Diskussion um 48-Team-WM Hilfe, es ändert sich was!

"Schwachsinn", "Kommerz", "WM kaputt" - die Bewertung der Aufstockung der Weltmeisterschaft in Deutschland ist eindeutig. Warum fällt es uns bloß so schwer, Veränderungen im Fußball zu akzeptieren?

Das Fifa-Hauptquartier im Schnee
REUTERS

Das Fifa-Hauptquartier im Schnee

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Immerhin: "Umstritten" ist der Beschluss der Fifa, die Weltmeisterschaft zu vergrößern, in Deutschland nicht. Er wird vielmehr einhellig abgelehnt. "Turnier mit 48 Teams kommt! Fifa macht die WM kaputt": So lautete die Schlagzeile der Eilmeldung, mit der die "Bild"-Zeitung berichtete.

In der "Frankfurter Allgemeinen", die ein "Turnier der zweifelhaften Superlative" erwartet, ist das nicht anders als im Forum von SPIEGEL ONLINE, wo Leser Urteile wie "lächerlich" und "das war's" abgeben und fordern, aus der Fifa auszutreten. Positive Stimmen zum Projekt findet man praktisch gar nicht, Kommentare kanzelten die Idee schon im Herbst als "Schwachsinn" ab.

Man muss den jetzt einstimmig beschlossenen Modus mit 16 Dreiergruppen tatsächlich nicht für optimal halten. Auffällig ist aber, dass es in der deutschen Auseinandersetzung um die WM nie um bessere Alternativen geht. Sondern immer nur um die Verteidigung des Status quo. Das ist typisch für unseren Blick auf den Fußball.

Wonach auch immer gefragt wird: Jede Veränderung scheint dem deutschen Anhänger negativ. Die Leser des "Kicker" waren sich bei einer Umfrage im Sommer einig: Fast 60 Prozent wollen die Bundesliga-Relegationsspiele genauso beibehalten, wie sie aktuell ausgetragen werden. Montagsspiele in der Bundesliga? Die werden von mehr als 85 Prozent der "Kicker"-Leser abgelehnt. Mehr als 70 Prozent wollen die Zentralvermarktung der Bundesligavereine beibehalten. Auch die Verteilung der Gelder zwischen erster und zweiter Bundesliga soll genau so bleiben, wie sie ist.

"Vorschlag gegen alle Vernunft"

Obwohl alle anderen großen Ligen in Europa mit 20 Vereinen spielen, ist nicht einmal ein Viertel der Befragten einer weiteren Umfrage dafür, dass Deutschland, das Land mit den meisten Einwohnern und den höchsten Zuschauerzahlen, diesem Modell folgt. Warum? Weil 18 Vereine optimal sind? "Es ist ein Irrsinn, von einer Bundesliga mit 18 Vereinen zu reden", sagte Franz Kremer, der Präsident des 1. FC Köln, 1964. Damals spielte die Liga mit 16 Teilnehmern. Sie um zwei Teams zu vergrößern, sei ein "Vorschlag gegen alle Vernunft", fand damals das "Hamburger Abendblatt".

Zurück ins Jahr 2017. Die Fifa wolle 48 Teams bei der WM, so "Bild", um "die meiste Kohle aus dem Turnier pressen" zu können. Als sei das jetzige Modell mit 32 Mannschaften 1998 aus einer Graswurzel-Initiative von Fußballfans hervorgegangen.

Diskussionen um Reformen im Fußball sind in Deutschland auch deshalb so schwer, weil immer der Gegensatz zwischen "Kommerz" und "Vernunft" aufgemacht wird. Man muss nur von "englischen Verhältnissen" raunen, die man verhindern wolle, und 90 Prozent der Fans sind gewillt, die deutschen Verhältnisse zu verteidigen. Egal, dass anders als in England wegen der Bundesliga-TV-Verträge Zweitligisten nur mittags oder am Vorabend spielen dürfen: Das Fußball-Gras ist immer grüner auf der eigenen Seite.

Die Ausweitung der WM wurde vom Fifa-Council einstimmig beschlossen. Selbstverständlich, weil alle Verbände sich davon größere Einnahmen versprechen. Aber auch, weil bei 48 Teams 16 Verbände zusätzlich zur WM fahren können. Und das ist nur für die Länder keine attraktive Aussicht, die sich ohnehin sicher qualifizieren.

Es ist aus deutscher Sicht nachvollziehbar und legitim, gegen die Aufstockung zu sein. Anstatt aber alle abweichenden Meinungen als "schwachsinnig" und "kommerzgeil" abzuqualifizieren, sollte man sich lieber mal mit Alternativvorschlägen einbringen. Wir haben das zum Beispiel im Herbst getan und einen radikal anderen WM-Modus vorgeschlagen. Gerade 2017 sollten wir alle vielleicht mehr darüber reden, wie die Welt besser werden kann. Und nicht nur darüber, wie man Veränderungen verhindert.

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insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
BSC 10.01.2017
1. Was soll es...
Bei einer WM mit 48 Teams schafft es sogar Holland zur WM........
spon-1267197024778 10.01.2017
2.
Naja die Frage ist halt wie oft sich der europäische Fußball Fan noch internationale Turniere wie EM oder WM antut. Die verwässerte EM letztes Jahr war schon schlimm anzusehen. Der ganze Fußballkatalog müsste mal entzerrt werden, die Entwicklung der letzten Jahre ist leider nicht positiv
loui96 10.01.2017
3.
Dass die Vorschläge alle von den Fans abgelehnt werden liegt daran, dass diese alle gewinnorientiert sind. Ein Vorschlag, die WM auf 24 teilnehmer zu reduzieren, oder die sonntagsspiele der Bundesliga zusammenzulegen oder die Relegation wieder abzuschaffen würde wahrscheinlich auf größere Begeisterung stoßen, nur schlägt das eben niemand vor.
egbertschmidt 10.01.2017
4.
Ich finde die Aufstockung der WM gut. Wer einmal die Begeisterung erlebt hat, mit der zum Beispiel die Albaner die Teilnahme ihrer Nationalmannschaft bei der EM begleitet haben, wird sich leicht davon anstecken lassen. Sportlich ist die erste Runde vielleicht weniger interessant, spätestens ab der K.O.Runde wird sich das aber ändern. Mehr Spiele bedeutet das für die einzelnen Teams ja offenbar auch nicht. Es gibt aber eine Lösung für die oft beklagte zu hohe Belastung vieler Spieler: Man könnte festlegen, dass die besten 24 Teams der Weltrangliste (zum Beispiel zum Stichtag 30.06.2024 für die WM 2026) automatisch für die nächste WM qualifiziert sind. Nur die 24 verbleibenden Plätze werden im Rahmen einer Qualifikation ausgespielt.
dukeofwellington 10.01.2017
5. EM war schon schlimm anzusehen...
Dann gibt's eben genauso viele grausame Vorrundenspiele wie bei der EM. Ohje. Und lieber Spiegel-Redakteur : Auch der Bundesliga würde eine Verkleinerung gut tun. Was die letzten 3 Mannschaften so typisch zeigen, macht oft auch wenig Spass zuzuschauen.
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