Financial Fairplay "PSG und ManCity haben sich Geschichte gekauft"

Die Football-Leaks-Enthüllungen zeigen, wie zwei Scheichklubs systematisch gegen Regeln verstoßen haben. Der britische Finanzexperte Rob Wilson erklärt, warum sich schon bald die Steuerbehörden dafür interessieren könnten.
Foto: Sheffield Hallam University/Benedikt Rugar/DER SPIEGEL
Zur Person

Rob Wilson ist Fußball-Finanzexperte an der Sheffield Hallam University.

SPIEGEL: Womit befasst sich die Uefa, wenn sie beurteilt, ob Vereine das Financial Fairplay (FFP) einhalten?

Rob Wilson: Nachdem Paris Saint-Germain (PSG) und Manchester City neue Besitzer bekommen haben, haben sie einen Anstieg der Sponsoringeinnahmen aus Katar beziehungsweise Abu Dhabi verzeichnet. Die Frage ist, ob diese Sponsoren "verwandte Parteien" des Klubbesitzers sein könnten: Würden sie die Vereine auch dann sponsern, wenn sie nicht unter Kontrolle des Klubbesitzers stünden?

SPIEGEL: Warum wäre es problematisch, wenn die Antwort auf diese Frage Nein lautet?

Wilson: Wenn eine verwandte Partei überhöhte Sponsorengelder auszahlt, besteht der Verdacht, dass es sich in Wahrheit nur um Ausgaben des Eigentümers handelt, die durch die Sponsoren geleitet und dann als Einkommen verbucht werden. Und die FFP-Regeln sollen verhindern, dass Klubbesitzer zu viel persönliches Vermögen in einen Verein injizieren. Klubs sollen nur so viel ausgeben, wie sie einnehmen, sie sollen also nachhaltig wirtschaften.

SPIEGEL: Die Uefa hat 2014 Sponsoren von ManCity und PSG als verwandte Parteien und einige ihrer Verträge als überbewertet bezeichnet. Wir können belegen, dass Gianni Infantino, der damalige Uefa-Generalsekretär, den Klubs geholfen hat, harte Sanktionen zu vermeiden und ein Settlement zu erzielen.

Wilson: Wenn das der Fall ist, dann ist das problematisch. Man würde erwarten, dass sich große Sportverbände in solchen Fällen an die prozessualen Regeln halten.

SPIEGEL: Warum sollte sich die Uefa überhaupt mit Klubs einigen, die so offensichtlich die Regeln verletzen?

Wilson: Die Uefa muss den Wert ihrer Marke erhalten. Der Verband will ja die TV-Rechte für die Champions League in der ganzen Welt verkaufen. Wenn die Uefa aber möchte, dass FFP ernst genommen wird, muss sie natürlich die Vereine bestrafen, die gegen diese Regeln verstoßen. Meines Erachtens hätten Klubs, die gegen die Regeln verstoßen, vom Wettbewerb ausgeschlossen werden müssen.

SPIEGEL: Was die Uefa zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war das Ausmaß von ManCitys Regelverstößen. Wir haben enthüllt, dass Sponsoringverträge nicht die Wahrheit wiedergegeben haben: Etihad zum Beispiel sollte ManCity 67,5 Millionen Pfund pro Jahr zahlen. Aber in internen Mails heißt es, dass die Fluggesellschaft in Wirklichkeit nur 8 Millionen gezahlt habe und der Rest aus alternativen Quellen stamme, wahrscheinlich von Klubbesitzer Scheich Mansour.

Wilson: Das könnte bedeuten, dass der Besitzer sein Geld durch diese Unternehmen geleitet hat und in den Klub hat fließen lassen. Aus Buchhaltersicht ist das eine falsche Darstellung der Einnahmen, Ausgaben und der Gewinn- und Verlustrechnung. Dies würde gegen die allgemein anerkannten Bilanzrichtlinien verstoßen. Jahresabschlüsse sollen ein authentisches, faires Abbild der Vereinsfinanzen abgeben. Eine falsche Darstellung ist eine ziemlich ernste Angelegenheit und kann vor Gericht sanktioniert werden. Abhängig davon, wo das Unternehmen registriert ist, könnten die Steuerbehörden sehr daran interessiert sein.

