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Moskaus Protest gegen Fifa-Ermittlungen Am Ende ist immer alles ein Komplott des Westens

Der Kreml reagiert aggressiv auf die Fifa-Ermittlungen: Sportminister Mutko ruft zu Gegenwehr auf, Präsident Putin wirft den USA Einmischung in fremde Angelegenheiten vor. Das Weltbild des Kreml-Herrn und das von Fifa-Chef Blatter hat viele Überschneidungen.

Russlands Sportminister Witali Mutko war kaum in der Schweiz gelandet, da mühte er sich schon, die Verteidigung von Fifa-Chef Sepp Blatter zu organisieren. Der Weltfußballverband sei "die offenste, die transparenteste Organisation überhaupt", sagte Mutko.

Westliche Journalisten hätte schon dieses Statement womöglich zu Nachfragen animiert, Mutko diktierte es aber widerspruchslos ausgewählten russischen Kamerateams in die Mikros. Zu Blatter gebe es überhaupt keine ernsthafte Alternative, deshalb sei es an der Zeit "für die Fifa, sich umzudrehen und sich zu verteidigen". Auch Präsident Wladimir Putin ging für Blatter in die Offensive.

Gegen wen man sich da zur Wehr setzen müsse? Gegen ein Komplott, das Amerika ins Werk gesetzt habe, um Russland die WM 2018 abzujagen. Man wisse um "den Druck, der auf Blatter ausgeübt wurde mit dem Ziel, Russland das Turnier wegzunehmen", so der Kreml-Chef.

Die US-Behörden hätten mit dem Vorgehen ihre Befugnisse weit übertreten. "Diese Funktionäre sind keine US-Bürger. Die USA haben mit dem Fall nichts zu tun", so Putin. Russlands öffentlichen Verlautbarungen nach zu schließen, kann es keine zwei Meinungen darüber geben, dass das wahre Ziel der Ermittlungen gar nicht die Bekämpfung der Korruption bei der Fifa sei, sondern eine Attacke gegen das östliche Riesenreich.

"Amerikaner greifen Fifa an allen Fronten an"

Die Regierungszeitung "Rossiskaja Gaseta" will sogar Parallelen erkannt haben zur Maidan-Revolution. Bei der Fifa sei ein "Umsturz" geplant, die Amerikaner griffen den Weltverband nun "an allen Fronten an". Zur Anwendung komme das gleiche Vorgehen wie in "Ägypten, Libyen oder der Ukraine".

Russland steht treu zu Blatter - weil Blatter Moskau bislang immer gegen Kritik aus dem Westen in Schutz genommen hat? Oder verbindet diese Allianz noch mehr, als die Öffentlichkeit bislang weiß?

Blatters und Putins Weltbilder weisen einige Überschneidungen auf. Beide sehen sich umzingelt von (tatsächlichen oder vermeintlichen) Feinden. Beide geben sich gern den Anstrich von Underdogs, die gegen finstere Großmächte zu Felde ziehen. In Putins Welt ist das der Hegemon USA, der "Russlands Entwicklung eindämmen will", wie er sagt. Für Blatter sind das Feindbild die etablierten Fußballgroßmächte, denen die Vergabe der WM-Turniere in die Fußballperipherie (Südafrika, Russland, Katar) angeblich nicht gefällt.

Als Blatter mit Putin im Oktober Stadien in Moskau inspizierte, verwahrte sich der Fifa-Chef gegen Vorwürfe, bei der Vergabe der WM 2018 an Russland sei womöglich Geld geflossen. Boykott-Überlegungen verurteilte er. "Die Fifa steht fest hinter Russland". Die WM sei ein "Joint Venture, wir sind in gewisser Weise Komplizen".

Die Begeisterung für seine Erweiterung der Fußballwelt reißt Blatter allerdings gelegentlich fort ins argumentative Nirgendwo. In Moskau ließ er wissen, "heutzutage werde selbst in Afghanistan, Irak, Syrien Fußball gespielt, jeden Tag, und in keiner Situation sind jemals Fußballer zu schaden gekommen. Okay, manchmal sterben sie. Aber doch nicht wegen des Fußballs."

WM in Russland als Prestigeobjekt

Putin - international isoliert - nahm das wohlwollend zur Kenntnis. Wenn es überhaupt Misstöne gibt zwischen dem Kreml-Herrn und dem Fifa-Chef, so rühren sie aus Putins mangelnder Begeisterung für den Ballsport. Für ihn ist die WM ein Prestigeprojekt, aber keine Herzensangelegenheit. Putin erzählt gern, er interessiere sich mehr für Hockey. Als er doch einmal kicken gegangen sei, habe er sich direkt das Schlüsselbein gebrochen.

Beim Treffen in Moskau verkündete Putin, so eine Fußballweltmeisterschaft sei "vergleichbar mit den Olympischen Spielen". Blatter ließ das nicht auf sich sitzen: "Sorry Mr. President, aber die Weltmeisterschaft ist die größte Show in der Welt."

Das aber sind winzige atmosphärische Störungen. In der Krise stehen Fifa und Russland eng zusammen. Die Kreml-nahen Medien schießen ein Trommelfeuer an Vorwürfen gegen Washington ab. In Wahrheit steckten US-Senatoren hinter den Ermittlungen, der "bekannte russophobe John McCain" etwa.

Die Komplott-Theorie krankt allerdings etwas daran, dass sie in Moskau zuletzt sehr oft als Erklärung herhalten muss für Russlands Probleme. So trugen Putin-treue Demonstranten zuletzt Plakate, auf denen "USA - Finger weg von unseren Renten!" stand. In Moskau wird auch von einem wegen Korruptionsverdacht geschassten ehemaligen Verteidigungsminister berichtet, der die CIA verantwortlich machen will für seine Entlassung. Er sei zu erfolgreich gewesen, deshalb hätten ihm die Amerikaner belastendes Material untergeschoben.

Unabhängige Beobachter hat die Heftigkeit allerdings überrascht, mit der das offizielle Moskau auf die Ermittlungen reagiert. Dafür gebe es eigentlich nur eine Erklärung, konstatiert die Tageszeitung "Nesawissimaja Gaseta": "Die Attacke auf die Fifa macht Russland nervös."

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