Fifa-Chef Infantino Von wegen Aufklärer

Gianni Infantino sollte die Fifa transparenter machen - stattdessen setzt er wie Vorgänger Blatter auf die alte Garde. Immer an seiner Seite: Wolfgang Niersbach.

Gianni Infantino
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Gianni Infantino


Die Chefin war zu Besuch und lobte ihre Belegschaft in den höchsten Tönen. Am Montag stellte sich die Senegalesin Fatma Samoura im Hauptquartier des Fußball-Weltverbands Fifa vor. Ihren Dienst als neue Generalsekretärin und damit als CEO des Milliardenkonzerns tritt sie in drei Wochen an. Samoura hat viele Jahre Hilfsprojekte der Vereinten Nationen geleitet, im Fußballbusiness aber fehlt ihr die Erfahrung.

Schon deshalb war bei ihrer Coup-artigen Blitzverpflichtung Anfang Mai gemutmaßt worden, sie sei nur eine Quotenfrau, um die Öffentlichkeit zu täuschen - die Macht aber bleibe beim seit Februar amtierenden Präsidenten Gianni Infantino, der eigentlich nicht ins Tagesgeschäft der Fifa-Administration eingreifen, sondern vor allem eine politische Führungsrolle einnehmen soll.

Infantino hat es binnen drei Monaten geschafft, in der Tradition seines Landsmanns und Vorgängers Joseph Blatter öffentlich jeglichen Kredit zu verspielen und die Fifa-Verwaltung nach seinem Gusto zu gestalten. Seine Kandidatin, Frau Samoura, die sich keinem Ausschreibungsprozedere stellen musste, durfte in Zürich brav die neuen Personalien verkünden.

Dr. Zvonimir Boban, der Vizegeneralsekretär

Ihr zur Seite stehen nunmehr zwei stellvertretende Generalsekretäre: Für den Fußballbereich (Turniere und Spielentwicklung) ist der Kroate Zvonimir Boban verantwortlich, einer der Berater des Präsidenten. Boban war 1987 Junioren-Weltmeister mit Jugoslawien und 1998 WM-Dritter mit Kroatien. Er hat nach seiner Laufbahn, das ist außergewöhnlich, mit einer Arbeit über das Christentum im Römischen Reich promoviert. Zuletzt war er vor allem als Fußballkommentator tätig.

Für die Finanzen und die Administration steigt der bisherige Rechtsdirektor Marco Villiger zum Stellvertreter Samouras auf. Dabei zählt der Schweizer Villiger zur alten Führungscrew des gesperrten ehemaligen Generalsekretärs Jérôme Valcke und des vergangene Woche unter undurchsichtigen Umständen entlassenen Valcke-Stellvertreters und Finanzchefs Markus Kattner.

Villiger, Valcke und Kattner waren Lieblinge von Blatter - sie haben in ihren Verantwortungsbereichen allesamt mehr als ein Jahrzehnt das System Fifa abgesichert. Eine juristische Würdigung ihres Wirkens steht noch aus. Es ist keinesfalls unwahrscheinlich, dass es nach Valcke und Kattner auch Villiger in den Strudel des Finanzskandals reißt.

Marco Villiger, der Verbindungsmann

Vorerst aber geht es auf der Karriereleiter nach oben, was vor allem damit zu tun haben dürfte, dass Villiger seit einem Jahr als wichtigster Verbindungsmann der Fifa zur amerikanischen Kanzlei Quinn Emanuel und darüber zum US-Justizministerium fungiert. Diese Verbindung zu unterbrechen, hat sich Infantino nicht getraut, anders als bei den Personalien Kattner und Domenico Scala.

Scala, einen der wenigen wirklichen Reformer im Fifa-Reich, hat Infantino Anfang Mai aus dem Amt als Chef der Compliance-Kommission gedrängt. Dieses Komplott gegen Scala wurde nun in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit brisanten Mitschnitten und Aussagen von den jüngsten Fifa-Vorstandssitzungen in Mexiko belegt. Erneut reagierte die Fifa-Propagandaabteilung heftig auf die Veröffentlichungen, auch das ist eine Tendenz der alten Zeiten: Es handele sich um "gegenstandlose Unterstellungen" und "vorsätzlich falsche Darstellung", teilten Infantinos PR-Leute mit.

