Fotostrecke

Hamburger SV: Probleme auf und neben dem Platz

Foto: DPA

Gründe für die HSV-Misere Alle machen, keiner kann's

Der Hamburger SV hat mit Thorsten Fink gerade den 13. Trainer in zehn Jahren verschlissen. Egal wer nun kommt - langfristige Besserung ist nicht in Sicht. Die Struktur des Clubs ist überholt, die Außendarstellung jämmerlich.

In seinem letzten Spiel als Trainer des Hamburger SV hatte Thorsten Fink die Kontrolle längst abgegeben. Dabei wollte er sich gegen Borussia Dortmund besonders clever anstellen, vor der Partie kündigte er an: "Wir spielen hinten 3-5-2." Mit der Dreierkette startete er ins Spiel, nach 90 Minuten hatte er zudem die Systeme 4-4-2 und 4-2-3-1 durchprobiert. Es führte zu nichts außer hilflosem Chaos, seine Mannschaft verlor 2:6.

In den Spielen des HSV sei zuletzt keine Linie zu sehen gewesen, sagte Sportchef Oliver Kreuzer drei Tage später, als er die Trennung von Fink zu erklären versuchte. Auf dem Platz habe stets ein "kleines Wirrwarr" geherrscht. Fink musste nun die Verantwortung dafür übernehmen, dass man beim erfolgsverliebten HSV ein bisschen zu lange auf Siege warten musste, und sicherlich hat auch er seinen Teil dazu beigetragen.

Doch der Verwirrung auf dem Platz geht ein Wirrwarr in allen Bereichen des Vereins voraus, im Vorstand und auch im Aufsichtsrat. "Beim HSV wollen alle Fußball machen, auch die, die damit nichts zu tun haben", sagt ein ehemaliger hoher Vereins-Angestellter. "Es gibt keine klaren Abgrenzungen der Aufgabenbereiche mehr, alles verschwimmt."

Warum gibt der Hamburger SV seit langem ein so jämmerliches Bild ab, und was muss passieren, damit sich das ändert? Die Ursachen liegen vor allem in der Struktur des Clubs, die einen Neuanfang seit Jahren verhindert.

Der sportliche Bereich

Siebter, 15., achter, siebter, fünfter: Das sind die Platzierungen des Hamburger SV in den vergangenen fünf Spielzeiten. In dieser Zeit standen fünf Trainer an der Seitenlinie, dazu noch drei weitere interimsmäßig. Von dem Team, das vor vier Jahren letztmals den Einzug in die Europa League feierte, sind nur noch zwei Spieler im aktuellen Kader: Marcell Jansen und Tomás Rincón.

"Ich kann beim HSV seit Jahren kein schlüssiges Konzept erkennen. Viel zu oft wurde einfach der Trainer gewechselt. Es gibt keine Kontinuität", sagte Günter Netzer, HSV-Manager in den goldenen achtziger Jahren, schon zu Beginn dieses Jahres.

Mangelnde Geduld gepaart mit Fehlentscheidungen bei Transfers haben dazu geführt, dass der HSV einen teuren, aber qualitativ durchschnittlichen Bundesliga-Kader hat. Eine der Hauptursachen des Problems liegt vier Jahre zurück. Damals, im Sommer 2009, verließ der damalige Sportchef Dietmar Beiersdorfer den Club. Dem einstigen HSV-Spieler waren zuvor die Verpflichtungen von Spielern wie Rafael van der Vaart, Nigel de Jong oder Ivica Olic gelungen.

Als Beiersdorfer weg war, verpflichtete sein Nachfolger, der damalige Präsident Bernd Hoffmann, Marcus Berg für zehn Millionen Euro - Beiersdorfer war immer gegen eine Verpflichtung des Schweden. Berg steht sinnbildlich für diesen HSV, der zu häufig viel Geld für Spieler ausgibt, die zu selten den hohen Erwartungen gerecht werden.

Fazit: Viele Trainer, wenig sportliche Kompetenz - viele teure Spieler, wenig Erfolg.

Der Vorstand

Beiersdorfer war von 2003 bis 2009 Sportchef, damit Teil des Vorstands und dem Trainer direkt übergeordnet. Unter dem jetzigen Sportdirektor von Zenit St. Petersburg erlebte der Club seine sportlich erfolgreichste Zeit in den vergangenen 20 Jahren, qualifizierte sich viermal in Folge für den Europapokal. Nach Beiersdorfers Weggang aus Hamburg waren Hoffmann, Ex-Profi Bastian Reinhardt, Frank Arnesen und seit kurzem Oliver Kreuzer für den sportlichen Bereich verantwortlich. Mit jedem neuen Sportchef gab es personelle Umbesetzungen im Bereich Jugend und Scouting. Die Folge: Eigene Talente schafften es kaum noch ins Profiteam, Schnäppchen im Ausland wurden nicht gefunden.

Ein weiteres Problem ist die über Jahre fehlende sportliche Kompetenz auf dem Posten des Vorstandsvorsitzenden. Hoffmann stellte den HSV zwar finanziell auf eine solide Basis, verantwortete nach Beiersdorfers Rauswurf aber auch die Transfers im Alleingang und bescherte dem Club so Millionen-Flops.

