Fifa-Antikorruptions-Beauftragter Pieth "Es hilft nur ständiger Druck"

Mark Pieth hat einen der undankbarsten Jobs im Weltfußball: Der Strafrechtler soll dafür sorgen, dass der Weltverband Fifa korruptionsfrei wird. Im Gespräch erklärt der Schweizer, welche Schritte er für nötig hält und wo die Hauptwiderstände liegen.

Fifa-Antikorruptionsbeauftragter Pieth: "Wie Baron von Münchhausen"
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Fifa-Antikorruptionsbeauftragter Pieth: "Wie Baron von Münchhausen"


SPIEGEL ONLINE: Herr Pieth, Sie haben nun dem Fifa-Exekutivkomitee Ihre Empfehlungen vorgestellt und wurden dafür in der Öffentlichkeit weitgehend kritisiert. Warum ist Ihr Bericht in weiten Teilen so weich ausgefallen?

Pieth: Man sollte zwei Dinge unterscheiden. Zum einen enthält der Bericht natürlich nicht vollkommen Neues, sondern zeigt auf, was man für Schlüsse aus den Vorgängen in der Fifa ziehen muss. Nun geht es um die Umsetzung. Und da haben wir vom Exekutivkomitee eine erste interessante Rückmeldung bekommen. Es bewegt sich etwas in der Fifa, aber wir müssen sehr genau hinschauen, was auf dem Kongress im Mai in Budapest passiert. Denn dieser Kongress, der die Änderungen durchsetzen muss, ist ja unser eigentlicher Adressat.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem letzten Kongress 2011 in Zürich, auf einem Höhepunkt der Korruptionskrise, wähnte sich Fifa-Präsident Joseph Blatter in einem "Ozean der Solidarität" und wurde im Amt bestätigt. Macht Ihnen das etwa Hoffnung für Budapest?

Pieth: Ich erwähne immer wieder das Bild vom Baron von Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog. Auch die Fifa muss das tun. Die Alternative wäre, dass man die Schweizer Regierung bewegt, härtere Maßnahmen zu ergreifen und zu sagen, wie transparent und demokratisch eine multinationale Sportorganisation, die in der Schweiz beheimatet ist, strukturiert sein muss. Aber diese Option ist im Moment nicht sehr wahrscheinlich. Deshalb helfen nur Überzeugungsarbeit in der Fifa und ständiger Druck.

SPIEGEL ONLINE: Wie wenig die Fifa-Führung von Ihren Forderungen hält, konnte man auf der Pressekonferenz vergangene Woche in Zürich beobachten. Sie fordern die Offenlegung der Gehälter und Boni von Managern und Funktionären - doch den Fifa-Finanzchef interessiert das gar nicht.

Pieth: Das ist in der Tat ein Problem. Das ist die Arroganz der Macht. Ob sie künftig Ernst machen mit der Transparenz, ob sie ihre Bezüge offenlegen und von einer unabhängigen Instanz bestimmen lassen, bleibt unklar. Aber ich betone noch einmal das Prozesshafte: In der Wirtschaft hat es sehr lange gedauert, bis die CEOs von multinationalen Konzernen dazu genötigt wurden, ihre Saläre offenzulegen. Heute wissen wir, was die Chefs von Siemens oder Nestlé verdienen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn die Herren einfach nicht tun, was Sie verlangen?

Pieth: Ich habe dem Fifa-Exekutivkomitee gesagt, ich kann damit leben, wenn ihr nicht alles übernehmt, ich erwarte nicht, dass ihr alles schluckt. Aber wenn ihr die falschen fünf Punkte nehmt, also nur die, die euch nicht sonderlich wehtun, dann macht ihr die Sache kaputt. Wenn ihr hingegen die essentiellen Punkte akzeptiert, kann ich damit leben, dass ihr weniger wichtige fallen lasst. Wenn ihr zum Beispiel sagt, wir wollen keine Altersgrenze, weil wir mit Top-Funktionären im neunten Lebensjahrzehnt gute Erfahrungen gemacht haben, dann ist das nicht mein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Von einer Altersgrenze ist derzeit keine Rede mehr.

