Schalkes Niederlage gegen Gladbach Seltsamer Revierklub

Mit dem Aus im DFB-Pokal breiten sich beim FC Schalke Anzeichen einer Herbstkrise aus. André Breitenreiter wehrt sich gegen das Gerede. Der Trainer muss nun beweisen, ob er die Ära der königsblauen Selbstzerstörung beenden kann.
Schalkes Stürmer Huntelaar: Leichtfertiger Umgang mit Torchancen

Schalkes Stürmer Huntelaar: Leichtfertiger Umgang mit Torchancen

Foto: AP/dpa

Die Menschen im Umfeld des FC Schalke 04 haben ein feines Gespür für erste kleine Krisenanzeichen entwickelt - zu oft haben solche Zeichen an diesem seltsamen Fußballstandort mittelschwere Katastrophen angekündigt.

Und so erkundigte sich nach dem zwar ansehnlichen, aber eben erfolglosen 0:2 (0:1) gegen Borussia Mönchengladbach ein besorgter Beobachter bei André Breitenreiter, ob nun die erste schwierige Phase seiner Amtszeit bevorstehe. "Ich weiß ja, auf was Sie abzielen", erwiderte der Trainer und lenkte den Blick dann geschickt weg von den vielen kleinen Problemen, mit denen sich die Verantwortlichen derzeit herumplagen.

Seine Mannschaft habe "das ja richtig gut gemacht, so ist einfach Fußball, kleinste Fehler werden bestraft", floskelte Breitenreiter. Mönchengladbach sei "eine gestandene Mannschaft, und wir sind eine Mannschaft, die sich entwickelt mit vielen jungen Spielern". So lässt sich diese Niederlage erklären: Die Schalker hatten eine gute erste Halbzeit gespielt, viele Chancen ausgelassen und dann die entscheidenden Fehler gemacht.

Ersatztorhüter Michael Gspurning, der den kranken Ralf Fährmann vertrat, wirkte unsicher, verursachte den Elfmeter zum 0:2, und vor dem 0:1 war Joel Matip ausgerutscht. Ansonsten stimmte die Leistung tatsächlich, und dennoch verdichten sich hinter diesem eindimensionalen Blick auf den Rasen mal wieder viele verschiedene Vorkommnisse und Dynamiken zu einem überaus fruchtbaren Krisennährboden.

Nach dem guten Saisonstart, der den Glauben an eine nachhaltige Erneuerung unter Breitenreiter beflügelte, befinden die Schalker sich mittlerweile an einem Punkt, an dem das Siegen nicht mehr so leichtfällt. Und an dem eine bunte Mixtur unterschiedlicher Störfaktoren den Alltag eintrüben. Man dürfe sich "jetzt nicht verrückt machen lassen", erwiderte Manager Horst Heldt, als auch er mit der Frage nach der Gesamtsituation konfrontiert wurde. "Wir sind immer noch auf einem richtigen Weg in der Bundesliga."

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DFB-Pokal: Im Stile einer Spitzenmannschaft

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Doch vor den beiden Niederlagen gegen Borussia Mönchengladbach am vorigen Sonntag und nun im DFB-Pokal gab es das biedere 2:2 gegen Sparta Prag, einen sehr glücklichen Sieg gegen Hertha BSC und eine 0:3-Pleite gegen Köln. Von den jüngsten fünf Pflichtspielen haben die Schalker nur eines gewonnen.

Befindet Schalke sich also doch wieder auf dem Weg in die übliche Herbstkrise? "Ich sehe das anders, dieses Spiel war gut, nur das Ergebnis war nicht gut, also brauchen wir uns keinen Kopf zu machen", sagte Torjäger Klaas-Jan Huntelaar mit einer Entschlossenheit, die ihm in der ersten Halbzeit vor dem Tor gefehlt hatte. Auch dieser leichtfertige Umgang mit Chancen ist so ein Symptom für den Beginn eines Abschwungs.

Im Video: Statement des Schalke-Trainers André Breitenreiter

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Hinzu kommt der selbst gemachte Ärger um die Zukunft von Horst Heldt, hier spielt mal wieder Aufsichtsratschef Clemens Tönnies seine Lieblingsrolle als destruktive Kraft aus der Führungsebene. Das schreckliche Foul von Johannes Geis vom vorigen Sonntag gegen André Hahn kann man ebenfalls als Indiz dafür betrachten, dass die positive und leichtfüßige Grundstimmung einer Neigung zum Krampf, zum Überehrgeiz gewichen ist. Und Torjäger Franco Di Santo, Breitenreiters teurer Königstransfer, hat in der Bundesliga immer noch kein Tor geschossen.

Es sind viele kleine Details, die für sich genommen harmlos wirken, zusammen genommen aber eine Grundstimmung ändern können. Zumal auf Schalke solche atmosphärischen Strömungen so mächtig sind wie an kaum einem anderen Bundesligastandort. Und ausgerechnet jetzt steht ein komplizierter November mit Spielen in Dortmund, gegen den FC Bayern und in Leverkusen an, an dessen Ende die Schalker in der Tabelle vermutlich nicht mehr auf einem Champions-League-Platz stehen werden.

So richtig beginnt Breitenreiters Mission also erst jetzt. Der Trainer ist angetreten, um die Ära der ewigen königsblauen Selbstzerstörung zu beenden, nun wird sich zeigen, ob er in der Lage ist, solch eine Dynamik schon in ihrer Frühphase zu stoppen. Handelte es sich um einen anderen Klub als Schalke 04, gäbe es viele Gründe zur Zuversicht, aber der seltsame Revierklub hat sich in den vergangenen Jahren aus genau solchen Situationen oft genug selbst in einen schmerzhaften sportlichen Niedergang hineinmanövriert.

Die Partie gegen Aufsteiger FC Ingolstadt am kommenden Samstag (15.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) bietet nun beste Voraussetzungen, um die hinterlistig lauernde Krise endgültig zum Ausbruch zu bringen.

Im Video: Gladbach gewinnt auch im Pokal

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Schalke 04 - Borussia Mönchengladbach 0:2 (0:1)
0:1 Stindl (42.)
0:2 Hazard (53., Foulelfmeter)
Schalke: Gspurning - Riether (55. Leroy Sane), Höwedes, Joel Matip, Aogo - Goretzka, Kolasinac (77. Höjbjerg) - Junior Caicara (84. Choupo-Moting), Meyer - Di Santo, Huntelaar.
Mönchengladbach: Sommer - Korb (64. Dominguez), Christensen, Jantschke, Wendt - Nordtveit, Xhaka - Traore, Hazard (76. Dahoud) - Drmic (46. Johnson), Stindl.
Schiedsrichter: Stieler (Hamburg)
Zuschauer: 60.655
Gelbe Karten: Junior Caicara, Höjbjerg - Wendt

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