Finale gegen Frankreich Italien zwischen Titel und Tränen

Heute Abend könnten die Spieler der italienischen Nationalmannschaft den größten Erfolg ihrer Karriere feiern. Dennoch stehen die meisten vor einer ungewissen Zukunft. Schon morgen soll das Schicksal ihrer in den Bestechungsskandal verwickelten Heimatvereine beschlossen werden.


Hamburg - Den italienischen WM-Helden droht nach dem Turnier ein böses Erwachen. Unbeeindruckt vom großen Erfolg der "Squadra Azzurra" in Deutschland wollen die Juristen in der Heimat am Montag erste Urteile im Fußball-Skandal sprechen. Demnach drohen dem AC Mailand, Lazio Rom und dem AC Florenz der Gang in die zweite Liga, Juventus Turin, das im Mittelpunkt des Skandals steht, sogar der Abstieg in die Serie C.

Juve-Star Del Piero: "Ich will mehr Raum"
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Juve-Star Del Piero: "Ich will mehr Raum"

Gerade für die Juve-Stars ist die WM vor diesem Hintergrund eine schwere Prüfung. Einige von ihnen spielten noch mit dem neuen Manager Gianluca Pessotto, der vor knapp zwei Wochen versuchte hatte, sich das Leben zu nehmen, in einem Team. Um so beeindruckender erscheint ihre Leistung in den vergangenen Wochen.

Insgesamt stehen acht Finalteilnehmer in Turin unter Vertrag: Die Italiener Gianluigi Buffon, Fabio Cannavaro, Gianluca Zambrotta, Mauro Camoranesi und Alessandro Del Piero sowie die Franzosen Lilian Thuram, Patrick Vieira und David Trezeguet.

Es ist kaum vorstellbar, dass die Italiener als gefeierte Weltmeister in ihre Heimat zurückkehren, um dann nur noch in der zweiten oder dritten Liga die Schuhe zu schnüren. Sollten Totti und Co. den Titel holen, ist am Montag ein großer Empfang geplant. Das Team von Trainer Marcello Lippi wird um 18 Uhr in Rom landen, danach ist eine Feier im Circus Maximus angesetzt.

Die will auch Del Piero genießen - trotz aller Unruhe bei seinem Verein. "Momentan habe ich nur das Finale im Kopf. An den Rest denke ich erst ab Montag", sagte der 31-jährige Routinier, der heute Abend (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) seine Karriere in der Nationalmannschaft versöhnlich abschließen will.

Wie bei anderen großen Turnieren zuvor blieb Del Piero auch in Deutschland bislang unter seinen Möglichkeiten. Statt auf den Juve-Profi zu setzen, vertraut Lippi dem Römer Francesco Totti. Und das, obwohl dieser laut eigener Aussage nach seinem Wadenbeinbruch nur 70 Prozent seiner Leistungsfähigkeit abrufen konnte.

Die Zurücksetzung schmerzte: "Ich will mehr Raum haben", klagte Del Piero nach dem Einzug ins Finale, "ich hoffe, dass ich mehr als 20 Minuten spielen kann." Trotz seines Reservistendaseins genießt der Stürmer wie die anderen Juve-Profis den Zusammenhalt in der "Squadra Azzurra". Durch den ausgeprägten Teamgeist ist es möglich, die sich anbahnende Katastrophe in der Heimat vorerst zu verdrängen.

Das kürzlich vorgelegte Vergleichsangebot der Juve-Anwälte kommt einer Kapitulation gleich: Darin stimmen sie einem Zwangsabstieg in die zweite Liga und einem satten Punktabzug zu. In diesem Fall würden sich die meisten Top-Stars wohl einen neuen Verein suchen.

Trainer Fabio Capello reagierte am schnellsten und gab schon vor dem Urteil des Sportgerichts seinen Wechsel zu Real Madrid bekannt. "Wir müssen bei Real etwas für die Defensive tun", sagte der 60-Jährige bei seiner Vertragsunterzeichnung und schürte damit Spekulationen über einen Wechsel der Juve-Verteidiger Zambrotta und Cannavaro.

Der Ausverkauf beim italienischen Rekordmeister gilt längst als ausgemachte Sache: Camoranesi werden Kontakte zu Manchester United und Inter Mailand nachgesagt, beim Franzosen Vieira ist von einer möglichen Rückkehr zum FC Arsenal die Rede.

Del Piero zögert dennoch nicht, sich zu seinem Club zu bekennen: "Ein Kavalier verlässt seine Dame nicht", hatte er bei seiner Vertragsverlängerung im Frühjahr gesagt. Durch solche Äußerungen wurde der Angreifer in Turin zum Helden. Sollte Del Piero, der im Halbfinale gegen Deutschland sein erstes Tor dieser WM erzielte, auch im Endspiel treffen, könnte er der Held einer ganzen Nation werden.

Voraussichtliche Aufstellungen:

Italien: 1 Buffon - 19 Zambrotta, 23 Materazzi, 5 Cannavaro, 3 Grosso - 20 Perrotta, 21 Pirlo, 8 Gattuso, 16 Camoranesi - 10 Totti - 9 Toni.
Frankreich: 16 Barthez - 19 Sagnol, 15 Thuram, 5 Gallas, 3 Abidal - 4 Vieira, 6 Makelele - 22 Ribery, 10 Zidane, 7 Malouda - 12 Henry.
Schiedsrichter: Horacio Elizondo (Argentinien)

hut/dpa/sid



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