Hoffmanns Nachfolger wurde im März 2011 Carl-Edgar Jarchow, ein Hamburger Kaufmann und FDP-Lokalpolitiker, den selbst in der Hansestadt die wenigsten kannten. Zuletzt hatte der 58-Jährige für Schlagzeilen gesorgt, als er sich in seiner Position als Vorstandschef öffentlich mit dem Aufsichtsrat zoffte - die nächste HSV-Baustelle.

Fazit: Dem HSV fehlen Kontinuität und sportliche Expertise im Vorstand.

Der Aufsichtsrat

Elf Vereinsmitglieder sitzen derzeit im Aufsichtsrat, der über die Vorstandsetage wacht und ohne dessen Zustimmung kaum Entscheidungen möglich sind. Ursprünglich soll er mit dieser Zusammensetzung eine möglichst große Meinungsvielfalt gewährleisten. Der HSV ist traditionell ein Verein, bei dem die Mitgliederrechte eine wichtige Rolle spielen. Doch mittlerweile scheint es weniger um Austausch zu gehen als darum, die jeweils eigenen Interessen zu stärken.

"Viele Gremien, viele Posten, viele Personen - und jeder will mitreden." Diese Meinung äußern mehrere aktuelle und frühere im Verein tätige Personen auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE, sie wollen namentlich aber nicht genannt werden. Es scheint, als seien die Mitglieder des Aufsichtsrat mehr mit sich selbst und ihrer Position beschäftigt als mit der gemeinsamen Suche nach Lösungen. Zudem, so beschreibt es ein Ex-Funktionär des Clubs, greife der Aufsichtsrat vermehrt ins Tagesgeschäft ein - "wie so viele, die häufiger einmal schweigen sollten".

Fazit: Die Strukturen sind nicht mehr zeitgemäß. "Sie machen die Führung des Vereins unmöglich", sagt ein ehemaliger hochrangiger Mitarbeiter. Eine Reform bringe nur dann etwas, "wenn sie personelle Veränderungen mit sich brächte".

An der Spitze der Aufsichtsrat: Viele reden mit beim HSV

An der Spitze der Aufsichtsrat: Viele reden mit beim HSV

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Identitätssuche

Bundesliga-Urgestein, Uwe Seeler, Ernst Happel: Der Hamburger SV steht für seine eigene Vergangenheit. Daran misst er sich selbst, und daran messen ihn seine Anhänger, auch im Jahr 2013. "Der öffentliche Druck durch Medien und Fans ist in kaum einer anderen Stadt so groß wie in Hamburg", sagt Philipp Markhardt, Mitglied der Ultra-Gruppe Chosen Few und Sprecher der Initiative ProFans. Der Verein könne den Fans alles versprechen, "sie glauben das - solange die Hoffnung auf sportlichen Erfolg besteht". Die Haltung des Vereins habe sich schließlich umgekehrt, so Markhardt: "Der HSV möchte die wirklichkeitsfremden Ansprüche der Fans befriedigen. Er agiert nicht mehr, sondern reagiert nur noch. Er hechelt seinen Anhängern hinterher."

So lassen sich die Rückholaktion von Seeler als Präsident, die erneute Verpflichtung van der Vaarts oder das wiederholte Auftauchen der Namen von Horst Hrubesch oder Felix Magath erklären. Mit vermeintlichen Heilsbringern sollen auf dem emotionalen Weg die Sehnsüchte der Fans und des Vereins selbst gestillt werden. Für Besonnenheit ist keine Zeit mehr, beim HSV muss es schnell gehen. Reflexartig werden Personalentscheidungen getroffen, die nicht Vernunftdenken, sondern Panik geschuldet sind. Sie resultieren aus der schnellen Frage: "Wen kenne ich von früher?" und sind nicht das Ergebnis einer nüchternen Analyse, wie dem Verein tatsächlich geholfen werden könnte.

Der HSV hetzt von einem Bekannten zum nächsten, und so passt es, dass während der erneuten Trainersuche sofort wieder die Namen Markus Babbel (war von 1992 bis 1994 selbst für die Hamburger aktiv, spielte in den Neunzigern gemeinsam mit Sportchef Kreuzer beim FC Bayern) oder Magath (Heilsbringer, s.o.) in Umlauf kamen. Der Hamburger SV dreht sich um sich selbst, einen Ausweg findet er selbst offenbar nicht.

Fazit: Der Club ist Sklave eigener und fremder Ansprüche, die er nicht mehr erfüllen kann. Ein Teufelskreis. Entscheidungen werden seit langem nur noch unter Zeitdruck getroffen.

Mittlerweile werden sogar Stimmen laut, die es als heilsam empfinden würden, wenn der Club sein wichtigstes verbliebenes Stück Identität verlieren würde: die ununterbrochene Zugehörigkeit zur Bundesliga. Der Abstieg als Chance? Für den HSV ist das eine Horrorvision, hier soll mit einem neuen Trainer die Wende her. Sportchef Kreuzer arbeitet bereits an einer Lösung. Er will sie "möglichst zeitnah" präsentieren.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.