FC Valencia Dann zeigte uns Canizares den Mittelfinger

Das Spiel des Lebens? Für Jan Göbel und seine Kumpel war es eine Partie des FC Valencia. Weil Torwart Canizares sie zu Rockstars machte. Eine Zeitreise mit einem wieder erstarkten Klub, der fast verschwunden wäre.

Valencia-Torwart Santiago Canizares
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Valencia-Torwart Santiago Canizares

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2014 wäre der FC Valencia wegen finanzieller Not fast in der Bedeutungslosigkeit versunken. Heute ist der Verein Spaniens Mannschaft der Stunde. Acht Siege in Folge: Am Abend trifft der Zweitplatzierte auf den Tabellenführer FC Barcelona. Klar, Barça ist der viel größere Klub. Real Madrid auch. Aber ich habe eine besondere Beziehung zu Valencia. Vor zwölf Jahren ging es los.

Es war ein kurzer Moment. Santiago Canizares hatte uns gerade den Mittelfinger gezeigt. Canizares! Champions-League-Sieger, Spanischer Meister, Nationaltorwart.

Wir, das waren meine Schulfreunde und ich, 14 Jahre alt. Wir standen in der Nordkurve des Volksparkstadion, erste Reihe, hässliche Frisuren, direkt hinter Canizares, auch nicht mit dem besten Haarschnitt gesegnet. Auf dem Platz führte der Hamburger SV gegen den FC Valencia durch einen Treffer von Sergej Barbarez.

Der HSV lag eigentlich dank uns vorne, so viel war sicher. Immerhin erledigten wir die Drecksarbeit und störten Canizares bei jedem Ballkontakt mit kreischendem Gejaule. Bei einem Kumpel klang das besonders nervig. Er war im Stimmbruch. Irgendwann hatten wir es geschafft: Der Keeper richtete den Mittelfinger gegen uns. Wir sahen das als Bestätigung unseres Tun und tanzten vor Freude, die Kurve grölte. Der HSV gewann dieses für uns so bedeutende UI-Cup-Spiel. Wir fühlten uns wie Rockstars.

Damals, im Spätsommer 2005, ließ uns das Stadionerlebnis nicht mehr los. Wenn wir nach der Schule bolzen gingen, gaben wir uns Namen von bekannten Fußballerprofis. Das Seltsame: Jeder wollte ein Valencia-Spieler sein.

Einer dirigierte als Pablo Aimar im Mittelfeld, ein anderer schoss Tore wie David Villa oder Patrick Kluivert. Unser Flankengott hieß Vincente und wer zu spät kam, musste als Roberto Ayala in die Abwehr - Pech gehabt. Das große Los: Santiago Canizares, der nach unseren Regeln alles durfte. Der FC Valencia und seine Traummannschaft. Das war unsere erste Sommerromanze.

Kluivert vs. Trochowski
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Kluivert vs. Trochowski

Doch es kam, wie es kommen musste: Die Fernbeziehung hielt nicht. Wir machten Schluss, und wenn wir nach unserer Trennung noch etwas von Valencia hörten, dann waren es schlechte Nachrichten: Im Jahr 2008 war Valencia der höchstverschuldete Klub Spaniens. Es drohte die Pleite, die Gründe: zu teure Spieler, Spekulationen mit dem maroden Stadion während der Immobilienkrise und ausbleibender sportlicher Erfolg. Mit 650 Millionen Euro stand Valencia in der Kreide.

Unser Problem war zu dieser Zeit die Schule. Jährlich stand die Versetzung bis zuletzt auf der Kippe. Analog zu unserem Schlingerkurs rettete sich Valencia Jahr für Jahr knapp vor dem finanziellen Aus. Im Januar 2014 wäre es fast passiert. "Der FC Valencia kann zum jetzigen Stand keinen einzigen Euro mehr bezahlen", sagte Klubpräsident Amadeo Salvi damals. Das Ende des Klubs wäre unvermeidbar gewesen, wenn Peter Lim den Verein nicht für 420 Millionen Euro übernommen hätte.

Lim ist ein schwerreicher Investor aus Singapur und zu Beginn seiner Amtszeit im Jahr 2015 investierte er über 150 Millionen Euro in neue Spieler. Mehrere dieser Profis kamen auf Empfehlung von Spielerberater Jorge Mendes. Das Resultat dieser millionenschweren Zusammenarbeit: Platz elf im ersten Jahr (2015/2016). In der vergangenen Saison wurde Valencia Zwölfter. Sechs Trainerwechsel liegen in diesem Zeitraum.

