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St.-Pauli-Antrag zur TV-Vermarktung Einfach mal die Großen ärgern

Der FC St. Pauli befeuert mit einer provokanten Initiative die Investorendebatte im Fußball: Vereine mit mächtigem Geldgeber sollen von den TV-Einnahmen ausgeschlossen werden. Was wirklich dahintersteckt.

Andreas Rettig ist einer, der im Profifußball klare Worte spricht: "Alle Investoren sind willkommen, wenn sie sich an die Spielregeln halten. Wenn Investoren Geld in den Fußball stecken, dann ist das doch gut." Das sagte er im Juni vergangenen Jahres, Rettig war damals noch Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga.

Mittlerweile hat Rettig die Seiten gewechselt, er führt die Geschäfte beim FC St. Pauli, und als solcher hat er die Investoren mit einem aktuellen Antrag an seinen alten Arbeitgeber aufgeschreckt. Der Hamburger Zweitligist hat für die DFL-Mitgliederversammlung beantragt, künftig jene Klubs von den Einnahmen der Zentralvermarktung auszuschließen, die die in der Liga gültige 50+1-Regel nicht einhalten müssen. 50+1 - ein Reizwort im deutschen Fußball: Es soll gewährleisten, dass nicht einzelne Investoren sich der Klubs bemächtigen können - so wie es in der englischen Premier League mittlerweile gang und gäbe ist.

Der Vorstoß des FC St. Pauli richtet sich explizit gegen vier Vereine, die durch eine Ausnahmegenehmigung gegen 50+1 verstoßen dürfen: Das sind die beiden 100-prozentigen Konzerntöchter Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg, 1899 Hoffenheim, der Besitz von Geldgeber Dietmar Hopp, und ab 2017 auch Hannover 96, geführt und alimentiert durch Präsident Martin Kind. Alle vier profitieren derzeit von dem Passus, dass ein Verstoß gegen 50+1 geduldet wird, wenn ein Geldgeber einen Verein seit mindestens 20 Jahren kontinuierlich unterstützt.

Die 50+1-Regel...

...besagt, dass Investoren ungeachtet der Höhe ihrer Anteile nicht die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erlangen. Viele Bundesligaklubs haben ihre Lizenzspielerabteilungen als Kapitalgesellschaften ausgegliedert, um so Investoren anzulocken. Mit der Regel soll verhindert werden, dass diese Geldgeber die Entscheidungshoheit über diese Bereiche übernehmen können.

"Grundwerte des deutschen Fußballs in Gefahr"

Die betroffenen Klubs haben postwendend reagiert, und sie tun das wenig überraschend. In einer Erklärung des VfL Wolfsburg, die stellvertretend auch im Namen der drei anderen Vereine abgegeben wurde, heißt es unter anderem, der Antrag komme einer "Aufkündigung der Solidargemeinschaft im deutschen Fußball gleich". VfL-Geschäftsführer Klaus Allofs spricht von einer "schädlichen Entwicklung, die die Grundwerte des deutschen Profifußballs in Gefahr bringt". Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler nannte den Antrag "populistisch". Das sei "ein typischer Rettig: Er macht ein bisschen auf Schweinchen Schlau".

Hoffenheim-Mäzen Hopp: Ausnahmegenehmigung von der DFL

Hoffenheim-Mäzen Hopp: Ausnahmegenehmigung von der DFL

Foto: Bongarts/Getty Images

Es lässt sich sicher darüber streiten, ob die Zentralvermarktung, die vor allem die Fernsehgelder nach einem bestimmten Schlüssel auf die Vereine verteilt, unbedingt zu den Grundwerten des deutschen Fußballs gehört. Dennoch war dieses System von den Profiklubs bisher nie ernsthaft infrage gestellt worden. Mit dem FC St. Pauli wagt sich jetzt erstmals ein Verein aus den ersten beiden deutschen Ligen an dieses Thema.

Und findet damit Beifall - weniger bei den Vereinen, aber umso mehr in Fan-Kreisen. Der einflussreiche St.Pauli-Blog "Der Übersteiger" schreibt von einem "cleveren und smarten Move" Rettigs und spekuliert, der Geschäftsführer, einst selbst bei Bayer Leverkusen als Verantwortlicher arbeitend, habe durch seine frühere Tätigkeit beim der DFL im Vorfeld zweifellos das Terrain sondiert. Von daher sei "kaum zu erwarten, dass "St. Pauli mit dem Vorschlag allein im Regen stehen wird".

Droht nun die Eigenvermarktung der Großen?

Der Unmut darüber, dass auch in der Zentralvermarktung die großen Vereine immer noch am meisten profitieren, ist nicht neu. Bei einer Auflösung des Systems droht allerdings, dass sich die Top-Klubs künftig selbst vermarkten. Der FC Bayern, Borussia Dortmund, aber eben auch Wolfsburg oder Leverkusen haben die entsprechenden Möglichkeiten. Der Verzicht auf die Zentralvermarktung wäre für sie durchaus verschmerzbar.

Was tatsächlich den Charme des St.Pauli-Antrags ausmacht: Er ist zumindest nicht eigensüchtig zu nennen. Der Klub selbst hätte gar keinen Vorteil daraus, wenn der Antrag angenommen würde. Da der Ausschluss nur Vereine der 1. Liga betrifft und bisher die Vermarktung und die Verteilung des Geldkuchens säuberlich zwischen 1. und 2. Liga trennt. Auch wenn der FC St. Pauli mit seinem sehr eigenen Image wahrscheinlich auch bei der Eigenvermarktung nicht komplett abstürzen würde - anders als Vereine wie Sandhausen oder Paderborn.

Bei St. Pauli wollte man sich offiziell derzeit zu dem Antrag nicht äußern, man wolle die Vereine der Liga zunächst über die Beweggründe informieren. Für den Nachmittag hat der Klub allerdings die Presse zu einem Hintergrundgespräch geladen, dort wird das Thema sicher eine Rolle spielen.

Mehrheitsfähig, das weiß man auch am Millerntor, ist der Antrag bei der DFL-Mitgliederversammlung sicherlich nicht. Zu sehr überwiegt bei den weniger begüterten Vereinen die Sorge, dass ein Ende der Zentralvermarktung auch ein Ende des Geldsegens durch die TV-Einnahmen bedeuten könnte. Aber die öffentliche Debatte darüber, wie der deutsche Fußball sich organisiert und wie Reich und Groß und Klein sich immer weiter auseinanderdifferenzieren, ist durch den Antrag aus Hamburg wieder durch eine Facette bereichert worden.

Im Video: Völler über Rettig: "Schweinchen schlau"

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