Finaldrama 1999 Ewiger Bayern-Schmerz

Der FC Bayern spielt heute Abend (20.45 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE) in der Champions League beim FC Arsenal um den Einzug ins Viertelfinale. Gegen ein anderes englisches Top-Team erlebten die Bayern einmal ihr Waterloo. Es war der 26. Mai 1999, im Finale der Königsklasse hieß der Gegner Manchester United.

Berlin - Um kurz nach halb elf Uhr abends verlässt George Best seinen Platz auf der Haupttribüne des Camp Nou in Barcelona. Niedergeschlagen schleicht er zum Ausgang, will nicht Zeuge sein, wenn dieses Champions-League-Finale zwischen "seinem" Manchester und dem FC Bayern München abgepfiffen wird. Zu groß ist der Schmerz, jubelnden Deutschen zuschauen zu müssen, zu groß seine Enttäuschung über den verpassten Triumph. In der fünften Minute hat Mario Basler die Bayern mit 1:0 in Führung gebracht. Seither widmen sich Effenberg und Co. nur noch der Verteidigung, fahren höchstens vereinzelte Konter.

Ohne die Mittelfeldstrategen Roy Keane und Paul Scholes findet Manchester kein Mittel gegen die dicht gestaffelte Abwehr, David Beckham kommt in der zentralen Rolle kaum zum Flanken, Ryan Giggs zieht auf der ungewohnten rechten Seite zu oft in Richtung Mitte, anstatt außen den Weg zur Torauslinie zu suchen. Dazu hängt das gefürchtete Sturmduo Dwight Yorke und Andy Cole in der Luft.

Wenn es gefährlich wird, dann vor dem Tor von Peter Schmeichel. Mehmet Scholl und Carsten Jancker treffen Pfosten und Latte, die Bayern sind dem 2:0 näher als United dem Ausgleich. Ausgerechnet im wichtigsten Spiel der Saison hat die Mannschaft von Alex Ferguson ihren schlechtesten Tag.

Auf dem Weg nach draußen trifft George Best auf Uefa-Präsident Lennart Johansson. Auch der Schwede hat schon seinen Platz verlassen und bereitet sich, deutsche Glückwunschfloskeln vor sich hinsprechend, auf die Siegerehrung vor. Der Pokal wird mit den Münchner Farben dekoriert. Manchesters Traum, sich zum Ende des Jahrhunderts nicht nur den Premier-League-Titel und den FA-Cup zu holen, sondern auch die europäische Krone aufzusetzen, scheint geplatzt.

"Das beste englische Team aller Zeiten", wie Sir Bobby Charlton kurz zuvor bemerkte, wäre erst das dritte Team gewesen, dem dieser historische Triple-Erfolg gelänge. Und eigentlich schien es vorherbestimmt, dass die Mannschaft am 90. Geburtstag von Matt Busby, der Manchester 1968 als Trainer zum einzigen Europapokaltitel führte, den europäischen Thron besteigt.

Nach der enttäuschenden Saison 1997/98, in der ausgerechnet der FC Arsenal das Double holte, musste in dieser Spielzeit unbedingt ein Titel nach Manchester. Dafür hatte man Abwehrspieler Jaap Stam vom PSV Eindhoven und Yorke von Aston Villa, der Sturmpartner von Andy Cole werden sollte, verpflichtet. Und beide erwiesen sich als Glücksgriff. Das kongeniale Sturmduo Yorke und Cole erzielte in der Saison 1998/1999 53 Tore und Johan Cruyff konstatierte: "Es gibt derzeit keinen besseren Angreifer als Yorke, mit Cole bildet er die ideale Kombination."

Sie waren beide Vollstrecker und Vorbereiter in einem, das Zusammenspiel funktioniere "instinktiv", erklärte Cole schon zu Beginn der Spielzeit. Warum es mit den beiden sofort klappte, wusste auch Trainer Ferguson nicht: "Es machte einfach klick, keine Ahnung warum." Der kompromisslose und zweikampfstarke Stam brachte Autorität und Stabilität in die Abwehr. Er organisierte die Viererabwehrkette mit Ronnie Johnson, Dennis Irwin und Gary Neville in Manchesters straffem Taktikkonzept, das Ferguson in seiner gesamten Trainerkarriere nie veränderte.

