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St. Pauli gegen Dortmund Weltpokalsiegerbesieger a. D.

Dem FC St. Pauli gelangen früher ganz große Pokal-Kracher, mit Außenseitersiegen gegen Werder und Hertha. Jetzt kommt der BVB - doch der Hamburger Kultklub ist ziemlich durchschnittlich geworden.

Wenn die unter Schauspielern, Musikern und anderen Künstlern beliebte Formel stimmt, wonach einer missratenen Generalprobe ein gelungener Auftritt folgt, dann wird die Zweitrundenpartie im DFB-Pokal zwischen dem FC St. Pauli und Borussia Dortmund an diesem Dienstag (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) ein Spektakel.

Dortmund kassierte zuletzt beim 0:1 gegen Hannover 96 die nächste Bundesliga-Niederlage, St. Pauli unterlag dem Karlsruher SC sogar 0:4. Folgerichtig wäre ein monumentales Cup-Duell mit Höchstleistungen beider Teams, an dessen Ende ein Sieg im Elfmeterschießen stehen könnte für den Zweitligisten, der in der begeisternden Atmosphäre des Millerntorstadions schon den einen oder anderen großen Gegner geschlagen hat.

Doch natürlich weiß man beim FC St. Pauli, dass es so einfach nicht ist. "Wir haben mit dem jüngsten Ergebnis zu kämpfen. Die Niederlage und die Höhe der Niederlage haben uns überrascht", sagt Sportchef Rachid Azzouzi über das 0:4 gegen den KSC. "Unsere sportliche Situation ist nicht ganz einfach." Der FC St. Pauli ist auf den 16. Tabellenplatz gerutscht. Wenn die Saison jetzt vorbei wäre, müsste der Verein in der Relegation gegen den Abstieg in die dritte Liga spielen.

So ist die Stimmung gedrückt vor einer Partie, die ein Fest werden sollte für den FC St. Pauli und seine Fans, und die Erinnerungen auslösen dürfte an die legendäre Pokalsaison 2005/2006.

Der damalige Drittligist schaffte es bis ins Halbfinale, auf dem Weg dorthin wurden der VfL Bochum, Hertha BSC und der SV Werder geschlagen. Vor allem die Partie gegen Bremen gehört zur den Mythen des Klubs, weil sie auf Schnee und Eis stattfand. Die Bremer klagten über unzulässige Bedingungen, St. Pauli waren diese Bedingungen herzlich egal. 3:1 stand es am Ende. Erst im Halbfinale gegen den FC Bayern war in jener Saison Schluss.

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FC St. Pauli: Kultklub in der Krise

Foto: Axel Heimken/ dpa

Der heutige Sportchef Azzouzi war 2006 noch in der Geschäftsführung von Greuther Fürth tätig, aber er kann einordnen, was der damalige Halbfinaleinzug für den Verein bedeutete - nämlich den "Anfang einer rasanten Entwicklung", die seitdem beim FC St. Pauli stattgefunden habe.

Damit mag Azzouzi mit Blick aufs Wirtschaftliche recht haben: Die ungeplanten Pokaleinnahmen trugen maßgeblich zur Konsolidierung der Finanzen des Klubs bei, der wenige Jahre zuvor noch dem Ruin entgangen war. Mittlerweile ist der Verein gesund, hat gerade zum vierten Mal nacheinander einen Gewinn verkündet. Zur kommenden Saison wird der nach und nach vollzogene Umbau des Stadions beendet sein.

Sportlich aber ist es nicht aufwärts gegangen seitdem. 2007 schaffte der FC St. Pauli unter Trainer Holger Stanislawski den Sprung in die zweite, 2010 in die erste Bundesliga. Dort konnte sich der Verein nicht halten, wurde Letzter und kassierte eine Rekordniederlage, 1:8 gegen Bayern München. Seitdem ist der FC St. Pauli mal mehr, mal weniger erfolgreich in der zweiten Liga. Vierter Platz, zehnter Platz, in der abgelaufenen Saison landete das Team auf Rang acht.

Der Kultklub ist ziemlich durchschnittlich geworden

Regelmäßig werden die Trainer gewechselt: André Schubert, Michael Frontzeck, Roland Vrabec. Der FC St. Pauli mag Fanklubs in den hintersten Winkeln der Welt haben, er mag mehr Sympathien auf sich vereinen als Bayer Leverkusen, der VfL Wolfsburg und die TSG Hoffenheim zusammen, aber er ist ein ziemlich durchschnittlicher Zweitligist geworden, wenn man den sportlichen Alltag betrachtet.

Sportchef Azzouzi versucht, das Abschneiden des Klubs in der jüngeren Vergangenheit positiv zu interpretieren. "Wir hatten in den vergangenen zwei Jahren große Umbrüche. Trotzdem haben wir in der abgelaufenen Saison um den Aufstieg gespielt, waren die meiste Zeit Tabellenfünfter oder besser. Jetzt sind wir einfach schwach in die Saison gekommen", sagt er.

Beim FC St. Pauli ist man der Auffassung, dass man gut gerüstet sei, um in den kommenden Jahren dem Schattendasein in der zweiten Liga zu entfliehen: "Langfristig haben wir das Potenzial, ans Tor der Bundesliga zu klopfen", sagt Azzouzi. Wann genau es so weit sein soll, verrät er lieber nicht. Langfristig eben.

Der dafür zuständige Trainer ist ein Vereinsidol wie einst Stanislawski: Thomas Meggle war Torschütze beim legendären Weltpokalsiegerbesieger-Spiel gegen den FC Bayern im Februar 2002 und wirkte am Einzug ins Pokal-Halbfinale 2006 mit. Er betreut die Mannschaft seit Anfang September, und ein Aufschwung hat sich seitdem nicht eingestellt. In sieben Spielen gab es vier Niederlagen.

Immerhin im Pokal läuft es bestens für den FC St. Pauli. Vor dem Spiel gegen Dortmund sagt Trainer Meggle mit feiner Selbstironie: "Das ist ein Wettbewerb, in dem wir ungeschlagen sind." Es gab auch erst ein Spiel: In der ersten Runde gegen den Oberligisten Optik Rathenow.

FC St. Pauli - Borussia Dortmund (Dienstag, 20.30 Uhr)
(die voraussichtlichen Aufstellungen)
St. Pauli: Tschauner - Startsev, Gonther, L. Sobiech, Schachten - Kurt, Alushi - Rzatkowski, Daube, Maier - Verhoek
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Sokratis, Hummels, Großkreutz - S. Bender, Kehl - H. Mkhitaryan, Kagawa, Reus - Aubameyang
Schiedsrichter: Perl