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Festgenommene Fifa-Funktionäre Eingecheckt und eingelocht

Nächster Schlag im Fifa-Skandal: Die Schweizer Polizei hat die Chefs der Fußball-Kontinentalverbände von Süd- und Nordamerika festgenommen. Beide Spitzenfunktionäre sind in einem System der Korruption großgeworden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zürich ist eine wunderschöne Stadt, immer einen Besuch wert - nur nicht für Fußball-Funktionäre aus Nord- und Südamerika. Erneut ist der Schweiz-Trip zur Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees für Spitzenvertreter der beiden Kontinentalverbände Conmebol (Südamerika) und Concacaf (Nord- und Mittelamerika) in einer Zelle geendet.

Juan Angel Napout aus Paraguay und Alfredo Hawit Banegas aus Honduras sind zwar beide erst seit Kurzem als Präsidenten ihrer Organisationen im Amt, aber beide sind in einem Milieu von Korruption groß geworden. Und sie haben sich, wenn die Vorwürfe sich bewahrheiten, offenbar als würdige Erben ihrer bereits inhaftierten Vorgänger erwiesen.

Die Ermittler werfen Napout und Banegas vor, illegale Deals bei der Vergabe von TV-und Marketingrechten rund um die südamerikanische Kontinentalmeisterschaft Copa América abgeschlossen zu haben. Krumme Geschäfte, die schon Tradition auf dem Kontinent haben.

Napout trat im August 2014 das Amt des Conmebol-Chefs an. Der 58-Jährige übernahm die Amtsgeschäfte von Eugenio Figueredo aus Uruguay. Figueredo gehört zu den sechs Fifa-Funktionären, die bereits im Mai dieses Jahres von den Schweizer Ermittlern im Auftrag der US-Behörden frühmorgens in dem Züricher Luxushotel Baur au Lac verhaftet wurden - ebenjenes Hotel, in dem jetzt auch Napout festgenommen wurde.

Conmebol-Boss Napout: Im System der Korruption aufgewachsen

Conmebol-Boss Napout: Im System der Korruption aufgewachsen

Foto: NORBERTO DUARTE/ AFP

Der Vorwurf an Napouts Vorgänger: Figueredo habe über Jahre ebenfalls bei der Vergabe von Sportmarketing- und Fernsehrechten rund um die Copa die Hand aufgehalten. Dass er sich zudem die US-Staatsangehörigkeit durch angeblich gefälschte Gutachten erschlichen habe, kommt bei ihm noch erschwerend hinzu. Der 83-Jährige sitzt immer noch in der Schweiz in U-Haft und weigert sich, einer Auslieferung in die USA zuzustimmen.

Figueredo war wie jetzt auch Napout Vizepräsident des Fifa-Exekutivkomitees und damit Stellvertreter von Noch-Präsident Joseph Blatter, beide in der Tradition von Napouts Landsmann Nicolás Leoz stehend, ein Pate des südamerikanischen Fußballs. Leoz, der sportpolitische Ziehvater von Napout, bestimmte auf dem Kontinent fast 20 Jahre die Verbandsarbeit. Einer jener alten Männer, die im Schatten Blatters und dessen Vorgängers João Havelange schalten und walten durften, wie sie wollten. Hauptsache, sie beschafften Blatter und Havelange die erforderlichen Mehrheiten, wenn es nötig war.

Im Video: Festnahmen in Zürich

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Im Gegenzug schaute niemand genauer hin, was Leoz und der Conmebol an Geschäften tätigten. Leoz kassierte nachgewiesenermaßen im Zuge der Schmiergeldaffäre des Marketingunternehmens ISL, er soll auch eine Schlüsselrolle bei der Vergabe der WM 2022 an Katar eingenommen haben. In seiner Heimat steht der mittlerweile 86-Jährige seit Juni unter Hausarrest. Dass er über seinen Anwalt hat verlauten lassen, er sei vollkommen unschuldig, versteht sich von selbst.

Die Zeitung "Die Welt" hat den Conmebol einmal als "Epizentrum der Korruption im Fußball" beschrieben - tatsächlich ist das Straf- und Verdachtsregister der Herren aus Lateinamerika eine Konstante in der Fifa. Und über allem, was den Conmebol über die Jahrzehnte berüchtigt hat werden lassen, schwebt der Name Havelange. Der Brasilianer hat das System des Gebens und Nehmens im Weltfußball etabliert. Blatter hat von ihm gelernt, wie es geht, Stimmen zu beschaffen.

Concacaf-Präsident Banegas (links neben Uefa-Präsident Platini): In Zürich festgenommen

Concacaf-Präsident Banegas (links neben Uefa-Präsident Platini): In Zürich festgenommen

Foto: Patrick Seeger/ dpa

Havelange war der Patriarch der Korruption. Der Sohn eines Waffenhändlers hat das Klima geschaffen, in dem sie alle groß wurden: Blatter, Leoz, Figueredo, Napout. Havelange wird 2016 im Jahr der Spiele von Rio 100 Jahre alt. Er ist längst alle seine Ämter los, doch er muss noch mit ansehen, wie sein über Jahrzehnte aufgebautes System gerade zusammenbricht.

Ein System, wie es in Mittelamerika Jack Warner, noch ungehemmter, noch ungenierter als jeder andere aufgebaut hat. Sein Nach-Nachfolger als Concacaf-Chef, Aldredo Hawit Banegas, hat eigentlich nichts als das System Warner kennengelernt, in dem nichts eine Rolle spielte außer Geld.

Warners Sündenregister ist so lang wie bei keinem anderen Fifa-Funktionär: Er soll sich als Zwischenhändler bei dem Verkauf von offiziellen Ticketkontingenten hemmungslos bereichert haben; er soll an Fernsehrechten Unsummen verdient haben; er soll sogar nicht davor zurückgeschreckt haben, Spendengelder für die Erdbebenopfer von Haiti auf sein eigenes Konto umzuleiten. Immer wenn es darum ging, dass jemand rund um die Fifa des Stimmenkaufs verdächtigt wurde, war der Name Jack Warner im Spiel. Auch er hält sich selbst natürlich für komplett unschuldig verfolgt.

Warners Nachfolger und Hawits direkter Vorgänger, Jeffrey Webb, wurde auch im Mai festgesetzt. Er sitzt heute in den USA und wartet auf seinen Prozess. Dort könnte er bald Gesellschaft von seinem Nachfolger bekommen.

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Karikaturen zum Fifa-Skandal: So schön kann schmieren sein

Foto: Marcus Gottfried/ tooonpool.com