Woraufhin die "FAZ" ihre Berichterstattung mit ausführlicheren Protokollnotizen ergänzte, die weltweit aufgegriffen wurden. Demnach haben Infantino und andere Vorstandsmitglieder unmittelbar vor dem Fifa-Kongress in Mexiko vergeblich versucht, Scala zum Rücktritt zu überreden. Er sei eine derjenigen Personen, die "das Leben kompliziert" machten. Der hartnäckige Manager Scala hat die Geschäfte der Fifa-Nomenklaturkader gestört und Rachegelüste geweckt.

Doch Scala blieb standhaft, woraufhin auf dem Kongress ein dubioser Passus abgesegnet wurde, der es dem neuen Fifa-Council für ein Jahr erlaubt, Mitglieder der Kontrollgremien zu feuern und zu benennen. Daraufhin trat Scala unter Protest zurück und zürnte, die Gremien würden "faktisch ihrer Unabhängigkeit beraubt" und zu Erfüllungsgehilfen derjenigen degradiert, "die sie eigentlich überwachen sollten". Infantino aber erklärte die Fifa-Krise auf dem Kongress für beendet.

Niersbach bleibt auf Infantinos Seite

Nur ein Vorstand protestierte gegen das Vorgehen Infantinos: Der Engländer David Gill. Der deutsche Infantino-Getreue Wolfgang Niersbach dagegen, dem eine zweijährige Sperre durch die Fifa-Ethikkommission droht und gegen den die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in seiner Zeit als DFB-Präsident ermittelt, war natürlich auf der Seite der alten Garde.

Alarmierend sind Aussagen Infantinos vor dem Council, wonach Cornel Borbély, Chef der Ermittlungskammer der Ethikkommission, den Präsidenten über Anzeigen gegen ihn informiert habe. Dabei ging es auch um den von der Familie Infantino geplanten Kauf eines Anwesens in Zürich für 25 Millionen Franken. Borbély habe die Anzeigen in den Papierkorb befördert, behauptete Infantino.

Zu diesen Fragen will Roman Geiser, Sprecher der Ermittlungskammer, nicht Stellung nehmen. Geiser bleibt allgemein: "Die Untersuchungskammer kann keine Angaben dazu machen, ob gegen eine Person eine Voruntersuchung vorliegt oder nicht. Im Rahmen aller Untersuchungen der Ethikkommission gelten klare Verfahrensabläufe, die eingehalten werden. Die Art und Weise, wie ermittelt wird, können wir nicht kommentieren."

Derweil ermitteln Staatsanwaltschaften in zahlreichen Ländern intensiv im Kriminalfall Fifa, vor allem in den USA und der Schweiz, aber neuerdings auch in Frankreich. In den USA soll diese Woche das Urteil gegen den geständigen ehemaligen Vizepräsidenten Jeffrey Webb verkündet werden. Webb drohten wegen millionenschwerer Korruption mehrere Jahrzehnte Haft, die er durch sein Geständnis und Rückzahlung von bislang 6,7 Millionen Dollar verringern wollte. Bislang wurde Anklage gegen 39 Personen und zwei Firmen erhoben, darunter fünf Fifa-Vizepräsidenten und je drei Präsidenten der Kontinentalverbände in Nord- und Südamerika.

Die Firmenchefs von Traffic Sports USA und Traffic Sports International sowie 15 Funktionäre und Manager haben sich schuldig bekannt, teilweise früh mit den Ermittlern kooperiert und mitunter sogar als Kronzeugen agiert. Einer der Angeklagten, der Brasilianer Marco Polo Del Nero, der sich in seiner Heimat der Auslieferung an die USA entzieht, agiert inzwischen sogar wieder als Boss des Nationalverbands CBF - mit Billigung der angeblich reformierten Fifa.



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