Fernschuss Im Land der sauberen Frisuren

Einen günstigeren Moment um nach Rom zu fahren, hätte es nicht geben können: Mit Kurzhaarfrisur beglückte Totti die Italiener – die einen gelungenen WM-Auftakt feiern konnten.


Ich landete in der Stadt, die von sich sagt sie sei ewig, kurz bevor die Sonne hinter den Hügeln verschwand und der Unterschied zu London hätte nicht größer sein können: Im früheren Außenposten des Imperiums waren die Autos mit der St.-Georges-Flagge herumgerast als seien es Streitwagen im Circus Maximus; Bankbeamte trugen die drei Löwen auf dem Shirt zur Arbeit; und einfache Schulkinder waren erst ins Bett gegangen, als der Familienvorstand ihnen versprochen hatte, für 1000 Pfund noch ein Vorrundenticket zu ersteigern, damit der Nachwuchs den Nachfahren König Arthurs bei ihrem Feldzug auf deutschem Boden zusehen könne.

Meine Uhr zeigt eine Stunde vor Anpfiff und die Stadt begann sich zu verstecken. In den Restaurants und Bars ließen die Kellner die Rolläden herunter, die letzten Gäste liefen wie Flüchtlinge über die Straßen, das Dolce Vita, dessen Mittelpunkt die Piazza ist, wo getratscht, gehandelt, geflirtet und geschimpft wird, verschwand. Ich bekam Panik. Wo, zum Teufel, sollte ich das Spiel sehen?

Ein Freund wusste Rat und nahm mich mit zu Daniele, einem Anwalt. Daniele saß mit einem Teller Pesto vor dem Fernsehapparat und sah aus, als rechne er damit, dass gleich die Reiter der Apokalypse über den Marmor seines Wohnzimmers galoppieren würden. Wir rieten ihm zu frischer Luft, vielleicht einem Schnaps. "Noi, Italiani trinken jetzt nicht irgendwo da draußen", sagte er, "jeder sieht das Spiel a casa, erst, wenn wir gewonnen haben, gibt es den la corsa nelle strade." Wir nickten. Erst Wohnzimmer, dann Straße. Es hatte keinen Sinn, dem Mann jetzt zu widersprechen.

Italiener sind behutsame Menschen, aber der Bestechungsskandal, der sich in diesem Frühjahr wie Essig durch ihren Nationalsport zu fressen begann, hat sie noch ein wenig vorsichtiger werden lassen. Wie soll man sich auf eine Weltmeisterschaft freuen, wenn der Generaldirektor des mächtigsten italienischen Clubs, Juventus Turin, über Jahre hinweg Schiedsrichter manipuliert haben soll? Wo soll Zuversicht wachsen, wenn der Sohn des Generaldirektors mit dem Sohn des Nationaltrainers in der größten Spielerberatungsfirma herumgemauschelt haben soll?

Jubel alla italiana: Schön und erfolgreich
AP

Jubel alla italiana: Schön und erfolgreich

Und, wie bitte, ist es möglich, dass inmitten dieser selbstverschuldeten Schicksalsplagen auch noch der Groß-Gladiator des Calcio, Francesco "il bello" Totti, einen Wadenbeinbruch erleiden musste, und wahrscheinlich die WM nur als B-Version seiner Legende bestreiten darf? Es ist kein Wunder, dass in einem Land, in dem auch noch die kühnsten Verschwörungstheorien von der Wirklichkeit übertroffen wurden, Männer wie Daniele vermuten, dass jener Kosmos aus den Fugen ist, den der große Stellvertreter am Petersplatz eigentlich günstig stimmen soll.

Daniele starrte in seinen Bildschirm wie in einen Beichtstuhl. Dann sahen wir Totti einlaufen mit kurzen Haaren. Das schien ein gutes Zeichen zu sein, denn Daniele atmete jetzt regelmäßiger. Keine Rede mehr von den acht Verteidigern mit denen das Tor der Azzurri verriegelt werden sollte "Il sole è di tutti, il pallone è solo nostro", sagte Daniele. Die Sonne gehört allen, aber der Ball gehört nur uns. Das Imperium war bereit für die Auferstehung.

Natürlich lauerten Wesen, die er "Cretini" nannte, überall. Der Schiedsrichter gehörte dazu, ein paar Ghanaer, jede Menge Azzurri sowieso. Aber nach dem 1:0 gab es Oliven, Käse und Schinken. Nach dem 2:0 Eis und dazu einen Gratisschwenk der Fernsehregie auf Alena Seredova, jenes tschechische Model, welches Italiens Nationaltorwart Gianluigi Buffon derzeit als Accessoire spazieren führt.

"Che bellezza", sagte Daniele, bestand aber darauf, dass es ein Wesen gebe, das noch schöner ist. Es war natürlich die Frau von Totti, Ilary Blasi, deren Karrierehöhepunkt nach einen Engagement als Showgirl beim Wetterkanal darin bestand, "Il Bello" in einer landesweit übertragenen Livezeremonie zum Traualtar zu führen und später die Dynastie der Tottis fortzusetzen, indem sie per Unterwassergeburt einem Jungen das Leben schenkte.

Daniele rannte im Zimmer auf und ab. Römer wissen, dass das Leben gelegentlich harte Zeiten bereit halten kann und auch hier reklamieren sie Totti als eine Art Schutzpatron, indem sie die legendäre geistige Eindimensionalität ihres Kickers feiern: "Was waren die schlimmsten drei Jahre in Tottis Leben?" - "Die erste Klasse Volksschule." Die Gefahr, dass das Nationalteam sitzen bleiben würde, schien gebannt für diese Nacht.

Daniele ließ die Vespa an, hupte ein wenig herum. "Es war die Frisur", sagte er. "Die neue, saubere Frisur von Totti." Heute schreiben die Zeitungen Tottis eigens eingeflogener Friseur, ein Mann namens Luciano Bellotti, habe Stunden am Haar des Stars gearbeitet. "Er hat solange geschnippelt, dass ich nichts von Australien und Tschechien gesehen habe", sagte Totti hinterher. Das würden wir jetzt gerne Daniele erzählen. Aber es geht nicht. Er schläft noch.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.