Fernschuss Der schmutzige Unterschied

In England schrumpfen die Titelhoffnungen. Zwei glanzlose Auftritte bei der WM sorgen für Depression auf der Insel. Und jetzt spielen die Erzfeinde aus Deutschland und Argentinien auch noch begeisternden Fußball - es kann nur besser werden.


Der britische Premierminister Harold Macmillan sagte in den sechziger Jahren einmal, dass in der Politik eine Woche eine lange Zeit sei. Diese Weisheit gilt auch für den Fußball, besonders, wenn ich mir die Wandlung der Stimmung hier auf unserer schönen Insel anschaue. Als Beckham und seine Kameraden, die St.Georgs-Fahne zum Flugzeugfenster hinaushaltend, loszogen, gab es in Britannien kaum jemand, der sich getraut hätte zu bezweifeln, dass die Mannschaft mit dem Weltpokal zurückkehren würde. Und jetzt nach zwei deprimierend miesen Spielen wirken die weißen Autoflaggen grau wie Laub im November, die Poster in den Hausfenstern wie ein Zeichen, dass der Besitzer vor Jahren verstorben ist und die Erben das Ding bald billig losschlagen oder abreißen werden.

Englische Fans: Wir nicht Weltmeister? Forget it.
AFP

Englische Fans: Wir nicht Weltmeister? Forget it.

Ich wunderte mich deshalb nicht besonders, als mein indischer Freund Bagath gestern vorbeikam und einen Vorschlag zu machen hatte. Bagath setzte sein wichtigstes Gesicht auf und sagte: "Lass uns wetten gehen, dass England auf gar keinen Fall Weltmeister wird." Wir zogen los, öffneten die Tür zum Wettbüro und brachten unser Anliegen vor, aber die Angestellten hinter den schusssicheren Plexiglasscheiben schauten uns an als seien wir Vampire. "Impossible", sagten sie und basta. Man kann in diesem Land auf alles wetten, ob Totti mit neuer Frisur aufläuft oder Figo noch vor der Halbzeit ausgewechselt wird, aber England nicht Weltmeister? Forget it.

Es gibt viele Wege, sicher zum Flughafen zu kommen. Aber wenn England am Dienstag gegen Schweden verliert und dann am nächsten Wochenende auf das entfesselte deutsche Team trifft, haben die Briten wenigstens endlich eine realistische Verwendung für ihre lächerliche Polizeieskorte. Acht Motorräder, sechs Autos und ein Hubschrauber sorgen derzeit dafür, dass die Royals unter den Kickern eine angenehme Reise zu ihren hilflosen Auftritten haben. Ein frühes Ausscheiden, dazu gegen jene Nation, die sie immer noch als "Hunnen" bezeichnen, und die Fans drehen durch wie 1998, als Beckham nach einem Foul gegen den Argentinier Simeone vom Platz gestellt wurde und sie am Wegrand Strohpuppen ihres Idols verbrannten.

Es ist eine Vorstellung, die mich nicht wirklich traurig macht, vor allem, wenn ich an die hübschen Plastikstahlhelme denke, die sich immer noch an jeder Billigtankstelle vor der Kasse stapeln. Und davon abgesehen ist meine Laune derzeit ohnehin top, vor allem, wenn Argentinien spielt. Deren Team ist in England fast so beliebt wie das unsere, seit 1966 der britische Trainer Sir Alf Ramsey seinen Spielern verbot mit "diesen Tieren" nach dem Spiel die Trikots zu tauschen.

Ausgerechnet jene Wesen spielen bei dieser WM den modernen, schnellen, offensiven Fußball, den die satten englischen Stars schon glaubten zu besitzen, wie jene Aston Martins und diamantenbesetzte Uhren, die sie zuhause horten. Aber von einer Passstafette über 26 Stationen, wie die zum sensationellen 2:0 durch Cambiasso, können die Neureichen mit den drei Löwen auf dem Shirt nur träumen. Stattdessen: hohe Bälle nach vorne und beten, dass einer reingeht, irgendwie.

Es ist ein Hochgenuss, diese Argentinier spielen zu sehen. Sie kommen mit einem Polizeiauto und einem Motorrad aus, wenn sie ins Stadion fahren. Aber einmal auf dem Spielfeld ist alles, was folgt, absolute Luxusklasse. Ihr Elan wird nur noch übertroffen vom Größten der Großen, von El Diego, der wie ein Staatspräsident in Ekstase wahrscheinlich noch keine Sekunde auf seinem Stuhl saß, während die seinen spielten bei dieser WM, und stattdessen tanzte. Früher war es Argentiniens Problem, dass sie einen Maradona hatten und zehn Normale, diesmal sieht es bei manchen Spielzügen so aus, als würden elf Leute gleichzeitig das Erbe des großen Meisters antreten.

Es war bei der WM in Mexiko 1986, als Jorge Valdano und Maradona meiner neuen Lieblingsbeschäftigung nachgaben und ebenfalls eine Wette abschlossen. Maradona würde einen Fußball in eine Journalistenrunde passen. "Sie werden ihn aufheben und mit der Hand an uns zurücktragen, weil sie den Fußball insgeheim verachten", sagte Maradona.

"Sie werden ihn mit dem Fuß spielen", sagte Valdano. Maradona passte und irgendein ordentlicher Schreiberling hob den Ball auf und brachte ihn mit beiden Händen zu Maradona zurück. "Der arme Kerl, er hat sich geschämt, den Ball mit dem Fuß zu nehmen, weil Du, Maradona, da warst", verteidigte sich Valdano, weil es immer schwer ist, eine Wette zu verlieren.

Maradona lachte. Dann sagte er: "Wenn ich mit einem Smoking bei einem Empfang in der Villa des Präsidenten bin und ein schlammverschmierter Ball kommt auf mich zugeflogen, dann stoppe ich ihn mit der Brust und spiele ihn zurück mit dem Fuß, wie es sich gehört."

David Beckham ist ein hübscher Bursche, der gute Flanken schlagen kann, und dessen Besessenheit sich darauf beschränkt, zuhause seine Schokoriegel in Reih und Glied in den Kühlschrank zu legen. Zu solch einem prächtigen Hollywood-Satz wird er nie fähig sein.

Geschweige denn zu viel mehr.



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