Englischer Pokalfinalist Watford Fast so viele Trainerwechsel wie der HSV - aber erfolgreich

Der FC Watford hat den Ruf eines chaotischen Söldnerclubs. Allerdings ist er damit ziemlich weit gekommen: ins FA-Cup-Finale gegen Manchester City.

Watfords Gerard Deulofeu: In Barcelona ausgebildet, in Watford gelandet
Nick Potts / DPA

Watfords Gerard Deulofeu: In Barcelona ausgebildet, in Watford gelandet

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Der bekannteste Fan kann nicht dabei sein, wenn der FC Watford sein größtes Spiel seit 35 Jahren bestreitet. Elton John gibt am Samstagabend ein Konzert in Kopenhagen, er wird das Finale des FA-Cups gegen Meister Manchester City, das am Samstag um 18 Uhr beginnt, aus der Ferne verfolgen müssen.

Watfords Einzug ins Finale von Wembley eine Überraschung zu nennen, wäre eine Untertreibung. Der Verein schleppt seit einigen Jahren das Image eines Chaosclubs mit sich herum, der wahllos Spieler zusammenkauft (oder leiht) und bei jeder Gelegenheit den Trainer wechselt. Seit dem Einstieg der italienischen Pozzo-Familie, die Watford 2012 vor dem Ruin bewahrte, ist der aktuell amtierende Spanier Javi Gracia schon der zehnte Trainer. Im gleichen Zeitraum kommt der oft gescholtene Hamburger SV auf elf Trainer.

Der HSV steckt in der Zweiten Liga fest. Watford hingegen kann City den Pokalsieg streitig machen, und mit dem Abstieg hatte der Club in der abgelaufenen Premier-League-Saison nichts zu tun.

"Mehr können die Fans nicht verlangen"

Obwohl der Verein von Fachleuten und Buchmachern vor dieser Spielzeit wieder einmal zum Abstiegskandidaten erklärt worden war, gelang der Klassenerhalt ohne Probleme. Mehr noch: Die Mannschaft spielte lange um den Platz als bestes Team hinter den großen sechs Clubs aus Manchester (City und United), London (Arsenal, Chelsea und Tottenham) und Liverpool mit.

Am Ende wurde Watford Elfter und erreichte damit die beste Platzierung seit dem Aufstieg vor vier Jahren. "Mehr als ein FA-Cup-Finale und einen Abschluss im Tabellenmittelfeld können die Fans nicht verlangen", urteilte der "Daily Telegraph" und benotete Watfords Saison mit einem A. Das entspricht einer 1.

Fünf Trainer in zwölf Monaten

2016 trennte sich Watford von Trainer Quique Sánchez Flores, der den Aufsteiger ins Halbfinale des FA Cups und ins Tabellenmittelfeld der Liga geführt hatte. Der Club und er selbst seien unterschiedlicher Auffassung darüber, wie man die Saison bewerte, sagte Sánchez Flores damals. Der Spanier war der fünfte Trainer binnen zwölf Monaten gewesen.

Im darauffolgenden Jahr musste Coach Walter Mazzarri gehen, obwohl ihm der vorzeitige Klassenerhalt gelang. Dessen Nachfolger Marco Silva startete dann so gut in die Saison, dass ihn der FC Everton für die kommende Saison verpflichtete. Als anschließend die Siege seltener wurden, trennte sich Watford vorzeitig vom Portugiesen. Im Januar kam dann Gracia. 16 Monate ist er seither im Amt, länger trainierte zuletzt den Club Gianfranco Zola, was sechs Jahre her ist.

Neben dem Arbeitsethos von Trainer Gracia, der aus einer Lehrerfamilie stammt, ist der Aufschwung des Clubs damit zu erklären, dass sich trotz der ständigen Umwälzungen eine Mannschaft herausgebildet hat, die schon länger zusammenspielt und über viel Erfahrung verfügt. Sechs der zehn Profis mit den meisten Einsätzen in dieser Saison sind seit 2016 oder länger bei Watford beschäftigt. Neun Spieler aus der Startelf beim letzten Ligaspiel der Saison gegen West Ham (1:4) waren 26 Jahre alt oder älter, fünf von ihnen sogar mindestens 30.

Stürmer Troy Deeney: Wegen einer Schlägerei im Gefängnis
Ben Stansall / AFP

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Gracia lässt ein 4-4-2-System spielen, in dem das Mittelfeld um die Franzosen Étienne Capoue und Abdoulaye Doucouré das Herz bildet. Die "Times" schrieb im Oktober von einem der "ruhigsten und effizientesten Maschinenräume der Liga". Bester Torschütze ist der Spanier Gerard Deulofeu. Zwei seiner zwölf Treffer in allen Wettbewerben erzielte er beim 3:2 im Halbfinale des FA-Cups gegen die Wolverhampton Wanderers. Er wurde in Barcelonas berühmter Akademie La Masia ausgebildet.

Deulofeu profitiert davon, dass ihn Trainer Gracia von einem Rechtsaußen zum Mittelstürmer umfunktioniert hat. Er teilt sich im Angriff die Arbeit mit Kapitän Troy Deeney, der zu Beginn seiner Karriere Alkoholprobleme hatte und zwischenzeitlich drei Monate im Gefängnis saß wegen einer Schlägerei bei einer Partynacht in seiner Heimatstadt Birmingham. Es ist eine erstaunliche Wendung, dass jemand mit einem solchen Lebenslauf seine Mannschaft am Samstag in ein Pokalfinale im Wembley-Stadion führt.

Elton John wird dann fehlen, aber er wird doch vertreten sein. Seine Söhne Zachary und Elijah, acht und sechs Jahre alt, werden mit der Mannschaft ins Wembley-Stadion einlaufen und dann mit ansehen, wie der Außenseiter versucht, gegen das Team von Pep Guardiola für eine Sensation zu sorgen. Ein Sieg im FA-Cup-Finale - es wäre der erste Titel in der Vereinsgeschichte.

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