Peter Ahrens

Mutmaßlicher WM-Kauf 2006 Das Sommermärchen-Märchen

Lange gab sich der DFB als Vorreiter gegen Korruption. Jetzt belegen SPIEGEL-Recherchen zur WM-Vergabe 2006 die Existenz einer schwarzen Kasse, Schmiergeldverdacht liegt nahe. Der Mythos vom sauberen Sommermärchen ist tot.
Fanmeile in Berlin 2006: Ein Sommermärchen, aber eben nur ein Märchen

Fanmeile in Berlin 2006: Ein Sommermärchen, aber eben nur ein Märchen

Foto: Miguel Villagran/ picture-alliance/ dpa

Die Fifa korrupt, die Uefa massiv in der Kritik: Daran hat man sich gewöhnt. Doch auf eines schien bisher Verlass. Es mochte überall im Weltfußball Geld versickern, überall mochten Stimmen gekauft werden - aber in Deutschland passierte so etwas nicht.

Der DFB war der letzte weiße Ritter. Wenn andere Turnierbewerber ihre Stadien nicht rechtzeitig genug fertigzubekommen schienen, weil das Geld dafür irgendwo in finsteren Kanälen verschwunden war, dann stand zur Not immer noch Deutschland bereit, um einzuspringen. Und wenn es nun darum geht, einen Nachfolger für die Herren Blatter und Platini ins Gespräch zu bringen, dann ist es nur folgerichtig, als erstes den DFB-Chef Wolfgang Niersbach zu nennen.

Damit ist es nach den SPIEGEL-Recherchen zur WM 2006 vorbei.

Allzu sehr wundern sollte man sich nicht. Es wäre zu schön gewesen, wenn der DFB, sein früherer Organisationschef Franz Beckenbauer und dessen Stellvertreter Niersbach die großen Saubermänner des Weltsports wären. Schließlich wird um nichts mit so harten Bandagen gekämpft wie um die Vergabe von Olympischen Spielen und Fußballweltmeisterschaften. Eine Fußball-WM auszurichten, einen Sommer lang das Schaufenster der Welt zu sein - es gibt nur wenige Gelegenheiten, so viel für das Image eines Landes zu tun.

Ein Kampf, den zu gewinnen jedes Mittel recht schien, bei dem Funktionäre die Hand aufhielten, um sich ihr Abstimmungsverhalten bezahlen zu lassen. Geschützt von einem Fußball-Weltverband, bei dem niemand Angst haben musste, dass er ihn auffliegen lässt. Im Gegenteil: Die Fifa hat erst unter João Havelange, danach unter Joseph Blatter, das Klima des Gebens und Nehmens kultiviert und zur Geschäftsgrundlage werden lassen.

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WM-Vergabe 2006: Schwarze Kasse fürs Sommermärchen

Foto: A3390 Kay Nietfeld/ dpa

Und jetzt weiß man: Alle haben sie wohl mitgemacht.

Im Jahr 2000, als Deutschland den Zuschlag erhielt, herrschte noch weit mehr als heute im Weltsport die Ansicht: Es ist alles erlaubt, um ans Ziel zu kommen, alle wissen das, alle schweigen drüber. Es ist kein Zufall, dass dies auch die große Zeit des flächendeckenden Dopings im Radsport war. Von Ethikkommissionen war damals im Sport noch nicht die Rede. Und wer dies angemahnt hätte, wäre herzlich ausgelacht worden. Das Regime der alten Männer, die Herrschaft der Hinterzimmer-Diplomatie, der G'schaftlhuberei - all das war 2000, im Jahr der WM-Entscheidung für Deutschland, noch unangefochten. Dann wird eben ein bisschen nachgeholfen, wenn man die WM ins eigene Land holen will. Und das nicht nur mit Kuckucksuhren.

Wenn mittlerweile fast alle WM-Vergaben der vergangenen 20 Jahre ins Gerede gekommen sind - warum sollte ausgerechnet die WM 2006 die große Ausnahme sein?

Eine Insel im Meer der Korruption, das ist ein sehr schönes Bild. Aber auch das ist eben nur ein Sommermärchen.