Pieth: Das Exekutivkomitee hat aber gesagt: Wir sind damit einverstanden, dass es in der Fifa nun eine unabhängige Justiz geben muss. Das ist viel wichtiger. Da bin ich doch positiv überrascht, dass ausgerechnet das Exekutivkomitee diese zweigeteilte Ethikkommission genehmigt. Denn da sitzen ja noch immer viele Leute drin, die Angst haben müssen, dass gegen sie ermittelt wird. Die Verjährungsfrist beträgt zehn Jahre - wir können also auf zehn Jahre zurück auch alle Vorgänge überprüfen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nur zehn Jahre? Eine Lex Blatter? Blatter muss sich in der ISL-Affäre zu einem Vorgang aus dem Jahr 1997 verantworten, als er als damaliger Generalsekretär 1,5 Millionen Franken Schmiergeld auf das Privatkonto des Präsidenten João Havelange weitergeleitet haben soll.

Pieth: Im Vergleich zum staatlichen Recht sind zehn Jahre eine sehr lange Frist. Im Korruptionsstrafrecht gelten beispielsweise in den USA Verjährungsfristen von fünf Jahren, in Italien von 7,5 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Künftig soll Fifa-Funktionären von der Ethikkommission eine Art polizeiliches Führungszeugnis ausgestellt werden, damit die üblichen Ganoven nicht mehr in einflussreiche Positionen kommen.

Pieth: Aber ein solch komplexes Gefüge wie die Fifa, wo die Seilschaften über Jahrzehnte ausgeprägt wurden, muss einen Prozess durchlaufen. Von außen ist die Fifa sehr schwer zu ändern, die hätte trotz aller medialen Kritik problemlos die nächsten zehn Jahre durchschlafen können. Jetzt ist die Frage: Schaffen wir es, diesen Ansatz zu nutzen und wirklich etwas in Gang zu bringen? Zum Beispiel Leute zu finden, die in der künftigen zweigeteilten Ethikkommission die Positionen des Staatsanwalts und des Richters übernehmen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Geld braucht man für diese Fifa-Staatsanwaltschaft, die ja auch die Korruptionsvorwürfe zu den Vergaben der Fußball-WM 2018 an Russland und 2022 an Katar aufklären müsste?

Pieth: Geld kann ja wohl kein Problem sein. Erstens ist das Geld vorhanden, die Fifa hat ja gerade Rücklagen von 1,3 Milliarden Dollar vermeldet. Und zweitens glaube ich, ist die Institution Fifa nicht mehr in der Lage, sich erfolgreich gegen diese Notwendigkeiten zu stemmen. Da wird man mitziehen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Thema Russland und Katar im Bericht nicht explizit erwähnt. Müssen die WM-Vergaben auf den Prüfstand?

Pieth: Das zu prüfen, ist die Aufgabe des neuen Investigators. Auch ich respektiere seine Unabhängigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es nun weiter?

Pieth: Im Mai sehen wir auf dem Fifa-Kongress, ob wir über die Ebene der Forderungen herausgekommen sind. Die Medien haben Forderungen erhoben. Wir haben Forderungen erhoben. Aber Forderungen allein bringen doch wenig, wenn diesen nur die Arroganz gegenübersteht. Misstrauen gegenüber der Institution Fifa ist berechtigt. Wenn der Kongress aber ja sagt, wird es eine Gewaltenteilung geben. Dann wird die Ethikkommission sich abschotten vom Präsidenten Joseph Blatter und vom Generalsekretär Jérôme Valcke, die bisher bestimmen. Dann werden andere Schritte auch gelingen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn nicht?

Pieth: Ich mache mir keine Illusionen, dass ich mich auf einer heilen Spielwiese bewege. Aber es ist auch nicht die erste schwierige Situation, die ich zu meistern habe. Ich bin auf dieses Theater nicht angewiesen. Ich kann im Sommer sagen, okay, jetzt reicht's mir.

