Southampton unter Trainer Hasenhüttl Das größte Comeback der Premier League

Vor einem Jahr verlor Ralph Hasenhüttl 0:9 mit seinem Team. Viele Klubs hätten ihren Trainer gefeuert – der FC Southampton nicht. Nun steht er auf Platz drei in England und ist gegen Manchester City sogar Favorit.
Von Hendrik Buchheister, Manchester
Ralph Hasenhüttl, seit 2018 Trainer des FC Southampton

Ralph Hasenhüttl, seit 2018 Trainer des FC Southampton

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Clive Rose / imago images/PA Images

Ralph Hasenhüttl musste gerade Trauerarbeit leisten. Trotz früher Führung und einer halben Stunde in Überzahl hatte sein FC Southampton beim krisengeplagten FC Arsenal am Mittwoch nur ein 1:1 erbeutet. Als der österreichische Trainer mit Bundesliga-Vergangenheit bei Ingolstadt und Leipzig danach vor seine Mannschaft trat, sah er sich gezwungen, Trost zu spenden. So berichtete er es am BBC-Mikrofon: »Ich habe meinen Spielern gesagt: Kopf hoch, wir haben ein gutes Spiel gemacht. Wir konnten nicht gewinnen, aber das wird auch irgendwann kommen.« 

So weit ist es also schon: dass der FC Southampton unglücklich ist über ein Unentschieden bei einem der großen Namen des englischen Fußballs. Doch die gestiegenen Ambitionen sind verständlich. Die Saints, die Heiligen, wie der Klub aus der Hafenstadt an der Südküste nicht nur zur Weihnachtszeit genannt wird, ist die Mannschaft der Stunde in der Premier League und steht vor dem Heimspiel gegen Manchester City an diesem Samstag (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de/TV: Sky) sensationell auf dem dritten Platz hinter dem FC Liverpool und Tottenham Hotspur.

Vertragsverlängerung nach dem 0:9

Die Geschichte von Southamptons Höhenflug ist die Geschichte eines Comebacks. Knapp 14 Monate ist es her, dass die Mannschaft ein episches 0:9 gegen Leicester City kassierte. Es war die höchste Niederlage eines Klubs in der Premier League und die höchste Heimniederlage überhaupt in der Geschichte des englischen Erstligafußballs. Die Partie ist so berüchtigt, dass sie sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Viele Vereine hätten nach einer solchen Blamage ihren Trainer gefeuert. Der FC Southampton dagegen hielt als Hasenhüttl fest, verlängerte im Juni sogar seinen Vertrag bis 2024 und wird aktuell belohnt.

Das 0:9 war ein Wendepunkt in Hasenhüttls Amtszeit, das sagt er selbst, und so sieht es auch das Umfeld. »Bis dahin war er sich nicht sicher über seine Mannschaft und seine Spielweise. Doch seitdem weiß er, was seine beste Elf ist. Es hat ein bisschen Zeit gebraucht, bis die Spieler seine Philosophie verstanden haben«, sagt Southamptons Premier-League-Rekordspieler Jason Dodd, von 1989 bis 2005 für den Klub aktiv, dem SPIEGEL. In der Tat hat Hasenhüttl, 53, in den ersten Monaten in Southampton viel experimentiert. Er hat mit drei, vier oder fünf Verteidigern spielen lassen, stellte mal einen, mal zwei, mal drei Stürmer auf. Nach dem 0:9 hat er sich auf sein 4-4-2 mit Doppelsechs besonnen, mit dem er schon in Leipzig Erfolg hatte. An dieser Formation hält er seitdem fest.  

Der Trainer hat seiner Mannschaft einen klaren Stil verpasst. Southampton hat in der Premier League die zweitmeisten Ballgewinne nach Pressingsituationen und die zweitmeisten gewonnenen Tackles, jeweils hinter Leeds United mit Marcelo Bielsa. Mit dem Ball kombinieren die Saints gut von hinten heraus, wechseln immer wieder das Tempo und schaffen im gegnerischen Strafraum Überzahlsituationen. Das Team ist extrem gut gecoacht. Jeder Spieler kennt seiner Aufgabe. »Ich könnte meine Augen schließen und wüsste, wohin ich mit und ohne Ball laufen muss. Das ist dem Trainer zu verdanken«, sagte gerade Mittelfeldmann Oriol Romeu, ein Absolvent von Barcelonas berühmter Akademie La Masia und einst für den VfB Stuttgart aktiv, dem Portal »The Athletic «. Hasenhüttl selbst glaubt, dass ihm die leeren Stadien des Corona-Zeitalters beim Coaching entgegenkommen, wie er kürzlich dem »Kicker« sagte .  

Für die Arbeit des Trainers spricht auch die gute Form einzelner Profis. Der frühere Hoffenheimer, Bremer und Mönchengladbacher Jannik Vestergaard ist aktuell einer der stärksten Innenverteidiger der Premier League und hat darüber hinaus schon drei Tore erzielt. Kapitän und Eigengewächs James Ward-Prowse schießt die besten Freistöße Englands (drei seiner vier Saisontreffer kamen so zustande). Theo Walcott, leihweise zurück bei seinem Heimatverein, zeigte zuletzt die Qualitäten, die er in 14 Jahren bei Arsenal und Everton immer nur andeuten konnte. Angreifer Che Adams hat nach 13 Spielen schon so viele Treffer erzielt wie in der kompletten Vorsaison, nämlich vier.  

Im Kandidatenkreis bei United und Arsenal

Sie alle tragen dazu bei, dass Southampton neuerdings weniger abhängig ist von Torjäger Danny Ings, auch wenn dieser mit sechs Treffern trotzdem bester Schütze bleibt. »Über das ganze Feld sehen die Spieler selbstbewusst aus. Sie wissen alle, was sie zu tun haben, pressen zusammen und sind immer für Vorlagen und Tore gut. Ralph macht einfach einen großartigen Job«, sagt Rekordprofi Dodd.

Hasenhüttl wird in der britischen Presse zunehmend als Kandidat für Manchester United oder Arsenal genannt, wo Ole Gunnar Solskjær und Mikel Arteta den Nachweis über ihre langfristige Eignung noch schuldig sind. Der Österreicher genießt aber erst mal die neue Wertschätzung für seine Saints: »Man kann fühlen, dass einige Mannschaften jetzt sehr viel Respekt vor dem haben, was wir machen. Das ist eine gute Nachricht für meine Spieler«, sagt er. Und eine Nachricht, mit der nicht unbedingt zu rechnen war nach dem 0:9 gegen Leicester vor knapp 14 Monaten.  

Direkt danach musste Southampton übrigens bei Manchester City antreten, und das gleich doppelt, im Ligapokal und in der Premier League. Damals war das Team zufrieden, dass die Niederlagen überschaubar blieben mit 1:3 und 1:2. Beim Treffen an diesem Samstag ist die Ausgangslage anders. Gemessen an der Tabelle ist der Dritte Southampton gegen den Neunten Manchester City Favorit.

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