Konsequent ließ er seit 1986 das 4-4-2 spielen und holte so vier Titel - die fünfte Meisterschaft sollte am Ende der Saison folgen. Der FA-Cup-Sieg vervollständigte das dritte Double seit 1993. Außerdem bewies Ferguson Gespür für Talente aus der Jugend. Beckham, Ryan Giggs, Gary Neville, Paul Scholes und Nicky Butt wurden unter ihm zu Leistungsträgern des Profiteams. Beckham und Giggs gaben die in Fergusons System wichtigen offensiv ausgerichteten Außenläufer. Besonders Beckham spielte eine sensationelle Saison. Die "Times" schrieb bewundernd: "Er spielt, als könnte er weiterrennen bis zum Sommerurlaub."

Seine langen, gleichwohl punktgenauen Flanken bildeten neben Giggs' Sololäufen die Basis für die Offensivstärke des Teams. Manchester erzielte nicht nur in der Meisterschaft mit Abstand die meisten Tore, auch in der Champions League waren sie das treffsicherste Team. Dort blieben sie auch ohne Niederlage. Insgesamt verloren sie in 59 Partien nur dreimal. Manchester wäre ohne Frage als Favorit ins Endspiel gegangen, doch der Double-Gewinner musste auf die gelbgesperrten Keane und Scholes verzichten.

Besonders Keanes Fehlen war ein Handicap. Der Ire war die unbestrittene Führungsfigur und Zentrum des Spiels, Antreiber in schwierigen Situationen. Wie wertvoll hätte Keane an diesem Abend in Barcelona sein können - doch während die Mannschaftskameraden kopflos das bayerische Abwehrbollwerk bestürmen, sitzt der Publikumsliebling draußen. Kurz vor Ende der Partie bekommt er Gesellschaft. Lothar Matthäus und Mario Basler nehmen unweit von ihm Platz. So sicher sind sich die Münchner, dass sie ihre wichtigsten Männer auswechseln.

Noch behalten sie recht, es bleibt bei zaghaften Versuchen, Oliver Kahn zu überwinden. Bis Stefan Effenberg unbedrängt den Ball zur Ecke klärt. Als die Uhr auf 90:00 Minuten springt, legt sich Beckham den Ball an der Eckfahne zurecht. Auf der Tafel des vierten Offiziellen leuchtet die drei. Dann folgt Fußballgeschichte. Zweimal tritt Beckham eine Ecke, zweimal schlägt es im Tor der Bayern ein, zweimal ist es ein Einwechselspieler. Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjaer bescheren Manchester den größten Triumph in der Vereinsgeschichte und den Bayern eine Niederlage, von der sie sich erst zwei Jahre später erholen sollten.

Es war kein Zufall, dass es nicht die Etablierten waren, die das Spiel drehten. Manchester lebte von seiner mannschaftlichen Geschlossenheit, von seiner enormen Disziplin und seinem unbändigen Siegeswillen. In den Halbfinals gegen Turin sicherten erst ein Ausgleichstreffer in letzter Minute zu Hause sowie drei Tore nach 0:2-Rückstand in Turin das Erreichen des Endspiels. In der Vorschlussrunde des FA-Cups gewann Manchester beim FC Arsenal nach Verlängerung - in Unterzahl.

Als Uefa-Boss Johansson den Pokal schließlich an ManU-Keeper Schmeichel übergibt, hat er einen langen Fußmarsch hinter sich. Gerade als er durch die Katakomben des Stadions zur Siegerehrung geht, fällt der Ausgleichstreffer. Auf dem Weg zurück auf die Haupttribüne, um zur Verlängerung am Platz zu sein, schießt Solskjaer das 2:1. So verpasst Johansson laut "Mirror"-Einschätzung die "besten zwei Minuten in der Geschichte des Sports" komplett. Wie wohl viele, die den unglaublichen Kampfgeist von "Fergusons Göttern" ("The Express") unterschätzten. Wie Basler und Matthäus auf der Bank. Und wie George Best, draußen vor dem Stadion.

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