Die Fragen stellte Jens Weinreich

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Seite 1
frubi 03.04.2012
1. .
Zitat von sysopDPAMarc Pieth hat einen der undankbarsten Jobs im Weltfußball: Der Strafrechtler soll dafür sorgen, dass der Weltverband Fifa korruptionsfrei wird. Im Gespräch erklärt der Schweizer, welche Schritte er für nötig hält und wo die Hauptwiderstände liegen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,825452,00.html
Ich glaube, dass das Problem der Fifa in der angeblich basisdemokratischen Grundausrichtung des Verbandes liegt. Jeder kleine Fitzel-Verband hat die selbe Stimmkraft, wie z. B. der DFB oder die FA und Blatter weis ganz genau, dass man diese Inhaber der Stimmrechte umschmeicheln muss. Ob mit Geld, nicht monetären Vorteilen oder einfachen Schmeicheleien. Das Machtmenschen wie Blatter bei einer solchen Ausgangslage auch vor Dingen wie Korruption nicht zurückschrecken, darf eigentlich niemanden verwundern. Meiner Meinung nach muss die Uefa und die europäischen Vereine etwas unternehmen aber solange der Rubel rollt, passiert halt ziemlich wenig. Wenn der Platini die Financial Fair Play Geschichte wirklich durchbringt, und so hat er sich in der jüngsten Vergangenheit geäußert, dann wäre er meiner Meinung nach auch dazu fähig, diesen Saustall FIFA zu reformieren.
tylerdurdenvolland 04.04.2012
2. ...
Zitat von frubiIch glaube, dass das Problem der Fifa in der angeblich basisdemokratischen Grundausrichtung des Verbandes liegt. Jeder kleine Fitzel-Verband hat die selbe Stimmkraft, wie z. B. der DFB oder die FA und Blatter weis ganz genau, dass man diese Inhaber der Stimmrechte umschmeicheln muss. Ob mit Geld, nicht monetären Vorteilen oder einfachen Schmeicheleien. Das Machtmenschen wie Blatter bei einer solchen Ausgangslage auch vor Dingen wie Korruption nicht zurückschrecken, darf eigentlich niemanden verwundern. Meiner Meinung nach muss die Uefa und die europäischen Vereine etwas unternehmen aber solange der Rubel rollt, passiert halt ziemlich wenig. Wenn der Platini die Financial Fair Play Geschichte wirklich durchbringt, und so hat er sich in der jüngsten Vergangenheit geäußert, dann wäre er meiner Meinung nach auch dazu fähig, diesen Saustall FIFA zu reformieren.
Das trifft es so ziemlich.... Allerdings fehlt der Blick in die Zukunft, und zwar zu recht. Denn Blatter wird Platini nur dann ranlassen, wenn er sicher sein kann, das der genauso weitermachen wird, wie er selber. Da steht zu viel auf dem Spiel. Sollte je offiziell herauskommen was da in den letzten Jahrzehnten gemauschelt wurde, fällt der Laden auseinander. Und noch ist in Zürich jederzeit genügend Bares vorhanden um jeden Abweichler bei der Stange zu halten. Ein "Aufstand" wie das, was wir in den letzten Monaten ansatzweise beobachten konnten, wird immer im Sand verlaufen, da die Betreffenden qalle selber soviel Dreck am Stecken haben, dass Blatter sie mühelos zum Schweigen verdammen kann. Er muss ihnen nur ein paar Kopien seiner gesammelten Akten zeigen.... Eine andere Möglichkeit wäre eine europäische Liga aus den Top Klubs, nach amerikanischem Muster. Aber Blatter und Co sind wohl durch den Frühstart Rummenigges vor ein paar Jahren gewarnt und haben erfolgreich Gegenmittel gestartet. Nein, ich glaube nicht, dass es da einen Weg rausgibt. Wir werden auch in den nächsten zehn Jahren dasselbe Spielchen beobachten und alles was man tun kann, ist es zu ignorieren und sich auf das zu konzentrieren, was auf dem Platz abläuft. Gott sei Dank entzieht sich das noch imWesentlichen solkchen Einflüssen und Mächten.
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