Gary Neville oder Cesare Prandelli waren zwei dieser Trainer. Valencias aktueller Coach heißt Marcelino, der Ex-Trainer des FC Villarreal. Verpflichtet wurde er von Valencias neuem Sportdirektor Mateu Alemany, viele Jahre bei Real Mallorca tätig. Beide stehen für Konstanz, heißt es in Spanien. Anders als Geldgeber Lim, der den Klub zwar weiter besitzt, aber seine Investitionen nahezu eingestellt hat. Aufmerksamkeit erregte der Geldgeber zuletzt, weil der Klub einige Fanklubs als "Fake Fans" bezeichnete. In der bizarren Pressemitteilung hieß es, nicht Lim, sondern die schlechte Stimmung der Fans sei für die Misserfolge der vergangenen Jahre verantwortlich.

Ohne Lims Fehleinkäufe in diesem Sommer gehört der FC Valencia (30 Punkte) aktuell zu den Spitzenteams Spaniens. Der zweite Platz vor dem Duell (20.45 Uhr) gegen den FC Barcelona (34 Punkte) mag eine Momentaufnahme sein, aber ein Kunststück wie Valencias Serie von acht Ligasiegen gelang beispielsweise Real Madrid zuletzt vor fast zwei Jahren.

Santi Mina (l.) und Rodrigo
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Santi Mina (l.) und Rodrigo

Die Torjäger Simone Zaza (neun Saisontreffer) und Rodrigo (sieben), Verteidiger Ezequiel Garay, Defensivspezialist Geoffrey Kondogbia und Trainer Marcelino sind die Säulen dieser Mannschaft. Kein Canizares, kein Villa.

Es ist eher das Kontrastprogramm zur Startruppe aus dem Volkspark im Jahr 2005. Fans dürfte es nicht weiter interessieren, dass die großen Namen fehlen. Vor allem, wenn man betrachtet, was aus früheren Top-Teams geworden ist: Parma, Leeds oder Nottingham, um nur ein paar verschwundene Klubs zu nennen.

Meine Clique war nach dem Canizares-Mittelfinger nur noch einmal in gleicher Besetzung im Stadion. 2006 war das. Hamburg spielte in der Champions-League-Qualifikation gegen CA Osasuna. Einige von uns waren gerade 16 Jahre alt geworden. Es war der Startschuss, um legal Bier zu kaufen. Aber diese Geschichte erzähle ich, wenn Osasuna wieder ein Top-Team ist. Oder der HSV.

Haben Sie auch ein besonderes Stadionerlebnis vom dem Sie erzählen möchten? Schreiben Sie mir unter jan.goebel@spiegel.de

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
gibmichdiekirsche 26.11.2017
1.
Sehr schön und anschaulich-nachvollziehbar erzählt. Ich glaube, so ziemlich jeder Fußballfreund - und fan hat irgendwann solche prägenden und unvergesslichen Geschichten erlebt. Bei mir war es, als ich als 10jähriger Sepp Herberger leibhaftig getroffen habe. Der war Ehrengast bei meinem Sehr schöne und schön erzählte Geschichte, Herr Göbel. Auch von solchen Geschichten lebt der Fußball und ich vermute, jeder Fußballfreund und -fan kann von einem vergleichbaren Schlüsselerlebnis erzählen. Bei mir war es, als ich als 10jähriger Sepp Herberger leibhaftig begegnet bin. Der war Ehrengast "meines" Ortsvereins in der Oberliga und saß in der Pause auf einem Klappstuhl auf dem Aschenplatz und verteilte Autogramme. Der Anpfiff der 2. Halbzeit nahte, und ich war bis dahin leer ausgegangen. Ich stand wartend herum und habe dabei einen herumliegenden Ball ein bisschen hochgehalten. Herberger sah das, rief mich zu sich, reichte mir eine Autogrammkarte und sagte: "Junge, mach weiter, aus dir kann was werden." Er sollte fußballerisch zwar Unrecht behalten, aber was soll's? Es war Sepp Herberger.
ecki_immel 26.11.2017
2. Osasuna
Beim nächsten Mal erzählen Sie uns dann hoffentlich auch von der ominösen Verletzung von Khalid Boularouz vor den Spielen gegen Osasuna...
trackingerror 26.11.2017
3.
Ich erinnere mich noch gerne an das entscheidende Spiel in Valencia in der Champions League Gruppenphase 04/05, das Werder Bremen 2:0 gewann. Naja, an das 0:3 und 2:7 gegen Lyon im danach im Achtelfinale weniger...
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