Schalke nach dem Sieg gegen Mainz Mit breiter Brust ins Derby

Seit Wochen wurde auf Schalke über die Mentalität der Mannschaft diskutiert. Der Erfolg gegen Mainz zeigt: Es ging eher um die Verinnerlichung der Spielweise des Trainers. Und nun folgt das Spiel des Jahres.

Schalker Spieler feiern den 3:0-Sieg gegen Mainz
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Schalker Spieler feiern den 3:0-Sieg gegen Mainz

Aus Gelsenkirchen berichtet


Ein sanftes Lächeln huschte über das Gesicht von Markus Weinzierl, als der Mainzer Kollege Martin Schmidt seine Spielzusammenfassung vortrug. "Man hat gesehen, dass Schalke 04 diesen Sieg mehr wollte", sagte der Trainer nach dem 3:0 der Königsblauen über seine Mannschaft. "In einer intensiven Atmosphäre haben wir uns den Schneid abkaufen lassen", fuhr Schmidt fort, und Weinzierls Kopf wippte zufrieden. Nach wochenlanger Trainingsarbeit, nach vielen Experimenten und Ansprachen sowie einer enervierenden Debatte über die Mentalität seiner Mannschaft, scheint sich die Geduld auf Schalke auszuzahlen.

Wettbewerbsübergreifend haben die Schalker vier der jüngsten fünf Spiele gewonnen und so feierte Christian Heidel nun "die beste Saisonleistung" des Teams: "Die Jungs verstehen langsam, was für einen Fußball wir spielen wollen." Neben der wachsenden Einsatzbereitschaft entwickeln die Schalker mittlerweile ein beachtliches taktisches Geschick im Konzept der "Vorwärtsverteidigung", das dem Manager und Trainer Weinzierl vorschwebt.

Bentaleb trifft, Di Santo überrascht

Die Mainzer gerieten im Spielaufbau permanent unter Druck. Das Publikum ließ sich mitreißen, es gab tolle Zweikampfmomente, gute Balleroberungen, viele schnelle Spielzüge - und der gefeierte Protagonist war der zweifache Torschütze Nabil Bentaleb. Der Algerier traf zum 1:0 und 3:0, schon beim 1:1 in Augsburg eine Woche zuvor hatte er getroffen. Aber nicht allein diese Tore machen den Leihspieler von Tottenham Hotspur so wertvoll. Bentaleb ist wegen seiner guten Balance zwischen Aufopferungsbereitschaft und spielerischen Fähigkeiten der am häufigsten eingesetzte Schalker Neuzugang der bisherigen Bundesligasaison. "Ich bin ein Spieler, der sich zwischen den Strafräumen bewegt und auch die Drecksarbeit erledigt", sagte der algerische Nationalspieler, dessen Doppelpack allerdings noch von der Leistung eines anderen Schalkers überstrahlt wurde.

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Bundesliga-Analyse: Wir haben verstanden, Trainer!

Viele staunten nämlich über Franco Di Santo. Der Argentinier hatte sein mit Abstand bestes Spiel für Schalke absolviert, und die ersten beiden Treffer mit klugen Aktionen vorbereitet. Vor allem aber hatte er bei gegnerischem Ballbesitz geackert und gekämpft, wie es sich Weinzierl vorstellt. "Von Außen werden die Stürmer oft an den Toren gemessen, für uns ist aber wichtig, dass Stürmer die Abwehr beschäftigen, dass sie 20, 30 Zweikämpfe führen", sagte Heidel, "und da war Franco vorbildlich."

Mehrfach wurden seine Störmanöver bei Mainzer Ballbesitz mit Szenenapplaus des Publikums honoriert, und dieses erstaunliche Aufblühen zeigt, wie kompliziert der Kennlernprozess zwischen Trainer und Mannschaft seit dem Sommer verlaufen ist. Zunächst hat Weinzierl voll auf Klaas-Jan Huntelaar gesetzt, inzwischen ist aber ziemlich klar, dass der alternde Star aus Holland entweder nicht bereit oder nicht mehr flexibel genug ist, die anstrengende Spielweise des neuen FC Schalke zu verinnerlichen. Wobei man natürlich bei Di Santo genauso wie beim ganzen Klub vorsichtig sein muss mit allzu langfristigen Prognosen.

