Fanverein FC United of Manchester Was kommt nach dem Protest?

Fans gründeten den FC United of Manchester 2005, um gegen die Kommerzialisierung von Manchester United zu protestieren. Die Frage ist heute, wohin die "Red Rebels" wollen - und, zu welchen Kompromissen sie bereit sind.

Nathan Stirk/ Getty Images

Von , Manchester


Vor dem Stadion des FC United of Manchester steht eine Frau im Ringelshirt und telefoniert. Sie spricht so laut, dass man im Vorbeigehen mithören kann. Der Siebtligist hat gerade sein Qualifikationsspiel zum FA-Cup 1:2 gegen Warrington Town verloren - und ist damit aus dem Wettbewerb ausgeschieden, bevor er überhaupt angefangen hat.

"Dieses Jahr fahren wir nicht nach Wembley", ruft die Frau in ihr Telefon. Die Betonung liegt auf "dieses". Als wollte sie sagen: Aber nächstes Jahr vielleicht. Oder das Jahr darauf. Wäre ja möglich. Der französische Freigeist Eric Cantona meinte sogar mal, dass der Klub irgendwann den Europapokal gewinnen könnte.

Verschwinden wird der FC United of Manchester so schnell jedenfalls nicht.

Er ist längst mehr als die Protestzelle, die er im Frühjahr 2005 war, als Fans von Manchester United als Reaktion auf die Übernahme durch Malcolm Glazer ihren eigenen, von den Mitgliedern geführten Verein gründeten. Der FC United machte damals weltweit Schlagzeilen. Mittlerweile hat er sich etabliert. Er hat ein eigenes Stadion gebaut und ein paar heftige Turbulenzen überstanden. Jetzt muss der Klub klären, wie erfolgreich er künftig sein möchte. Und wie viel von seinem Idealismus er bereit ist, dafür aufzugeben.

Eine Historie in zwei Teilen

Eine Stunde vor dem Spiel gegen Warrington sitzt Vorstand Adrian Seddon auf der noch leeren Haupttribüne und zerlegt die Geschichte des Klubs in zwei Teile. "Die erste Phase war die, in der wir ein Stadion gesucht haben. Wir waren Nomaden. Als wir dann unser Stadion hatten, mussten wir plötzlich Rechnungen bezahlen. Wir sind in der harten Realität angekommen", sagt er.

Der Verein war heimatlos in den ersten zehn Jahren, spielte in verschiedenen Amateurspielstätten im Großraum Manchester. Im Mai 2015 eröffnete er sein eigenes Stadion, den Broadhurst Park im Stadtteil Moston. Mehr als zwei Millionen Pfund für den insgesamt 6,3 Millionen Pfund (zum damaligen Kurs 7,1 Millionen Euro) teuren Bau steuerten die Fans bei. Die Eröffnung wurde mit einem Freundschaftsspiel gegen Benfica Lissabon begangen. Es war ein Feiertag für den FC United, aber auch ein Tag, der tiefe Risse offenbarte.

Die Programmzeitung kostete nicht wie gewohnt zwei Pfund, sondern 2,50 Pfund. Das ist eigentlich kein Drama, doch bei einem Verein, der auf Basisdemokratie, Transparenz und der Ablehnung schrankenloser Kommerzialisierung gebaut ist, war die Preiserhöhung ein Tabubruch. Und zwar einer zu viel.

Proteste, Kumpanei und Rücktritte

Die Episode war der Auftakt der bisher turbulentesten Phase des Klubs. Die erste Saison im neuen Stadion war geprägt von Protesten der Mitglieder gegen die Vereinsführung, die ihrer Meinung nach nicht nach den Werten des FC United handelte. Sie beklagten fehlende Mitbestimmung, Kumpanei bei der Postenvergabe und mangelnde Kommunikation. Am Ende der Saison trat ein Großteil des elfköpfigen Vorstands zurück.

"Es gab damals viele Dinge, mit denen die Leute unzufrieden waren. Da brauchte es nur einen Funken", sagt Seddon, einer von aktuell zwei Vorständen. Der Funke, das war die Preiserhöhung des Stadionhefts. Danach flog alles in die Luft. Der Verein geriet laut Seddon sogar an den Rand der Insolvenz. Mittlerweile hat sich die Lage stabilisiert. Der FC United hat immer noch die Schulden des Stadionbaus abzubezahlen, etwa drei Millionen Pfund, kommt damit nach Seddons Aussage aber gut zurecht.

Das liegt unter anderem daran, dass der Klub jetzt mehr Sponsorengelder einnimmt, zum Beispiel über Bandenwerbung. Die größte Einnahmequelle mit rund 50 Prozent ist nach wie vor der Spieltag, also der Kartenverkauf, der Verkauf von Bier und Fritten und von Fan-Artikeln. Der Zuschauerschnitt liegt bei knapp 2000.

Groundhopper aus Deutschland besuchen den FC United

Man sieht im Stadion gemischtes Publikum. Junge Hipster und Fußballrentner, Familien mit Kindern, Groundhopper, auch aus Deutschland. Beim Spiel gegen Warrington sind ein paar Männer als Fans von Dynamo Dresden zu erkennen.

Als der 1. FC Magdeburg im Januar 2018 ein Freundschaftsspiel bei den Bolton Wanderers in der Nachbarschaft hatte, tranken Magdeburger Fans ein paar Tage vorher die Bar im Broadhurst Park leer, wie man sich noch heute erzählt. Aufkleber des FC St. Pauli sind sowieso überall zu sehen. Auch wegen der ideologischen Nähe zum FC United.

Sportlich ging es in den ersten Jahren nur bergauf, von der zehnten bis in die sechste Liga. Im Frühjahr 2019 ist der Klub zum ersten Mal abgestiegen und spielt seit dieser Saison wieder siebtklassig. Ist das Modell des basisdemokratischen, antikommerziellen Fanvereins an seine Grenzen gestoßen?

Der dritte Teil der Klubgeschichte

Vorstand Seddon sagt, dass der FC United gerade in die nächste Phase eintrete. "Wir müssen entscheiden, was unsere langfristige Vision ist. Wo wollen wir hin? Was wollen wir sein?" Er nennt den Drittligisten AFC Wimbledon als Beleg dafür, dass man es auch als Fanverein in den Profifußball schaffen kann. Dafür braucht mal allerdings Geld. Man müsste Kompromisse machen.

Wimbledon hat zum Beispiel einen Trikotsponsor. Die Brust des FC United ist blank, als Symbol gegen den Kommerzfußball. Aber das muss nicht so bleiben. Seddon sagt: "Wenn die Fans irgendwann einen Trikotsponsor wollen, dann bekommen wir einen. Ich glaube nicht, dass sie es wollen. Aber am Ende geben sie die Richtung vor."

Es ist in den vergangenen Jahren ein gewisser Realismus eingezogen bei den Roten Rebellen. Der Verein hat gelernt, pragmatische Entscheidungen zu treffen. Oder, anders formuliert: Ein Trikotsponsor ist wahrscheinlicher als der baldige Gewinn des FA-Cups oder des Europapokals.



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