Finke-Abschied "Die Diktatur ist zu Ende"

Volker Finke muss den SC Freiburg verlassen. Nach 16 Jahren. Seinen Abgang kommentierte der Coach mit Selbstironie, lobte einen Assistenten in den Himmel - und rief den Verein auf, Kurs zu halten. Die Führung zeigte sich im Gegenzug ungeschickt, selbst bei der Musikauswahl.

Von Johannes Kopp, Freiburg


Am Ende, da wurde es so richtig schön schmalzig, dass man beinahe schon wieder lachen musste. Arm in Arm standen die Profis des SC Freiburg mit ihrem Trainer Volker Finke im Mittelkreis. Das Spiel war bereits 35 Minuten zuvor abgepfiffen worden, da ließen die die SC-Verantwortlichen über die Stadionlautsprecher den Edith Piaf- Klassiker "Je ne regrette ne rien" ("Ich bedaure nichts") erschallen. Für gegensätzliche Interpretationen des Titels bot eine Saison, in der die Dissonanzen zwischen Trainer, Präsidium, Führungspersonal und Fans den Verein beinahe gespalten hatte, breiten Raum.

Es war unüberhörbar: Wie schon in den letzten Wochen wirkte die Freiburger Führung im Umgang mit ihrem langjährigen Coach unbeholfen. Oder unbedacht. Man ließ vom Stadionsprecher einen schon im Vereinsmagazin abgedruckten Text verlesen, in dem der Verein Finke hölzern für seine Arbeit dankte. Herzlichkeit klingt anders.

Auf den Rängen sorgte soviel fehlendes Feingefühl für einige Empörung. Als der gesundheitlich angeschlagene SC-Präsident Achim Stocker nach dem am Ende sportlich bedeutungslosen 2:0-Erfolg gegen die TuS Koblenz Finke einen Blumenstrauß überreichte, den dieser hastig weiterreichte, quittierten die Zuschauer dies mit Pfiffen und "Vorstand raus"- Rufen.

Die Finke-Anhänger hatten ihrem Idol dagegen einen großen Abgang bereitet. Die letzten Spielminuten widmeten sie ausschließlich ihm. Im ganzen Stadion reckten sie Schilder nach oben mit der Aufschrift "Danke Volker" oder "Wir sind Finke". Auch Co-Trainer Achim Sarstedt, der in den vergangenen 16 Jahren stets an Finkes Seite saß und vom scheidenden Chefcoach in dessen Ansprache an die Zuschauer so lang und innig gelobt wurde, dass er augenscheinlich am liebsten sofort in den Boden der badenova-Arena versunken wäre, erhielt stehende Ovationen. Sarstedt wechselt zum Zweitliga-Aufsteiger TSG Hoffenheim und wird künftig neben Ralf Rangnick auf der Bank Platz nehmen

Der 59-Jährige Finke freute sich sichtlich über den Dank der Fankurve und sagte: "Das war herzlich und warm." Mit einem Schmunzeln registrierte er, dass an diesem Tag ihm selbst seine schärfsten Gegner auf den Rängen wohl gesonnen waren: "Ich hab sogar einen Applaus von meinen Freunden, den Ultras bekommen. Es trägt erste Früchte, dass ich ihnen vor einer Woche in Karlsruhe meine Jacke zugeworfen habe."

Ironisch, gerührt, bitterernst - Finke wechselte recht aufgekratzt im Minutentakt die Tonart seiner Statements. Vor dem Stadionmikrophon dankte er dem Vorstand dafür, ihm 14 Jahre den Rücken freigehalten hatte. Über die letzten beiden Spielzeiten schwieg er vornehm. "Es ist nicht die Zeit, Vorwürfe zu machen", sagte er den Reportern später.

Eines war allerdings deutlich spürbar: Wie sehr Finke um sein Lebenswerk in Freiburg fürchtet. Vor den 25.000 Zuschauern appellierte er an die Vereinsführung: "Fangt bitte nicht an, eine Kopie von anderen Vereinen zu werden. Wir haben die Nischen gesucht, wo man besser sein kann als andere. Wenn wir den anderen etwas nachmachen, haben wir keine Chance."

Vor den Journalisten ließ Finke seine 16-jährige Amtszeit im Kurzlauf Revue passieren. Er erinnerte an fantastische Momente wie die zweimalige Uefa-Cup-Teilnahme. Und er bilanzierte mit unverhohlenem Stolz: "Gemessen an den Zutaten, die wir zur Verfügung hatten, waren wir der effektivste Verein im deutschen Profifußball." Dank Finke, klang da zwischen den Zeilen durch.

Jenseits der Mikrophone offenbarte er aber auch, wie sehr ihm die kritischen Stimmen der Vergangenheit zu schaffen machen. Finke kam selbst darauf zu sprechen, dass er von vielen als Despot wahrgenommen werde und scherzte mit einiger Bitterkeit: "Die Diktatur ist zu Ende. Jetzt dürfen wieder alle atmen."

Dass viele Anhänger des SC auf ihren Plakaten trotzig versicherten: "Wir bleiben Finke", lässt einen schweren Start für den neuen Trainer Robin Dutt befürchten. Denn die Atmosphäre in Freiburg bleibt vergiftet. Dafür sorgt schon das neueste Gerüchte, dass der Vorstand den Manager Andreas Bornemann loswerden möchte. Bornemann hat zuletzt immer wieder betont, wie sehr er sich dem Konzept von Finke verpflichtet fühle. Hinzu kommt, dass eine Reihe von Spielern, die über den Weggang von Finke enttäuscht sind, auf dem Absprung stehen. Der Wechsel von Roda Antar nach Köln ist perfekt, auch Alexander Iashvili kündigte seinen Abschied an. Das SC-Team droht zu zerfallen.

Derweil hat in Freiburg schon das Geschäft mit den Finke-Reliquien begonnen. Bei ebay wird für einen guten Zweck der Strandkorb versteigert, von dem aus Finke und Sarstedt jahrelang die Spiele verfolgten. Der Preis liegt einen Tag vor Auktionsende bereits bei stolzen 35 000 Euro. Und im Stadion wurden so genannte "Finke-Retroshirts" feilgeboten. So schnell ist eine Legende Vergangenheit.

Finke selbst hält sich noch bedeckt, was er in Zukunft zu tun gedenkt. Einen Verein will er demnächst nicht trainieren. Er freue sich auf ein Leben "ohne Bundesligaspielplan". Ganz am Schluss der Pressekonferenz, hatte dann auch wirklich jeder begriffen, dass die Finke-Ära zu Ende ist. Auf die letzte Frage, ob das Team ab Dienstag Ferien habe, antwortete Finke: "Die Urlaubsplanung macht der neue Trainer." Nur nicht die für Finke.

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