Fifa-Korruptionsskandal Die Mafiajäger aus Washington

Die Vorwürfe gegen die Fifa sind bekannt. Doch dass ausgerechnet die US-Justiz jetzt zuschlägt, ist kein Zufall: Die Amerikaner sind erfahren mit Ermittlungen in Mafiastrukturen - und hartnäckig.
US-Justizministerin Lynch: Anklage seit Langem vorbereitet

US-Justizministerin Lynch: Anklage seit Langem vorbereitet

Foto: JONATHAN ERNST/ REUTERS

Der Patient im Krankenhausbett war kalkweiß und konnte nicht sprechen. Das jedenfalls gab er einem Reporter der " New York Times" zu verstehen, der ihn aufgespürt hatte. Wie es ihm gehe? Die Antwort sei laut dem Journalisten eine Geste gewesen, "die ein hoffnungsvolles Gefühl vermittelte".

Immerhin etwas. Denn der Patient, den Sportreporter Jeré Longman im Krankenhaus NewYork-Presbyterian/Weill Cornell auf Manhattans East Side antraf, war Chuck Blazer, 70, Ex-Spitzenfunktionär des Fußball-Weltverbands Fifa. Der New Yorker, der früher gerne mit seinem Papagei auf der Schulter herumlief, war 21 Jahre lang Generalsekretär der amerikanischen Fußball-Konföderation Concacaf, die ihrerseits nun eine zentrale Rolle im Fifa-Korruptionsskandal spielt.

Blazer ist darin eine Schlüsselfigur: Sein Fall offenbart, weshalb es nun ausgerechnet die US-Justiz war, die den uralten Verdacht gegen die Fifa in eine Anklage verwandelte, samt sieben spektakulären Festnahmen. Die Amerikaner, so stellt sich heraus, haben für so etwas die besten Gesetze, die beste Erfahrung - und den längsten Atem.

Dass Blazer tief in den mutmaßlichen Fifa-Korruptionsklüngel verstrickt war, ist weithin bekannt. Schon 2011 stellten ihm Beamte des FBI und der US-Steuerfahndung ein Ultimatum, das ihm keine Wahl ließ: "Wir können Sie in Handschellen abführen - oder Sie können kooperieren."

V-Mann Blazer: Wie in einem Drehbuch zu einem Mafiafilm

V-Mann Blazer: Wie in einem Drehbuch zu einem Mafiafilm

Foto: Steffen Schmidt/ dpa

Blazer wählte Letzteres, zahlte 1,9 Millionen Dollar zurück und wurde 2013 zum V-Mann der US-Staatsanwaltschaft, der die Fifa-Kollegen mit einem Mini-Mikrofon im Schlüsselanhänger bespitzelte. Sein Insiderwissen zieht sich jetzt wie ein roter Faden durch die 164 Seiten starke Anklage, die die US-Justiz gegen 14 Fifa-Funktionäre erhoben hat. Nur namentlich kommt Blazer darin nicht mehr vor.

Strafmilderung gegen Mithilfe: Solche Methoden gehören zum Standardrepertoire amerikanischer Staatsanwälte. Kleinere Fische unter Druck zu setzen, um sie als Kronzeugen gegen größere Fische zu nutzen, erwies sich vor allem im Kampf gegen die Mafia immer wieder als bewährtes Mittel. New Yorks späterer Bürgermeister Rudolph Giuliani zerschlug damit als US-Staatsanwalt alle fünf Mafia-Familien der Stadt.

Giulianis Nachfolger haben sich jetzt eine andere Art Mafia vorgeknöpft - die Fifa. Die US-Anklage liest sich wie das Drehbuch zum "Paten", die Vorwürfe sind solche, wie sie gegen internationale Drogenkartelle erhoben werden: Korruption, Unterschlagung, Steuerhinterziehung, Betrug, Geldwäsche, Verschwörung - und "organisiertes Verbrechen". Dafür wurde ein eigenes US-Gesetz verwendet, das speziell für Mafiosi formuliert wurde.

Deshalb waren es eben auch die USA, die nun zuschlugen: Keine Justiz hat mehr Erfahrung mit solch komplexen Straftaten, keine Justiz ist hartnäckiger, auch weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus. Dazu müssen die Verdächtigen nicht mal US-Staatsbürger sein: Amerikas Fahnder können im Ausland zugreifen, sofern es auch nur eine einzige Verbindung in die USA gibt - eine Banküberweisung, ein Internetserver, ein Telefonat, eine Reise.

Geldwäsche in Amerika

Der Fifa-Fall bietet zahllose solcher "juristischer Berührungspunkte", wie es Juraprofessorin Jessica Tillipman von der George Washington University Law School in der "Washington Post" erläutert. So sollen die Fußballfunktionäre ihre Schwarzgelder über amerikanische Banken reingewaschen haben: "Sie dachten, dass die USA ein sicherer finanzieller Hafen für sie war", sagte US-Justizministerin Loretta Lynch.

Hinzu kommt: Verbeißen sich vor allem die New Yorker Fahnder einmal in einen Fall, lassen sie ungern los. Gerade auch bei unlauteren Machenschaften im Sport, die in den USA als moralisch verwerflich gelten. Ob Sex-Skandale in der Footballliga NFL oder Doping im Baseball oder im Radsport - wie es Lance Armstrong erfahren musste, der 2012 ins Fadenkreuz der US-Ermittler geriet und letztlich gestand.

Zwar war der frühere New Yorker US-Staatsanwalt Michael Garcia voriges Jahr als Chefermittler der Fifa-Ethikkommission mit der Aufklärung selbiger Korruptionsvorwürfe gescheitert. Eine New Yorker Justizkollegin gab sich danach aber nicht geschlagen - Loretta Lynch.

Eine Anklage war offenbar seit Monaten vorbereitet

Die hatte sich zu der Zeit als US-Staatsanwältin für den Bezirk East New York mit prominenten Korruptionsfällen einen Namen gemacht. Seit 2010 beschäftigte sich ihr Team auch mit der Fifa. Schon als diese im November jenes Jahres die WM 2022 an Katar vergab, bestand der Verdacht, "dass die Entscheidung gekauft worden sei", wie die "Washington Post" US-Justizkreise zitierte. Zumal der damalige US-Justizminister Eric Holder und Ex-Präsident Bill Clinton persönlich nach Zürich gereist waren, um für eine Austragung in den USA zu werben.

Im April trat Lynch die Nachfolge Holders an - und nahm die Anklage mit nach Washington, wo sie sie verkündete. Dass es dazu kommen würde, war offenbar seit Monaten klar. Doch die Fahnder hätten, wie es hieß, lieber gewartet, bis alle Verdächtige an einem Ort seien, um sie zu fassen. Der Fifa-Kongress in Zürich war die perfekte Chance.

Video: "Betrübt, traurig, empört" - Warum Platini die Fifa satt hat

kicker.tv
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.