Bruno Fernandes Er ließ die Mutter seines Kindes ermorden, jetzt spielt er wieder Fußball

Torwart Bruno Fernandes stand eine internationale Karriere bevor. Dann ließ er seine Ex-Geliebte ermorden. Nun ist er frei und spielt wieder. Der Fall erzählt viel über Brasiliens Umgang mit Gewalt gegen Frauen.
Von Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt
Bruno Fernandes soll seine Ex-Geliebte ermorden lassen haben. Nun spielt er wieder Fußball

Bruno Fernandes soll seine Ex-Geliebte ermorden lassen haben. Nun spielt er wieder Fußball

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DOUGLAS MAGNO/ AFP

Irgendwie muss es Valdemar Neto dann doch mulmig geworden sein. Nach dem Shitstorm, der angesichts der Verpflichtung eines neuen, höchst umstrittenen Torhüters über seinen kleinen Profi-Klub aus der 4. Liga hereinbrach, meldete sich Neto Ende Juli bei YouTube  zu Wort. Er versuchte dort zu rechtfertigen, was viele Menschen in Brasilien für unentschuldbar halten: "Nie hätte ich gedacht, dass die Verpflichtung von Keeper Bruno so einen Nachhall in den sozialen Netzwerken haben würde", sagte der Präsident von Rio Branco FC aus dem Amazonas-Bundesstaat Acre.

Neto hätte es besser wissen müssen. Denn die Erfahrung, dass eine Anstellung von Bruno Fernandes De Souza eine taktlose Angelegenheit ist, haben vor Neto schon die Präsidenten von drei anderen unterklassigen Klubs gemacht. Wo auch immer der frühere Spitzentorhüter vom Erstligaklub Flamengo Rio de Janeiro und verurteilte Frauenmörder in den vergangenen Jahren als Freigänger angestellt wurde, gab es Widerstand von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen, Fußballspielerinnen und auch Sponsoren, die zum Teil aus Protest ihre Engagements beendeten. 

Auch jetzt in Rio Branco. Kaum war die Tinte unter dem Vertrag für "Goleiro Bruno", wie Fernandes genannt wird, getrocknet, trat die Trainerin der Frauenteams  des Klubs zurück. Rose Costa bat gleich nach Bekanntgabe der Verpflichtung um Entbindung von ihren vertraglichen Pflichten. Sie warf Vereinschef Neto eine "einsame Entscheidung" vor, weil er eine so umstrittene Personalie vorher nicht mit Gremien und Mannschaften des Vereins besprochen hat. "Wie kann jemand beispielgebend sein für Nachwuchs oder Sportler, der ein so barbarisches Verbrechen begangen hat", kritisiert Costa den Vertrag für den Keeper.

Tage zuvor, als die Nachricht publik wurde, dass Fernandes De Souza in Rio Branco nahe der peruanischen Grenze anheuert, hatte Klubboss Neto den Coup als "einen der besten in der Geschichte" des Klubs bezeichnet.

Mord an der Mutter des Sohnes

Wenn er also jetzt sagt, er habe mit einer solchen Protestwelle nicht gerechnet, dann wirkt das wenig glaubhaft und zynisch. "Bruno hat für seine Tat bezahlt, er braucht eine neue Chance, er muss seine Familie ernähren und wieder seinen Platz in der Gesellschaft finden", sagte der Vereinschef und wirkte dabei wie eine Mischung aus Sozialarbeiter und Prediger. "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein", schloss er.

Ein solches Verbrechen wie das, das der heute 35 Jahre alte Profi nach Erkenntnissen der Justiz vor zehn Jahren verübt hat, ist jedoch nicht so einfach abzutun. Fernandes soll die Mutter seines Sohnes Bruninho von einem Auftragsmörder entführen, foltern, zerstückeln und am Ende an einen Hund verfüttern haben lassen. Das Motiv: Er wollte die Schwangerschaft nicht und nach der Geburt auch keinen Unterhalt zahlen. Denn der Keeper hatte mit dem Opfer, dem Model Eliza Samudio, lediglich eine außereheliche Affäre. 

2013 wurde Bruno zu 22 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt, verbüßte aber lediglich sechs Jahre und sieben Monate davon, weil die Justiz das Berufungsverfahren verschleppte. Daher war er schon 2017 erstmals kurzfristig freigekommen, heuerte bei Boa Esporte Clube in der zweiten Liga seines Heimatstaates Minas Gerais an, machte fünf Spiele. Nach einem Monat war die Rückkehr auf den Fußballplatz wieder vorbei. Fernandes musste wieder hinter Gitter.

"Was passiert ist, ist passiert"

Weil noch immer kein Berufungsverfahren anberaumt wurde, kam Bruno 2019 dann endgültig aus der Haft und darf seitdem im Hausarrest mit richterlicher Erlaubnis seinem alten Job nachgehen: Bälle fangen. Ende Juli 2019 wurde er von Poços de Caldas aus Minas Gerais verpflichtet. Und nun also Rio Branco aus der vierten Liga. Schon 2014 hatte der Torhüter symbolisch ein Angebot vom kleinen Klub Montes Claro angenommen, als er kaum ein paar Monate im Gefängnis saß. 

Was als vermeintlicher PR-Coup geplant war, hat in Brasilien einen besonders faden Beigeschmack. In dem Land, in dem mehr Frauen an Femiziden sterben als in vielen anderen Staaten Lateinamerikas. Viele Brasilianer wollen nicht verstehen, dass der Sportler so lange für ein Verbrechen ins Gefängnis musste, das er nie vollständig zugegeben hat. Er hätte den Tod seiner Geliebten "verhindern müssen", sagte Bruno 2017 lediglich. "Was passiert ist, ist passiert, ich habe einen schweren Fehler gemacht, aber das kommt im Leben vor. Leute haben versucht, meinen Traum zu beerdigen. Aber ich fange wieder an".

Der Fußball-Experte und Kolumnist Breiller Pires hatte Gelegenheit, Fernandes 2014 in der Haft zu interviewen. Er sah einen Mann, der ohne Reue über den Tod seiner einstigen Geliebten sprach. Pires hält das Verhalten von Vereinen wie Rio Branco daher für "skandalös und scheinheilig". Es gehe Klubchef Neto nicht um Resozialisierung, sondern um Image und Marketing. "Die Vereine verwechseln Resozialisierung mit Zynismus", sagt Pires dem SPIEGEL. Keiner der vier Klubs, die den Torhüter bisher verpflichten wollten, hätte ein Re-Integrationskonzept gehabt. "Stattdessen tun sie so, als hätten sie Neymar oder einen Popstar verpflichtet".

Immerhin gehörte Bruno Fernandes bis zu dem Verbrechen zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft, hatte Chancen auf die WM-Teilnahme 2010 und das Interesse vom AC Mailand geweckt. Dann wurde er ein Frauenmörder. Es ist daher auch eine Geschichte über den brasilianischen Fußball, wo Moral und Anstand hinter Aufmerksamkeit und Scheinwerferlicht zurückstehen.  

In Corona-Zeiten steht für Bruno bei Rio Branco erst einmal nur Training auf dem Programm, und es bleibt daher viel Zeit für Schlammschlachten, die in den Boulevardblättern geführt werden. Angeblich will der heute zehnjährige Sohn Bruninho seinen Vater nicht auf dem Fußballplatz, sondern lebenslang im Knast sehen. Der Keeper hingegen ficht die Vaterschaft des Jungen an. Derweil hat die Staatsanwaltschaft von Acre schon einmal vorsorglich beantragt, dass "Goleiro Bruno" eine Fußfessel tragen möge. Auch bei den Spielen. 

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