Finkes Abgang Freiburgs eigenwilliger Feuerwehrruf

16 Jahre sind genug - Trainer Volker Finke verlässt den SC Freiburg am Saisonende. Die angekündigte Trennung war überfällig. Freiburgs Präsident Achim Stocker ist schuld daran, dass sie nicht stilvoller vonstatten gehen konnte.


Wetten, dass Bert van Marwijk am Ende der Saison nicht mehr Cheftrainer von Borussia Dortmund ist? Die Erfahrung lehrt, dass Trainer, deren Abschied schon Monate zuvor angekündigt wird, binnen kurzer Zeit rasant an Autorität verlieren. Was die Lage beim BVB mit dem SC Freiburg und Volker Finke zu tun hat? Auch dort wurde gestern einem Trainer de facto das Vertrauen entzogen. Und auch dort drückte man sich um die Grundsatzentscheidung, einem Coach in einer verfahrenen Lage entweder das unbedingte Vertrauen auszusprechen oder sich von ihm zu trennen.

Die salomonische Lösung – Finke geht am Saisonende, bekommt aber verbal den Rücken gestärkt – ist deshalb in der Konsequenz mindestens halbherzig, wenn nicht gar schizophren: Einerseits gesteht man ein, dass ein Neuanfang mit einem unverbrauchten Übungsleiter grundsätzlich unabdingbar ist. Andererseits tut man so, als sei für die gegenwärtige Spielzeit so weit alles in Ordnung. Das ist in etwa so logisch, als ob man im eigenen Haus einen Brand feststellt, die Feuerwehr aber erst einen Tag später ruft.

Im Freiburger Fall dürfte das Herumlavieren wenig mit inhaltlichen Gründen zu tun haben. Und viel mit dem – an sich ehrenwerten – Bemühen, Finke die Schmach eines Rauswurfes zu ersparen. Nur: In die unwürdige Lage, dass erst eine stundenlange Präsidiumssitzung unter starker öffentlicher Beobachtung über das Wohl und Wehe Finkes entscheiden musste, hat sich der Verein selbst gebracht. Und zwar durch Präsident Achim Stocker, der mal eben einem Radioreporter am Telefon erzählte, von einem Mann mit Finkes Verdiensten dürfe man sich eigentlich erst am Saisonende trennen. Durch diesen verbalen Amoklauf waren alle Bemühungen von Manager Andreas Bornemann mit einem Schlag ad absurdum geführt, der noch am Dienstag versucht hatte, dem angeschlagenen Trainer den Rücken zu stärken.

Der SC Freiburg, das wurde in dieser Woche erneut augenfällig, hat eben ein viel grundsätzlicheres Problem als das auf dem Trainerstuhl. Der Verein lässt es zu, dass die konzeptionell durchdachte und methodisch seriöse Arbeit der Jugendtrainer und des Managers immer mal wieder von einem Präsidenten torpediert wird, dessen Kernkompetenz darin besteht, seit 1972 zu amtieren. Man würde dem Verein wünschen, dass die Zeiten, in denen vergangene Verdienste einen Freifahrtschein bedeuten, bald endgültig der Vergangenheit angehören.

Finke hingegen hatte nicht erst seit der phasenweise Mitleid erregenden 0:4-Pleite gegen den KSC kaum noch eine Chance, sein Gesicht zu wahren. Angesichts einer seltsam gesichtslosen, labilen Mannschaft ohne jegliche Durchschlagskraft und einer zwischen Resignation, Häme und offener Feindseligkeit oszillierenden Stimmung bei weiten Teilen der Anhängerschaft musste der Verein – zumindest halbherzig – reagieren. Für Finke kann einem das durchaus Leid tun. Er wird sich vermutlich irgendwann selbst eingestehen, dass es besser gewesen wäre, im Verlauf der letzten Erstligasaison zurückzutreten. Zu diesem Zeitpunkt wurde er in Freiburg noch rückhaltlos verehrt. Heute mischt sich in den nach wie vor vorhandenen Respekt vor der Lebensleistung des dienstältesten deutschen Trainers das Unverständnis über die Starrköpfigkeit, mit der er auf Positionen beharrte, die teilweise längst von der Realität überholt waren.

Tagespolitik nicht vom Boulevard diktieren lassen

Was bleibt vom Freiburger Modell? Zunächst einmal der Weg, auf Konzepte statt auf Aktionismus zu setzen und sich die Tagespolitik nicht vom Boulevard diktieren zu lassen. Dieser Weg ist der Weg, den Finke einst vorgab. Er ist und bleibt zukunftsträchtig. Zumindest wenn die Vereinsführung das in der gestrigen Presserklärung artikulierte Vorhaben umsetzt, "gemeinsam mit Volker Finke die Nachfolge in der sportlichen Leitung für die kommende Saison zu planen und sie mit der dem SC Freiburg gemäßen Sorgfalt in die Tat umzusetzen."

Man kann der sportlichen Leitung in der Tat zutrauen, dass sie die im Fanforum geforderten Feuerwehrmänner wie Peter Neururer und Winnie Schäfer ihrem Schicksal überlässt, und in aller Ruhe nach Trainern Ausschau hält, die sich ein eigenständiges Profil im Bereich der Nachwuchsförderung und des Konzeptfußballs erarbeitet haben. Auch in den Pfullendörfern oder Aalens der Republik haben die Trainer ein Telefon. Wenn sich Finke mit seinem unbestrittenen Sachverstand an der Suche nach den jeweiligen Handynummern beteiligt, aber tatsächlich bereit ist, allmählich die Zügel aus der Hand zu geben, bleibt jedenfalls mehr von seinem Erbe erhalten, als wenn er weiter auf seinem Stuhl klebt.

Solch eine Suche muss nicht bis zum kommenden Sommer dauern. Das wusste sicher auch das Freiburger Präsidium, als es die gestrige Presseerklärung verfasste. Insofern könnte der gestrige Formelkompromiss Finke doch noch einen würdigen Abgang bescheren. Ein Trainer, der am Ende einer bemerkenswerten Laufbahn einem geistigen Schüler den Weg nach oben ebnet, hätte sich jedenfalls endgültig den Respekt gesichert, der ihm aufgrund seiner Lebensleistung zusteht. Und dem mutmaßlichen Schicksal des Bert van Marwijk wäre er damit ohnehin entkommen.



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