Schalke 04 in der Corona- und Finanzkrise Die Knappen-Kassen

Vor dem Revierderby in Dortmund kämpft Schalke 04 nicht nur um den sportlichen Anschluss. Auch finanziell ist der Traditionsverein in der Schieflage.
Clemens Tönnies, der mächtige Schalke-Boss. Mit Geld kennt er sich aus

Clemens Tönnies, der mächtige Schalke-Boss. Mit Geld kennt er sich aus

Foto: Lars Baron/ Bongarts/Getty Images

"Der FC Schalke 04 geht folglich in seiner Prognose von einem ungebrochenen Wachstumstrend der Branche Profifußball aus." So alt, wie dieser Satz klingt, ist er gar nicht. Er stammt aus einem Bericht mit dem Datum 10. März 2020. Der Satz steht auf Seite 21 des Schalker Konzernberichtes für das Jahr 2019.

Auf dieser Seite findet sich auch die Prognose, dass ein "Jahresfehlbetrag im niedrigen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich" für das laufende Geschäftsjahr erwartet wird. Klingt nicht gut, aber auch nicht dramatisch.

Das kann über folgenden Satz, ebenfalls Seite 21, nicht gesagt werden: "Die Prognose beinhaltet nicht die aktuellen Entwicklungen beim Coronavirus."

Der 10. März, da waren es noch vier Tage bis zum Derby bei Borussia Dortmund. Am 13. wurde es aber abgesagt. Das Virus. Es drang in jenen Tagen, wenn es gut lief, nur in das Bewusstsein der Menschen.

"Es geht um die Existenz"

Auch die Profiklubs merkten schnell, dass es schlimm werden würde, sehr schlimm. "Es geht um die Existenz des Clubs", titelte der FC Schalke 04 auf der Homepage des Vereins, nur acht Tage nach der Prognose des "ungebrochenen Wachstumstrends der Branche Profifußball".

Knapp zwei Monate später soll nun am Samstag um 15.30 Uhr tatsächlich das Derby angepfiffen werden (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de). So kann der Fußballklub aus Gelsenkirchen wieder das Produkt anbieten, für das er vor allem aus dem Verkauf der Medienrechte viel Geld bekommt. Gut 15 Millionen Euro waren es mit der letzten Rate für die Saison, deren vorzeitige Zahlung die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ausgehandelt hatte.

Finanzvorstand Peter Peters ist auch ein wichtiger Mann in der DFL

Finanzvorstand Peter Peters ist auch ein wichtiger Mann in der DFL

Foto: Caroline Seidel/ dpa

Das verschaffte den Schalkern Luft, aber über den Sommer würde sie der Betrag auch noch nicht bringen. Immer wieder und weiterhin wurde und wird der Klub daher als einer derjenigen genannt, die einer Insolvenz am nächsten seien.

Banken zeigen sich entgegenkommend

Eine akute Gefahr dürfte aber gebannt sein. Die Gespräche mit Banken, die Finanzvorstand Peter Peters vor ein paar Wochen ankündigte, sind nach Informationen des SPIEGEL erfolgreich verlaufen. So soll Schalke die Möglichkeit haben, eine Summe im mittleren zweistelligen Millionenbereich an Darlehen abrufen zu können. Das würde dem Verein bis zur Zahlung der nächsten Rate an Mediengeldern am 10. Juli und darüber hinaus helfen.

Andere Finanzierungsmodelle scheiden damit aus. Die Vergabe einer weiteren Anleihe soll ohnehin nie ein Thema gewesen sein. Auch eine Ausgliederung der Profiabteilung aus dem eingetragenen Verein ist zumindest kurzfristig vom Tisch. Anteile an einer Gesellschaft in einer Wirtschaftskrise zu verkaufen - vielleicht noch an windige Investoren - wäre ökonomischer Blödsinn. Zudem ist die Hürde für eine Ausgliederung sehr hoch. Drei Viertel müssten bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zustimmen - und das bei einem Thema, über das viele Fans gar nicht erst bereit sind, zu diskutieren.

