Fernschuss No Guts, no Glory

Argentinien ist genau der richtige Maßstab für Deutschland. Denn das Team von Jürgen Klinsmann ist längst nicht mehr von den Schwächen des Gegners abhängig. Schummeln und Wegducken haben Ballack und Co. bei dieser WM nicht mehr nötig.


Es war auf einer Party am letzten Wochenende, als ein ehemals sehr mächtiger deutscher Politiker vor mir auf einer Bierbank Platz nahm. Auf der Leinwand lief Argentinien gegen Mexiko, die Argentinier taten sich schwer und der ehemals sehr mächtige deutsche Politiker verwandelte sich langsam in einen Mexikaner.

Klinsmann-Jubel (nach einem Torerfolg im Achtelfinale gegen Schweden): Schluss mit hässlich-erfolgreichem Fußball
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Klinsmann-Jubel (nach einem Torerfolg im Achtelfinale gegen Schweden): Schluss mit hässlich-erfolgreichem Fußball

Ich rätselte, warum jemand lieber die öden Mittelfeldblockierer sehen wollte als die erwiesenen Kombinationszauberer, die an jenem Abend merkwürdig gehemmt schienen und ein wenig Aufmunterung hätten gebrauchen können. Wahrscheinlich war es das ewige Ding David gegen Goliath, dem wir Fortschrittsfreunde immer gern erliegen, vielleicht ein wenig Underdog-Romantik, gegen die sich ebenfalls nichts sagen lässt, leider aber war es vor allem etwas anderes: Hinter der Sympathie für Mexiko stand vor allem die ewige deutsche Angst, gegen einen großen Gegner im nächsten Spiel nicht mithalten zu können. Eine Angst ebenso zwanghaft und leider deutsch wie der Respekt vor einem Nachbarn, nur weil er ein größeres Auto hat.

Es ist diese Duckmäuser–Haltung, die - bis Klinsmann kam - unser Spiel langsamer statt schneller, defensiver statt angriffslustiger, impotenter statt sexier hat werden lassen; eine Haltung von der eine spanische Zeitung in den achtziger Jahren schrieb: "Die deutsche Bestie verdient es, im eigenen Urin zu ersaufen." Zugegeben ein widerwärtiges Bild, das aber tendenziell im Ausland geteilt wurde, weil der Blockadefußball, mit dem das deutsche Team immer ins Endspiel vorzudringen schien, selbst sensible Menschen wie den englischen Mittelstürmer Gary Lineker zu jenem großen Seufzer veranlasste, der hieß: "Ein Fußballspiel besteht aus 22 Leuten und am Ende gewinnt immer Deutschland."

Ich konnte das verstehen, denn so sehr ich unseren Fußball der frühen siebziger Jahre liebte, so sehr hasste ich den deutschen Fußball der achtziger und neunziger Jahre. Nur, was sollte man zur Verteidigung einer Mannschaft sagen, die einen Mann wie Toni Schumacher grinsend deckte; jenen Torhüter, der 1982 seinen Hintern dem Franzosen Battiston mit 16 Metern Anlauf ins Gesicht rammte, dafür sorgte, dass der Mann halbtot vom Spielfeld getragen wurde und danach teilnahmslos rumstand wie einer, der unter Schlaflosigkeit leidet und noch mal vor die Tür geht, um eine zu rauchen.

Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre der fröhliche Toni aus Köln erst wegen gefährlicher Körperverletzung fünf Jahre ins Gefängnis gewandert und hätte danach in seinem Leben nie mehr einen Fußballplatz betreten dürfen. Stattdessen wurde er zu einem Denkmal, das seinen Schatten lange auf den deutschen Fußball werfen durfte.

Das Denkmal hob sein hässliches Haupt wieder 1986, als die Deutschen das nach dem Jahrhundertspiel gegen Brasilien angezählte Frankreich nach den Worten eines Spielers "ausbluten ließ". Es hob sich, als Franz Beckenbauer nach dem Finalsieg 1990 behauptete, das wiedervereinigte Deutschland sei jetzt auf Jahre unbesiegbar geworden. Und es feierte seine späte Wiederauferstehung im Jahr 2002 gegen die USA, als Kahn in einem der trostlosesten deutschen Spiele aller Zeiten alles hielt und Frings mit der Hand den Rest besorgte. Es war hässlicher Gefängnisfußball, aber dafür, dass er so hässlich war, war er verdammt erfolgreich.

Es gibt nun Leute, die behaupten, dass dies der wahre Weg zum Erfolg in dieser Sportart sei. Sie mögen Recht haben. Mit miesen Vorstellungen kommt man in anderen Disziplinen nicht weit: nicht im Tennis, nicht im Basketball, nicht einmal im Minigolf, nur im Fußball geht es, weil dort am Ende selbst jener siegen kann, der konstant schwache Darbietungen zeigt.

Ich pfeife auf diese Leute und diese Siege. Ich will Risiko und Zauber, Mut und Schönheit, ich will Menschen sehen, die unserem magischsten Spiel Flügel geben, statt es zusammenzustutzen. Von mir aus kann es auch Sportarten für Stutzer geben. Wahrscheinlich wurde Biathlon für sie erfunden.

Gott sei Dank hat Klinsmann den Biathlon-Fußball in unserem Land ins Visier genommen und damit Leuten wie mir die eigene Mannschaft zurückgegeben. Gerade aber weil unser Team jetzt von Mut und Leidenschaft getragen ist, brauchen wir nicht Mexiko, sondern Argentinien. Wir brauchen die Besten, wir brauchen Italien, wir brauchen Brasilien. Schummeln und Wegducken hat unser Team nicht nötig, es wächst mit den Gegnern.

"Alle Mannschaften ziehen sich zurück, alles ist taktisch und studiert, nicht vibrierend. Deutschland ist die Ausnahme. Ich wünschte mir, Brasilien würde spielen wie Deutschland." Der Mann, der dies vor ein paar Tagen sagte, heißt Eduardo Concalves de Andrade, genannt "Tostao", und er wurde berühmt, weil er neben Pelé in der besten Mannschaft der Geschichte, dem brasilianischen Team von 1970, den Samba vorgab.

Es tut gut, so was zu hören, und es tut gut, dass unser Trainer uns etwas zurückgab, das lange verloren schien: Mut. Deshalb gilt auch am Freitag wieder jenes englische Sprichwort mit dem der Fußball groß wurde: kein Mut, kein Ruhm - No Guts, No Glory.



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