Finale "Jetzt habe ich alles durchgemacht"

Im EM-Endspiel überraschte die italienische Mannschaft mit für ihre Verhältnisse unbändigem Offensivspiel. Am Ende fehlten Sekunden bis zum EM-Triumph, was unter den Azzurri anschließend ein Tränenmeer auslöste. Auch Italiens Kapitän Poalo Maldini konnte sich seiner Gefühle nicht erwehren.

Von Katrin Weber-Klüver


Paolo Maldini: "Wenn sie rufen, dann werde ich kommen"
DPA

Paolo Maldini: "Wenn sie rufen, dann werde ich kommen"

Rotterdam - Manchmal passieren im Fußball merkwürdige Dinge. Zum Beispiel, wenn Frankreich gegen Italien das Finale der Europameisterschaft 2000 spielt. Eigentlich sind die Franzosen die Guten, weil sie in den vergangenen drei Wochen ein oft brillantes Turnier gespielt haben, als kompletteste Mannschaft mit einem überragenden Spielmacher Zinedine Zidane; und die Italiener sind die Bösen, weil sie doch oft nur den Catenaccio näherungsweise in Perfektion geboten haben. Und am Ende eines so unterhaltenden, hochklassigen Turniers soll schließlich nicht die Finsternis der Destruktion als Sieger auf dem Podium stehen, sondern sollen die Helden des kreativen Spiels die Trophäe in den Himmel halten.

Dann gewinnen also die Franzosen. Und - es sind die Falschen, die triumphieren, jedenfalls in diesem Spiel an diesem Abend in Rotterdam. Sie hatten es nicht verdient. Paolo Maldini, Kapitän und auf der linken Seite Antreiber der Italiener, hätte in dieser Nacht den Augenblick des Triumphes verdient, oder Francesco Totti, der spielende Stürmer, der den anderen die Bälle auflegt, oder Demetrio Albertini, der sich meist Zinedine Zidane befasste.

Denn wenn es um Passion geht und Hingabe und unbedingten Willen, dann war in diesem Finale Italien besser. Frankreich fand nur selten überhaupt einen Ansatz, die italienische Defensive in Bedrängnis zu bringen. Zidane war ohne große Ausstrahlung, das Bemühen seiner Mitspieler, zumindest auf der linken Seite immer wieder bis zur Torauslinie vorzudringen, um hinter die Abwehrreihen zu kommen, war zu ersehen, aber meist fruchtlos.

Italien hingegen spielte groß auf. Nicht, dass die Mannschaft von Dino Zoff sich ein neues Spielsystem hätte einfallen lassen. Aber in dieser Begegnung zeigte sie, dass eine derart massiv defensiv verankerte Elf nicht notwendigerweise eine ist, die nur unter Androhung von Zwangsmaßnahmen die Mittellinie überschreitet. Italien spielte wie immer das auf Abwehr und Konter reduzierte Spiel - alle verteidigten und schickten dann lange Bälle über das nicht existente Mittelfeld zu Totti oder Delvecchio. Sie taten es mit ungleich mehr Leidenschaft und Initiative als im Halbfinale gegen Holland.

Das Spiel der Italiener fing so munter offensiv an, dass Frankreichs Trainer Roger Lemerre später seine "Überraschung" gestand, denn Italien hatte in der ersten Viertelstunde mehr Torchancen als in 90 Minuten gegen Holland. Und Italien ging nach 55. Minuten, nicht durch einen Konter, aber doch durch ein Tor von Delvecchio, in Führung. Es ging auch danach noch lange gut. Sogar 94 Minuten, aber das war nicht lange genug. Ausgerechnet die besten Abwehrspieler des Turniers, Fabio Cannavaro und Alessandro Nesta, hatten wenige Sekunden vor dem Ende der Nachspielzeit einem der etwas besseren französischen Angriffe über die linke Seite nichts mehr entgegenzusetzen. So glich auf Vorlage von David Trezeguet Sylvain Wiltord aus. Beide Stürmer hatte Lemerre nach der italienischen Führung eingewechselt. Nach diesem Treffer stand Paolo Maldini wie erschüttert vor dem eigenen Tor, ohne Chance einzugreifen und so, als ahnte er, was nun kommen würde. Was kam, war in der 103. Minute das Golden Goal durch Trezeguet, wieder auf eine Vorlage von links, dieses Mal durch den eingewechselten Robert Pires. Die italienische Abwehr war zu müde, den frischen Spielern Frankreichs Paroli zu bieten.

Und Paolo Maldini hatte wieder verloren. Es war sein 111. Länderspiel, es sollte, so hatte der Kapitän Tage zuvor erklärt, sein letztes sein, und er wollte endlich den ersten Titel mit Italien erringen. Er ist 1990 bei der WM mit Italien im Elfmeterschießen des Halbfinals an Argentinien gescheitert, 1994 ebenso im Finale gegen Brasilien und im Viertelfinale 1998 gegen Frankreich. Und nun das. "Jetzt habe ich alles durchgemacht", sagte er später. Und: "Ich hoffe, dass dieser Alptraum nun vorbei ist."

Es ist immer schwierig, nach einem Finale Sieger und Verlierer auf dem Rasen so nah beieinander zu sehen, weil der enthemmte Triumph der einen etwas Despektierliches hat, wenn man die sprachlose Erschütterung der anderen sieht. An diesem Abend war es besonders schwer.

Natürlich tobten die Franzosen ausgelassen herum nach dem Golden Goal. Natürlich lagen die Italiener auf dem Boden, ohne Fassung, manche weinten. Sie waren so nah dran gewesen. Nur Paolo Maldini verharrte keinen Moment, er tigerte hin und her, blicklos zwischen seinen Spielern und Betreuern herumlaufend. Und als zu goldenem Konfettiregen die Franzosen den Pokal überreicht bekamen, wandte er sich ab. Kurz vor halb elf, während die Sieger mit dem Pokal zur Ehrenrunde ansetzten, verließ Maldini als erster der Italiener das Spielfeld und verschwand in den Katakomben des Stadions "De Kuip". Eine Stunde später wusste er, dass er so nicht abtreten kann. "Wenn sie mich rufen, dann werde ich kommen." Das werden sie tun.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.