Umstrittener Fifa-Präsident Blatter ernennt sich zum Reformer

Fifa-Chef Joseph Blatter gibt den Korruptionsbekämpfer: Unter seiner Führung hat der Fußball-Weltverband eine neue Ethikkommission gebildet. Rücktrittsforderungen erteilte Blatter eine Absage. Auch die DFB-Spitze stellte sich hinter den 76-Jährigen.

Fifa-Chef Blatter: "Sie sehen einen glücklichen Präsidenten"
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Fifa-Chef Blatter: "Sie sehen einen glücklichen Präsidenten"


Hamburg - "Sie sehen einen glücklichen Präsidenten" - Fifa-Präsident Joseph Blatter gibt sich unbeeindruckt von den jüngsten Korruptionsvorwürfen und versucht den Befreiungsschlag: Das Exekutivkomitee des Fußball-Weltverbands hat am Dienstag einen Ethik-Code verabschiedet und die Reform der Ethikkommission beschlossen. Dieses Gremium soll künftig aus zwei unabhängig voneinander arbeitenden Kammern bestehen - eine für Ermittlungen, eine für Verhandlungen.

Die Fifa ernannte den ehemaligen New Yorker Oberstaatsanwalt Michael J. Garcia zum neuen obersten Korruptionsbekämpfer. Der Jurist hatte unter anderem die Ermittlungen gegen den damaligen Gouverneur von New York, Eliot Spitzer, geleitet. Der war in eine Prostitutionsaffäre verstrickt, die Garcia aufdeckte. Der Politiker musste zwar zurücktreten, das Strafverfahren gegen ihn stellte Garcia jedoch bald darauf ein. Außerdem war er im Dopingprozess gegen die frühere Sprint-Olympiasiegerin Marion Jones tätig.

Seine Berufung kommt überraschend: Vor der Wahl hatte der Argentinier Luis Moreno Ocampo, ehemaliger Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, als Favorit auf den Posten gegolten. "Es gab zwei Kandidaten, das Exekutivkomitee hat sich für einen entschieden", sagte Blatter lapidar.

"Ich bin stolzes Ehrenmitglied des DFB"

Zum Chef der Verhandlungskammer wurde der deutsche Richter Joachim Eckert gewählt. Der 64 Jahre alte Jurist leitet die 6. Strafkammer des Landgerichts München und ist dort auf Wirtschaftsverfahren spezialisiert. Unter anderem wurde unter seiner Leitung über die Schmiergeld-Affäre bei Siemens verhandelt.

Blatter bezeichnete die Schritte als Teil des Reformprozesses, den der Weltverband im Oktober 2011 eingeleitet habe. Alle Entscheidungen während des Treffens am Dienstag habe das Exekutivkomitee einstimmig getroffen.

Die neuernannte Ethikkommission solle auch die ISL-Affäre um millionenschwere Bestechungsgelder an ehemalige Fifa-Granden untersuchen. Die Angelegenheit solle nun "unter moralischen und ethischen Gesichtspunkten" unter Führung von Garcia aufgearbeitet werden. Von weiteren Zahlungen an andere Fifa-Exekutivmitglieder wisse Blatter nichts. Korruption innerhalb der Fifa solle künftig aber nicht mehr wie bislang nach zehn Jahren verjähren.

Von Rücktritt ist auch beim DFB keine Rede

Blatter sagte auf Nachfrage, er sei "stolzes Ehrenmitglied des DFB". Wenn ihm deutsche Politiker das Bundesverdienstkreuz wegnehmen wollten, "dann sollen sie es tun. Dann ist es eben weg", erklärte er trotzig. Seine nebulösen Vorwürfe bezüglich der WM-Vergabe 2006 an Deutschland wollte er nicht wiederholen. "Ich habe nur gesagt, dass damals eine Person den Raum verlassen hat. Das ist alles. Finito."

Rücktrittsforderungen von Reinhard Rauball, Chef der Deutschen Fußball-Liga", erteilte er eine Absage. "Darüber ist heute gar nicht gesprochen worden." Er könne nur vom Fifa-Kongress abgesetzt werden, in dem alle Landesverbände vertreten sind. Wenn diese ihn nicht mehr wollten, sollten sie das einfach sagen. "Wenn ich jedes Mal reagieren würde, wenn irgendjemand auf der Welt sagt, tritt zurück, dann würde ich mich blau und grün ärgern."

Das Thema Rücktitt ist auch aus Sicht des DFB keines. Fifa-Exko-Mitglied Theo Zwanziger sagte nach der Sitzung: "Aus Sicht der Fifa-Exekutive ist er absolut tragbar. Der Reformprozess wäre gar nicht weitergegangen ohne ihn." Zwanzigers Nachfolger im Amt des DFB-Präsidenten, Wolfgang Niersbach, sagte am Rande des DFB-Sicherheitsgipfels, eine "Rücktrittsforderung wird keine offizielle Position des DFB sein". So "anmaßend" dürfe man sich als nationaler Verband nicht geben. Allerdings könne es einen Neuanfang bei der Fifa nur geben, "wenn bis in die letzte Ecke der Vergangenheit aufgeklärt wird".

Der einzige, der aus der Reihe scherte, war Rauball. Der DFL-Boss sah auch angesichts von Blatters neuen Volten "keinen Grund, meine Meinung ihm gegenüber zu ändern".

syd/aha/dpa/sid

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crocodil 17.07.2012
1. Sollte
mal Blatter wie auch Beckenbauer - wie es üblich war im Mittelalter einen Ablaß leisten um ihre korrupten Zahlungen zu rechtferitgen. - Ich nehme mal an, dass sie ja alle gläubige Christen sind und in den Himmel kommen wollen!
fn745 17.07.2012
2. Nur so stark, wie die Verbände ihn lassen
Sepp Blatter ist genau so stark, wie die einzelnen Mitgliedsverbände schwach sind. Warum wurde Herr Blatter vor einem Jahr mit einer überwältigenden Mehrheit denn wiedergewählt? Standen doch damals schon massive Korruptionsvorwürfe im Raum. Warum haben denn Deutschland, Frankreich, Italien, England, Spanien, Brasilien und Argentinien sich über die Vergabe der WM 2022 nach Katar so aufgeregt, aber nicht einfach einen Boykott dieser Micky-Maus-Veranstaltung in Aussicht gestellt? Zwei mögliche Antworten fallen mir da nur ein: Entweder sind die entscheidenden Personen zu schwach, oder, was noch schlimmer wäre, sie sind vielleicht selbst Profiteure des Systems Blatter.
adam68161 17.07.2012
3. Die Sache ist doch einfach:
Die Fifa ist ein Verein, D ist Mitglied. Das Mitglied tritt aus und gründet mit denen, die ähnlich denken, mit entsprechendem Getöse einen neuen Verein, in den man nur eintreten darf, wenn man sich seinen Regeln unterwirft und der Fifa nicht angehört. Dann werden die korrupten Mitglieder schnell ausgetrocknet. Dann gibt es eben zwei WMs, Wo ist das Problem? Anders wird bei diesen Strukturen doch nie ein Schuh draus.
sowath 17.07.2012
4. Da wird der Bock zum Gärtner....
oder ist es schon
sekundo 17.07.2012
5. leichen im keller
warum lassen sich sämtliche fussballverbände von blatter am nasenring durch die manege führen, und das seit jahren? liegt der grund hierfür möglicherweise in der tatsache begründet, dass blatter (englisch für "blase") mögliche leichen in den kellern seiner gegner genau kennt?!?!?
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