Fußball und Korruption in Lateinamerika Eine gewinnträchtige Verbindung

Die meisten beschuldigten Funktionäre des Fifa-Skandals stammen aus Lateinamerika. Das ist kein Zufall: Skrupellose Eliten nutzen die Fußballbegeisterung aus - und der Staat hat der Korruption wenig entgegenzusetzen.
Fifa-Präsident Blatter (l.), Vorgänger Havelange (Archiv): Nichts bereut

Fifa-Präsident Blatter (l.), Vorgänger Havelange (Archiv): Nichts bereut

Foto: Achim Scheidemann/ dpa

Korruption gehört in Lateinamerika zum Fußball wie die WM-Titel für Brasilien und Argentinien. Und nicht erst seit Joseph Blatter verbindet sich mit dem Weltverband Fifa der Ruch der Bestechlichkeit. Sein Vorgänger, der Brasilianer João Havelange, stand bereits im Verdacht, Schmiergelder angenommen zu haben.

Vor vier Jahren bestätigte sich der langjährige Vorwurf, dass Havelange während seiner Zeit als Fifa-Präsident Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe entgegengenommen hatte. Heute ist er 99 Jahre alt. Bereut oder eingestanden hat er nichts.

Sein ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixeira, lange Jahre Präsident des brasilianischen Fußballverbands CBF und Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, wurde immer wieder mit dem Vorwurf der Korruption, Steuerhinterziehung und Geldwäsche in Verbindung gebracht. Er hatte die WM nach Brasilien geholt, aber zog sich 2012 schließlich aufgrund erwiesener Schmiergeldannahmen aus dem Führungskreis der Fifa zurück.

Die beiden Brasilianer sind nur die bekanntesten Führungsfiguren Lateinamerikas, bei denen Fußball und Verbrechen in einem Atemzug genannt werden müssen. Aber der amerikanische Subkontinent ist wie gemalt für solche Delikte. Denn hier finden sich die Zutaten, die es dazu braucht: An Fanatismus grenzende Fußballleidenschaft, schwache Institutionen, Korruption als ein weit verbreitetes und mitunter gesellschaftlich akzeptiertes Phänomen sowie eine skrupellose Machtelite.

Daher wundert es nicht, dass beim jüngsten Fifa-Skandal von den 18 vom US-Justizministerium beschuldigten Fußball-Funktionären 17 aus Lateinamerika, der Karibik und den USA stammen, also Vertreter des Südamerika-Verbands Conmebol und des Nordamerika- und Karibikverbands Concacaf sind. In Lateinamerika zieht der Fußball jede Art von machtgierigen Funktionären an, die es mit dem Gesetz nicht so genau nehmen.

Es sei logisch, dass die meisten Verdächtigen aus Lateinamerika kämen, sagt der mexikanische Schriftsteller Héctor Aguilar Camin. Die Milliarden, die der Fußball generiere, funktionierten in Ländern mit schwachen Institutionen wie ein Brandbeschleuniger für Bestechung und dunkle Geschäfte. "Man sieht in unseren Staaten so viele Interessenskonflikte und Korruptionsketten, und der Fußball bildet dabei keine Ausnahme. Er ist eine der sichtbarsten Aktivitäten weltweit, aber wirtschaftlich gehört sie zu den undurchsichtigsten überhaupt".

Der Philosoph und Autor vieler Bücher über Fußball, Juan Villoro, nennt die Fifa-Funktionäre gerne Mafiosi. "Die großen Hierarchen des Fußballs setzen Turnierorte durch, nehmen Schmiergelder an, hinterziehen Steuern und verletzen alle Regelwerke, die man sich vorstellen kann", kritisiert der Mexikaner. Da müsse man sich nicht wundern, dass auch auf den Rängen und in den Stadien Lateinamerikas die Gewalt massiv zunehme.

Der Fan, der in baufälligen Stadien im Regen stehe, sein Team verlieren sehe und wisse, was die Funktionäre für Delikte verübten, frage sich auch: "Warum soll ich mich richtig verhalten, wenn es die da oben auch nicht tun." Villoro kann den Gedanken nachvollziehen: "Die größere Gewalt im Fußball wird in den Logen verübt und nicht auf den Stehplätzen."

Die kolumbianische Tageszeitung "El Tiempo" stimmt in den gleichen Tenor ein. Der Fifa-Skandal folge mehr der "Logik des organisierten Verbrechens als den Regeln von gut geführten Unternehmen", schreibt das Blatt in einem Leitartikel.

Nur gut zwei Wochen vor Beginn der Copa América in Chile, der südamerikanischen Kontinentalmeisterschaft, wirft der Fifa-Skandal einen dunklen Schatten auf den Fußball in der Region und das Turnier, das der Fußball-EM in Europa entspricht.

Zudem sind brasilianische Medien einem möglichen weiteren Korruptionsskandal im größten lateinamerikanischen Land auf der Spur: Die Zeitung "O Estado de São Paulo" berichtete jüngst von einem vertraulichen Vertrag zwischen dem brasilianischen Fußballverband CBF und einer Briefkastenfirma auf den Cayman Islands mit Namen International Sports Events (ISE), wonach der CBF eine Strafe von 500.000 Dollar zahlen müsse, wenn Stars wie Neymar nicht für die Nationalmannschaft spielten.

ISE zahle angeblich eine Million Dollar für die Rechte an jedem Freundschaftsspiel der Nationalmannschaft und verlange dafür auch Gegenleistungen. Demnach habe ISE sogar das Recht, ein medizinisches Attest für jeden Spieler zu verlangen, der auf der Bank sitze. Der CBF hat, wie sollte es anders sein, die Vorwürfe zurückgewiesen. Sie seien "lächerlich" und "absurd".

Video: Wie Fifa-Chef Blatter den Skandal sieht

kicker.tv
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.