Mit Selbstbewusstsein ins Derby gegen den BVB

Kapitän Höwedes mochte den Sieg nach all den schlechten Erfahrungen mit dem Schalker Wankelmut keinesfalls als Durchbruch feiern. Das Duell mit den Mainzern sei ein "bezeichnendes Spiel für den Wendepunkt", erklärte der Kapitän umständlich. "Aber die Tendenz stimmt", sagte Weinzierl, der immer wieder bemerkenswert offen über die zweifelhafte Mentalität klagte, die sich auf Schalke während der vergangenen Jahre bis in alle Winkel des Klubs ausgebreitet hat. Vorige Woche hat der Trainer seinem Team noch einmal explizit vorgeworfen, sich allzu häufig in einer "Wohlfühlstimmung" einzurichten, einem Zustand, der "aufgebrochen werden" müsse. Zweikämpfe sollen nicht mehr als lästige Pflicht empfunden werden, sondern "Spaß machen", forderte Heidel, nun sagte der Sportvorstand: "Dieses Umdenken, kommt jetzt in den Köpfen an, wir wollen draufgehen, laufen, Zweikämpfe suchen."

Tatsächlich scheinen immer mehr Spieler den Spaß an dieser Art des Testosteronspektakels zu entdecken, das Heidel und Weinzierl sehen wollen. Di Santo natürlich, die Außenbahnspieler Alessandro Schöpf und Sead Kolasinac ebenfalls, der wieder einmal sehr präsente Leon Goretzka sowieso, aber auch Max Meyer, der als zweite Spitze im 3-5-3-System spielte.

Sogar eine gewisse Vorfreude auf die große Partie in Dortmund am kommenden Wochenende war nach dem Spiel zu spüren. "Die Mannschaft fährt mit mehr Selbstbewusstsein da hin, als das vor drei vier Wochen der Fall gewesen wäre", sagte Heidel. Dessen Mannschaft steht in der Tabelle zwar schlechter als der große Rivale, aber der jüngste Trend spricht für Schalke.



insgesamt 8 Beiträge
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33dd 24.10.2016
1. Wenn
man im 3-5-3 System spielen darf, dann ist es kein Wunder, wenn man gewinnt....
klima66 24.10.2016
2. Mit breiter Brust ins Derby
So hoffe ich mal, dass S04 ähnlich wie der Autor dieses Artikels nur noch das Derby am nächsten Wochenende im Kopf hat. Dann kann S04 ja das DFB Pokalspiel am Mittwoch verlieren - interessiert ja keinen :)
nummer50 24.10.2016
3.
Ich denke das Derby am Wochenende ist mittlerweile vollkommen offen. Schalke ist auf dem aufsteigenden Ast, während der BVB eher eine Negativtendenz in der BL hat. Mein Tipp, ein 2 zu 2.
dhbean 24.10.2016
4. jo, volle Konzentration auf den BVB....
....dann gibts am Mittwoch einen Dämpfer
RudolfSommer 24.10.2016
5. Nach NL beim BvB zoffen sich die Schalker wieder
Und das ist auch gut so. Denn Weinzierls Abgang in Augsburg war (von seiner Seite) nicht schön und Heidel ist sich sicher, nur weil er jahrelang im beschaulichen Mainz Erfolg hatte, könne er diesen Erfolg auch bei S04 haben. Ein bischen Demut wäre daher ganz gut, sprich in der unteren Tabellenhälfte ist dieser Chaos-Club sehr gut aufgehoben (muss ja nicht gleich im Abstieg enden).
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