SPIEGEL: Wird die Uefa ManCity dafür bestrafen?

Wilson: Nun, ich bin der Ansicht, dass sie das tun sollte, wenn der Verein wirklich gegen Vorschriften verstoßen hat und die Bilanzen nicht transparent sind. Ich weiß, dass die Uefa schon einmal Settlements ausgehandelt hat. Aber vielleicht möchte sie endlich ein Zeichen gegenüber Klubs setzen, die das Financial Fairplay mit Füßen treten.

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SPIEGEL: Unsere Recherchen zeigen, dass ManCity einen Sponsorenvertrag mit einer verwandten Partei einfach umstrukturieren kann, um spontan mehr Geld zu bekommen. So funktioniert doch kein normales Sponsoring.

Wilson: Es ist unanständig. Profisport basiert doch auf dem Prinzip der Fairness. Die Spielregeln sind festgelegt, jeder hat sich an diese Regeln zu halten. Abseits ist Abseits, ein Elfmeter sollte ein Elfmeter sein. Wenn das stimmt, verzerren diese Vereine die Spielregeln. Sie machen sozusagen das eigene Tor kleiner und das ihres Gegners größer. Das geht meiner Meinung nach gegen die Grundidee von Wettbewerb, der doch ein ehrlicher und fairer Kampf sein sollte. Letztlich sollte das beste Team gewinnen, nicht das Team mit den besten Rechtsanwälten oder Wirtschaftsprüfern. Vielleicht ist das eine utopische Idee. Aber so sehe ich es.

SPIEGEL: Das klingt ziemlich idealistisch.

Wilson: Richtig, und ich finde, dass wir uns dafür nicht entschuldigen müssen. Ich bin ein Fußballfan und möchte ein Team beim Wettkampf beobachten. Ich möchte, dass das Ergebnis beim Anpfiff noch nicht feststeht. Natürlich will ich, dass mein Lieblingsteam gewinnt, aber ich möchte einen fairen Wettbewerb sehen. Einige dieser europäischen Supermannschaften machen es sehr schwierig, gegen sie anzutreten.

SPIEGEL: Sind Sie darüber schockiert?

Wilson: Ich wäre nicht überrascht, wenn sie das getan haben. Mich würde erstaunen, wie weit sie dafür angeblich gegangen sind. Das zeigt mangelnden Respekt vor dem Wettbewerb. Das ist die Sache, die mich am meisten schockiert: Diese Um-jeden-Preis-gewinnen-Mentalität ist doch etwas veraltet, wenn ich ganz ehrlich bin. Als Fan eines solchen Vereins freut man sich natürlich, wenn der Klub Superstars kauft und Titel gewinnt.

SPIEGEL: Was hat das für Konsequenzen im europäischen Fußball?

Wilson: Klubs wie PSG und ManCity haben sich praktisch Geschichte gekauft. Manchester United ist zum Beispiel im Lauf von 50 Jahren zu einem Superklub herangewachsen und kann darum Topsponsorings für seine Trikots aufrufen. PSG und ManCity haben offenbar aus dem Stand ihre Sponsoren weit über das skaliert, was angemessen gewesen wäre. Die Kluft zwischen den reichen Klubs und den normalen Klubs wird dadurch weiter zunehmen.

SPIEGEL: Warum ist das so?

Wilson: Wenn Sie einer der reichsten Klubs der Welt sind, können Sie sich für die Finalrunde der Champions League qualifizieren, was Ihnen zusätzliche Fernseheinnahmen und Preisgelder verschafft. Und das erhöht wiederum Ihre Chancen, im nächsten Jahr wieder in die Champions League zu gelangen. Für andere Klubs wird es zunehmend schwieriger, dieses Monopol zu durchbrechen.

SPIEGEL: Das bedeutet, dass die nationalen Ligen langweiliger werden.

Wilson: Ja, wir sehen viel mehr Ungleichgewicht in den nationalen Ligen, einzelne Teams dominieren den Wettbewerb. In Frankreich ist Paris am stärksten, in Deutschland hat Bayern München jahrelang die Meisterschaft gewonnen, in Italien Juventus Turin. Der nächste logische Schritt wäre, die Diskussion über eine europäische Superliga fortzusetzen.