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Finale Niederländer: Verwarnungen in Reihe

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Finalverlierer Niederlande Gescheitert am Voetbal brutal

Es war ein hässliches WM-Finale: Robben und Co. haben getreten, gefoult, gemeckert - und dabei vergessen, schönen, schnellen Fußball zu spielen. Die Brutalo-Taktik von Trainer van Marwijk ist grandios gescheitert. Oranje ist der verdiente Verlierer des Endspiels.

Spanien ist der Sehnsuchtsort des niederländischen Fußballs. Altmeister Johan Cruyff hat den Südeuropäern einst das Kurzpassspiel beigebracht, unter Trainer Louis van Gaal standen sechs Niederländer beim FC Barcelona auf dem Platz, sechs Akteure aus der Oranje-Finalelf von 2010 haben schon in Spanien gespielt, Mittelfeldstar Rafael van der Vaart hat eine spanische Mutter, die Freundin von Wesley Sneijder ist Spanierin.

Und jetzt spielen die spanischen Weltmeister genau jenen Fußball, den die Holländer immer spielen wollen.

Das Ideal des niederländischen Fußballs umfasst eine berauschende Offensive, drei Stürmer, betörende Dribblings, schnelle Pass-Kombinationen bis in den Strafraum. Spaniens Nationalmannschaft hat so das Turnier bestritten und den Titel geholt.

Die niederländische Realität des Endspiels von Soccer City sah dagegen so aus: Spielzerstörung, Treten, Fouls - und der lange Ball nach vorne, dem Arjen Robben mit seiner Schnelligkeit hinterherzuhetzen hatte. Statt Voetbal totaal war das Voetbal brutal.

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Das Finale: Triumph und Tragödie

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Durch die Taktik, sich darauf zu konzentrieren, den Spaniern konsequent die Räume zuzustellen, hat sich das niederländische Team selbst seiner Offensivstärken beraubt. Es war wie eine vorzeitige und freiwillige Kapitulation vor der spielerischen Überlegenheit des Gegners.

Die Spieleröffnung eines Wesley Sneijder, die Tempodribblings des Arjen Robben, die Wucht im Strafraum eines Robin van Persie, die Wühlarbeit am Sechzehner eines Dirk Kuijt - all das hätte man im Endspiel gerne gesehen. Trainer Bert van Marwijk hatte einen anderen Plan.

Das Paradoxe daran: Seine Taktik wäre fast noch erfolgreich gewesen.

Die Spanier zeigten sich durch die harte Gangart von Mark van Bommel und Co. irritiert, beeindruckt geradezu. Es schien fast so, als hätte die Elf von Trainer Vincente del Bosque von den Niederländern so etwas überhaupt nicht erwartet. Sondern etwas anderes. Ein schönes Spiel, ein Kräftemessen der Ästheten.

Stattdessen kam ihnen Nigel de Jong als Kung-Fu-Kämpfer entgegen geflogen. Der Tritt des defensiven Mittelfeldspielers von Manchester City gegen Xabi Alonso, der erstaunlicherweise weiterspielen konnte, wird als Symbolbild für das niederländische Finale 2010 stehen.

1974 verlor eine große niederländische Mannschaft, die größte vielleicht, die es je gab, gegen Deutschland, weil sie vergaß, Tore zu schießen. 1978 verlor eine fast genauso große niederländische Mannschaft gegen Argentinien, weil Rob Rensenbrink in der 90. Spielminute den Ball statt ins Tor nur gegen den Pfosten geschossen hatte. 2010 verloren die Niederlande, weil das Prinzip van Bommel über das Prinzip Sneijder siegte.

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Holland in Not: "Wieder mal Zweiter"

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Sie hätten gewarnt sein müssen. Die niederländische Mannschaft hat schon einmal so gespielt wie beim Finale gegen Spanien. Das war 2006 im WM-Achtelfinale gegen Portugal. Auch da versuchte man, durch übergroße Härte dem Gegner den Schneid abzukaufen. Auch da wusste sich der Schiedsrichter nur durch das Zeigen zahlreicher Karten zu behelfen. Die Partie endete wie das Spanien-Spiel 1:0. Für Portugal.

Van Marwijk wird sich in den Niederlanden der Kritik stellen müssen. Bei einem Sieg hätte der Zweck die Mittel geheiligt, dann hätte vermutlich niemand etwas zu mosern gehabt - außer vielleicht Johan Cruyff.

Cruyff hätte selbst bei einem WM-Titel, wie seit Jahr und Tag üblich, den Kopf darüber geschüttelt, wie es mit dem Fußball von Oranje abwärts gegangen ist. Er hatte schon im Vorfeld des Endspiels die Spanier als das beste Team der Welt ausgelobt und in der Heimat damit für milde Verärgerung gesorgt. Cruyff-Kritik gehört allerdings mittlerweile zum stetigen Hintergrundrauschen der niederländischen Fußball-Szene.

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Spieler-Analyse in Bildern: Das beste Team der Welt

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Die niederländische Presse spricht jetzt vom "dritten Trauma", nach 1974, nach 1978. Das stimmt so nicht. Damals verlor man als das spielerisch bessere Team. Deswegen saß die Enttäuschung so tief, deswegen konnte der Schmerz, um den verdienten Lohn gebracht worden zu sein, Teil der niederländischen Fußballkultur werden.

Diesmal wäre ein Sieg von Oranje ein Hohn gewesen. Dieses Spiel taugt nicht zum Trauma, nur zum Alptraum.

Bert van Marwijk hat nach dem Spiel gesagt: "Ich hätte gerne gewonnen. Auch mit nicht so schönem Fußball." Den Trainer hat immer schon ein ausgeprägter Pragmatismus ausgemacht. Damit hat er Oranje verdientermaßen in das Endspiel gebracht. Bis zum Finale haben die Niederländer nüchtern gespielt, aber immer auch gezeigt, dass sie jederzeit ihre fußballerischen Fähigkeiten aufrufen können. Mit dieser Einstellung haben sie Brasilien aus dem Turnier befördert.

Ausgerechnet im Finale aber hat man sich auf den puren Zweckfußball zurückgezogen. Den Weltmeistertitel hätten die Niederlande so nicht verdient.

Auch früher hat Oranje verloren. Aber es war wenigstens schön.

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