Fotostrecke

Bundesliga: Glück Ab

Foto: Jonas Güttler/ dpa

Stimmung beim FC Schalke Königsblauer Zorn

"169 cm Inkompetenz." Der FC Schalke zieht in die Europa League ein - und wird von seinen Fans gnadenlos angefeindet. Im Mittelpunkt der Kritik stehen Aufsichtsratschef Clemens Tönnies und Manager Horst Heldt.

Es waren gespenstische Szenen, die sich auf den Rängen abspielten, als der unverdiente 1:0-Sieg von Schalke 04 gegen den SC Paderborn amtlich war und der Revierklub sein - wenn auch korrigiertes - Saisonziel erreicht hatte. Fäuste flogen durch die Luft, die Mannschaft wurde wüst beschimpft. "Wir sind Schalker und ihr nicht" grölten die Anhänger, die Spieler flüchteten in die Kabine. Aber die entrüsteten Menschen auf den Rängen blieben.

Sie schimpften und zeterten weiter, was die Schalker Mannschaft zu ihrer wahrscheinlich klügsten Entscheidung des Nachmittags bewog. Sie kam wieder und setzte sich der Wut ihres Publikums aus. "Wir haben als Mannschaft beschlossen, uns den Fans zu stellen, noch einmal eine Runde durchs Stadion zu gehen, um den Emotionen der Fans freien Lauf zu lassen", sagte Torhüter Ralf Fährmann.

Es war ein Versuch, dem Eindruck der endgültigen Entfremdung entgegenzuwirken und den gigantischen Graben zwischen Fans und Mannschaft nicht noch größer werden zu lassen. So konnten die Leute ihren Frust nach dem Stimmungsboykott der ersten Spielhälfte wenigstens ausleben, der blanke Zorn war das dominierende Gefühl. "Die Herzen sind erst mal verloren, die zurückzugewinnen, da muss man sich vorsichtig rantasten", stellte Manager Horst Heldt später desillusioniert fest.

"Der Fisch stinkt vom Kopf"

Mit so viel Abneigung ist wohl noch nie eine siegreiche Bundesligamannschaft nach dem Erreichen ihres Minimalziels, der Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb, überschüttet worden. Auf einem Transparent stand: "Vermisstenanzeige: Kurve sucht Mannschaft. Finderlohn garantiert." Wobei nicht allein die Mannschaft kritisiert wurde.

Ein Plakat mit der Aufschrift "169 cm Inkompetenz" richtete sich gegen Manager Heldt, auf einem anderen Spruchband hieß es, "DER FISCH STINKT VOM KOPF", das C und das T waren rot gefärbt und bildeten die Initialen von Aufsichtsratschef Clemens Tönnies. Der große Klubpatriarch war der am übelsten beschimpfte Schalker des Nachmittags. In der zweiten Halbzeit brandeten immer wieder erbitterte "Tönnies raus!"-Chöre auf.

Der Fleischfabrikant ist der Mann, der, so ist jedenfalls der Eindruck der Fans - die Kultur dieses Klubs prägt wie kein anderer. Tönnies verantwortet - gemeinsam mit Heldt - die langfristige Konzeption, und diese ist allenfalls als misslungenes Fragment erkennbar. Zwar weist Tönnies in schwierigen Phasen wie jetzt gern darauf hin, dass er als Aufsichtsrat nur wenig mit dem operativen Geschäft zu tun hat, aber das wird ihm nicht mehr geglaubt.

Kritik an der Suspendierung von Boateng und Sam

In einem vorige Woche veröffentlichten Schreiben wird eine "Entwicklung" kritisiert, die "sich nicht erst in dieser Spielzeit abzeichnet, sondern die Strukturen und Gegebenheiten unseres Vereins seit Jahren bestimmt". Ein "ruhiges und entwicklungsorientiertes Arbeiten" sei "unter diesen Strukturen nicht möglich", heißt es dort. Nun gelte es, den "über Jahre bestehenden Kreislauf zu durchbrechen und die Personen zur Verantwortung zu ziehen, welche uns über einen sehr langen Zeitraum in diese bestehende Situation mit ihren Strukturen gebracht haben." Es ist klar, dass Tönnies gemeint ist. Und diese Forderungen sind keineswegs Hirngespinste einer kleinen Gruppe, sie sind unterschrieben von 185 Fanklubs und zwei großen Dachorganisationen der Anhängerschaft.

Dass die Mannschaft in solch einer durch und durch kontaminierten Atmosphäre "bedrückt" und "verkrampft" spielte, wie Roberto Di Matteo feststellte, ist eigentlich kein Wunder. So etwas wie Spaß am Fußball existiert derzeit nicht auf Schalke, daran haben auch der Rauswurf von Kevin-Prince Boateng und Sidney Sam sowie die vorläufige Suspendierung von Marco Höger nichts geändert. "Das sind Sachen, die Personen beschlossen haben", sagte Torhüter Fährmann, und es war nicht zu überhören, dass der mit Abstand beste Schalker dieses Tages die Maßnahmen nicht besonders gelungen fand. "Für uns als Team ist das natürlich immer hart, wenn auf einmal Spieler nicht mehr da sind. Wir haben versucht, mit der Situation umzugehen."

Wie diese Situation gelöst werden kann, weiß niemand. "Da kann ich Ihnen heute nicht viel dazu sagen, jetzt muss man erst mal die Saison zu Ende bringen", erwiderte Heldt auf entsprechende Nachfragen. Immerhin versicherte er, dass Roberto Di Matteo das Team auch im kommenden Jahr trainieren darf, offenbar hat der Manager inzwischen erkannt, dass das Schalker Hauptproblem nicht die Trainer sind.

Schalke 04 - SC Paderborn 1:0 (0:0)
1:0 Hünemeier (88., Eigentor)
Schalke: Fährmann - Höwedes (57. Barnetta), Matip, Nastasic, Kolasinac - Kirchhoff (46. Goretzka), Aogo - Farfan, Meyer, Choupo-Moting (46. Draxler) - Huntelaar.
Paderborn: Lukas Kruse - Heinloth, Strohdiek, Hünemeier, Brückner - Bakalorz, Vrancic (86. Ziegler) - Koc (76. Kachunga), Stoppelkamp - Rupp, Lakic (69. Kutschke).
Schiedsrichter: Dankert
Zuschauer: 61.973 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Farfan (2), Goretzka, Nastasic (3) - Brückner (5), Ziegler (7)