider. Der Sportvorstand ist erstmals mit dem Klub aus dem Ruhrpott in der idyllischen Bergwelt Österreichs, genau wie David Wagner. Schalkes neuer Trainer, bis Anfang des Jahres noch Coach beim englischen Klub Huddersfield Town, steht meist wortlos neben einem Tor, als sein Assistent Christoph Bühler eine Übung leitet, die den Kern vom wagnerschen Fußball offenbart. Umschalten, umschalten, umschalten, Drang zum Tor, schneller Abschluss. Der Nostalgiker würde sagen: kontern.

Sebastian Rudy treibt den Ball im Sprint, er guckt links, er guckt rechts, nimmt Tempo raus. Rudy galt im vorangegangenen Sommer für ein paar Wochen als "Königstransfer". Aber selbst in dem kontrollierteren, ja gemächlicheren Fußball unter Wagners Vorgängern Domenico Tedesco und Huub Stevens war der Stratege mit ausgewiesenen Fähigkeiten oft ein Fremdkörper.

Soll er jetzt ein Pfeiler in der Tempovariante werden? Oder Bastian Oczipka? Oder Guido Burgstaller?

Bei Oczipka und Burgstaller werden das die kommenden Wochen und Monate zeigen. Bei Rudy scheint die Entscheidung gefallen - eine Ausleihe nach Hoffenheim soll nahezu fix sein. Andere Spieler im Kader scheinen für den Wagner-Stil besser geeignet. Zugang Benito Raman etwa, oder auch Amine Harit, der ebenfalls sehr schnell ist. Er gilt aber auch als schwierig im Umgang, als einer von denen, die in der vergangenen Saison ein gutes Arbeitsklima verhinderten und so den Absturz eines Vizemeisters auf den 14. Tabellenplatz forcierten.

"Willig, hungrig, bereit"

"Ich hatte viel über die angebliche Mentalität der Mannschaft gehört", sagt Coach Wagner im Gespräch mit dem SPIEGEL, "aber ich habe eine Gruppe vorgefunden, die total willig ist, total hungrig und total bereit, zu arbeiten und Ideen anzunehmen."

Wenn es so ist, stimmt die Grundlage für eine Saison ohne klar definiertes Ziel. "Totaler Quatsch" sei es, ein solches auszugeben, sagt Wagner. Es würde nur beschränken. Besseren Fußball wolle er sehen, Fortschritte erkennen, die Fans mitnehmen.

Was wollen die Fans? "Ich nehme schon wahr, dass sie sehr realistisch sind. Die haben wahrgenommen, dass in der Vergangenheit das eine oder andere nicht in die optimale Richtung gelaufen ist. Dementsprechend sind sie weiter voller Ambitionen und erwartungsfroh, aber eben auch realistisch. Das ist ein total guter Mix", sagt Wagner.

Der x-te Umbruch der jüngeren Vergangenheit

Viele seiner Assistenten sind neu, der Sportvorstand ist fast neu, der Stab ist überwiegend neu und deutlich größer geworden, es gibt jetzt sogar einen, der sich um die bessere Integration der Spieler kümmern soll. Auch wenn im Kader bislang nur wenig passierte, ist Schalke im Umbruch. Zum x-ten Mal in der jüngeren Vergangenheit.

Schalke 04 ist ein großer Name im deutschen Fußball, der Klub sieht sich selbst auch als große Nummer, ähnlich wie der Hamburger SV. Ob auch Schalke schleichend dem Abstieg entgegensehe, hatte das Fachmagazin "Kicker" vor einigen Wochen erörtert.

Schalke ist in den Spielzeiten 2012/2013 bis 2014/2015 dreimal hintereinander in der Champions League vertreten gewesen, dann 2018/2019 wieder. Zwischendurch reichte es immerhin zweimal für die Europa League. Saisons ohne Europapokal, also solche wie die aktuelle, kosten den Klub viel Geld und Ansehen, sie zwingen ihn zu einer Reduzierung der Gehaltskosten, machen Transfers aus der gehobenen Kategorie schwieriger.

"Fußballerisch noch fernab vom höchsten Level"

Schalke hat für die kommende Saison Raman von Fortuna Düsseldorf bekommen, Ozan Kabak vom Absteiger VfB Stuttgart und Jonjoe Kenny vom FC Everton ausgeliehen. Sportvorstand Schneider sagt, dass es das auch schon gewesen sein könnte. "Ich hätte ein gutes Gefühl, mit diesem Kader in die Saison zu gehen", fügt er an.

Der neue Trainer umschifft die Frage, ob er das Personal für geeignet hält, seine Vorstellungen umzusetzen. Wagner sagt, dass es zunächst mal darum gehe, Rekonvaleszenten wie Weston McKennie oder Daniel Caligiuri wieder zu integrieren: "Eine Vorbereitung ist auch dafür da, dass alle in etwa auf ein gleiches Level kommen. Da sind wir noch dabei. Dementsprechend sind wir fußballerisch auch noch fernab von unserem höchsten Level."

Schalke auf dem höchsten Level. Ob das heißt, dass das Team auf einer Stufe mit Leverkusen oder Gladbach steht, also den Klubs, die hinter den Bayern, Dortmund und Leipzig als Anwärter auf die Champions League erwartet werden, - oder auf dem Level darunter? Zwei Wochen vor dem Saisonstart kann man sich da nicht sicher sein.

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