Zum Schalker Glück gibt es die Banken. Die Erhöhung der Kreditlinie und Darlehen verschiedener Gläubiger machen weit mehr aus als die bisher schon von Schalke getroffenen Einsparungen. So wurde mit den Spielern, Trainern und hoch bezahlten Führungskräften vereinbart, dass die Gehälter bis zum 30. Juni um 15 Prozent gekürzt werden. Weitere 15 Prozent werden gestundet, auch bei den Prämien ist gekürzt worden. Auch Spielerberater sollen zumindest in Stundungen eingewilligt haben.

Außerdem, so erfuhr der SPIEGEL, gibt es eine lose Vereinbarung, dass die Kürzungen und Stundungen über den Juni hinaus greifen, sollte etwa die Saison doch abgebrochen werden müssen.

Schalke und das Geld - eine tragische Geschichte

Schalke und das Geld, diese Geschichte ist ähnlich tragisch wie die von Schalke und der Meisterschaft. "Es war schon vor Corona knapp", sagt einer, der mal im innersten Zirkel war.

Gut 26 Millionen Euro betrug der Verlust im Geschäftsjahr 2019, der Umsatz war um 75 Millionen Euro nach dem Rekordjahr 2018 gesunken, die Personalkosten im Konzern aber bei etwa 124 Millionen Euro konstant geblieben. Da überrascht es niemanden, dass es eng wird. Fehlen dann auch noch Einnahmen aus einem internationalen Wettbewerb und tolle Fußballer wie Leroy Sané und Julian Draxler, die für 50 und knapp 50 Millionen Euro verkauft werden, dann wird es noch enger.

Seit vielen Jahren schiebt der Klub einen Berg an Verbindlichkeiten vor sich her. Ende 2019 waren es 198 Millionen Euro, zwischen 20 und 30 Millionen Euro muss Schalke jährlich für Zins und Tilgung aufbringen.

Solange der Klub an seiner Rechtsform des eingetragenen Vereins festhält, wird es ihm schwieriger fallen als anderen Konstruktionen, diesen Berg abzubauen. Der Wille ist allerdings auch nicht zu erkennen. In den vergangenen drei Jahren gab der Klub auf dem Transfermarkt jeweils mehr aus, als er einnahm. Statt die Schulden zu drücken, plante der Klub die Bauprojekte "Berger Feld". Der erste Abschnitt mit dem Umbau des alten Parkstadions für die zweite Mannschaft und die Nachwuchsabteilung "Knappenschmiede" sowie Trainingsplätzen ist abgeschlossen. Etwa 25 Millionen Euro hat er gekostet. Der zweite wird mit etwa 70 Millionen Euro deutlich teurer.

Wie sehr hilft Tönnies?

Die Finanzierung ist nach Angaben des FC Schalke gesichert, die Ausführung zumindest kurzfristig fraglich. Der Bau einer großen neuen Geschäftsstelle und das "Tor auf Schalke", ein prächtiger Eingangsbereich zum Vereinsgelände mit Fanshop, passen nicht in eine Zeit, in der Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt wurden.

Clemens Tönnies will nicht reden

Clemens Tönnies will nicht reden

Foto: David Inderlied/ dpa

Das "Tor auf Schalke" sei das "Denkmal", das Clemens Tönnies sich setzen wolle, heißt es von Kritikern des mächtigen Schalke-Bosses.

Clemens Tönnies ist ein Fleischfabrikant, dessen Privatvermögen vom einschlägigen US-Magazin "Forbes" auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt wird. Er werde Schalke schon retten, wie er das so häufig gemacht habe, heißt es häufig, wenn die "Knappen" mal wieder besonders knapp sind. Mythos? Wahrheit? Der SPIEGEL wollte Tönnies dazu befragen, aber derzeit sei ein Gespräch nicht möglich, auch nicht mit Finanzvorstand Peters, teilte der Verein mit.

Es heißt, dass Tönnies dem Verein schon häufiger mit Darlehen und Bürgschaften geholfen habe, allerdings stets über eine seiner Firmen. Von ihm ist ein Zitat aus dem Jahr 2016 bekannt. Laut der Fan-Zeitung "Schalke Unser" sagte er bei einem Fanklubtreffen: "ich habe keinen einzigen Euro im Verein."