Fjørtoft-Interview "Magath und ich hatten viel Spaß"

Jan Åge Fjørtoft hat mit seinem Humor die deutschen Fans verzaubert und dank eines unvergessenen Tores Frankfurt vor dem Abstieg gerettet. Im RUND-Interview spricht der Norweger über seinen Ex-Coach Felix Magath, neue Sitten im Fußball und seinen Spaß am Fernsehen.


Frage: Herr Fjørtoft, haben Sie eine Erklärung, warum Sie in Deutschland immer noch so beliebt sind?

Fjørtoft: Ich war immer ehrlich und habe meine Meinung gesagt. Das ist im Ausland einfacher. In Norwegen war ich als Querulant verschrien. Alle Norweger sollen zusammenhalten und ja nicht aus der Reihe tanzen. Ich will immer Spaß haben, das passt dann manchmal nicht zusammen. Spaß ist aber kein Schlendrian! Ich hoffe, wenn ich morgens aufwache, dass ich am Tag zwei- oder dreimal ordentlich lachen kann.

Frage: Wie war es in Ihrer Bundesliga-Zeit?

Fjørtoft: Für mich war es einfach in Deutschland. Dort wird ja erwartet, dass Fußballer etwas zur Nahost-Friedenskonferenz sagen. Aber wir haben doch nur Fußball gespielt! Deswegen haben sich die Reporter gefreut, wenn ich freundlich war und mal etwas Lustiges gesagt habe. Man kommt ganz weit mit einem Lächeln. Fußball und Lächeln, das sind die beiden Weltsprachen.

Frage: Ihr Ende in Frankfurt war unschön, Trainer Felix Magath ließ Sie auf der Bank schmoren.

Fjørtoft: So schlimm war das gar nicht. Wir hatten viel Spaß miteinander. Ich bin mit ihm in den Wald gelaufen und rückwärts, ohne atmen zu können, wieder rausgekommen. Wir haben viel gelacht, wahrscheinlich, weil ich ein älterer Spieler war. Ich habe Magaths Disziplin mit nach Lillestrøm genommen, kombiniert mit Humor. Wir sollten alle viel mehr lachen. Gut, wir müssen zwei Stunden laufen oder dreimal am Tag trainieren, aber wir sollten Spaß dabei haben ...

Ex-Frankfurter Fjørtoft: "Seinen eigenen Kopf haben"
DPA

Ex-Frankfurter Fjørtoft: "Seinen eigenen Kopf haben"

Frage: ... aber ...

Fjørtoft: ... die deutschen Trainer sagen nach einem 5:0: "Jetzt kommt das nächste schwere Spiel." Man muss sich doch mal freuen dürfen! Das fällt auch unserem Trainer Uwe Rösler schwer. Vergangenes Jahr haben wir gegen den Lokalrivalen Valerenga gewonnen, ein großer Sieg. Uwe wollte gleich nach dem Spiel nach Hause gehen. Da habe ich gesagt: "Du gehst ins Clublokal zu den Fans und Sponsoren. Morgen kannst du wieder arbeiten."

Frage: Lillestrøm SK, der Verein, bei dem Sie Manager sind, ist als Mitfavorit in die Meisterschaft gestartet und steht weit oben. Wie haben Sie das geschafft?

Fjørtoft: Als Rösler und ich 2004 anfingen, war der Verein mit drei Millionen Euro im Minus. Da konnte man nichts entwickeln. Im ersten Jahr mussten wir Geld einsammeln, um ein Fundament zu schaffen. Das haben wir geschafft. Wir haben jetzt einen der besten Kader in Norwegen und sind schuldenfrei. Nun kommt Phase zwei. Mit meinem Chef, der die Rechnungen zahlt, rede ich ein- bis zweimal am Tag. Er lässt mir alle Freiheiten. Hier ist es ja eine Kunst, eine Mannschaft zu bauen: Wir haben immer 22 Mann, die woanders hinwollen - ins Ausland.

Frage: Sportlich läuft es, seit Kontinuität da ist.

Fjørtoft: Das ist richtig. Wir waren 2005 nur vier Punkte hinter dem Meister, standen im Pokalfinale. Jetzt sind wir vorn dabei. Einige sehen uns als Mitfavorit auf die Meisterschaft. Für meinen Boss ist es kein Ziel, Geld zu verdienen. Er hat doch genug davon. Er ist erfolgreicher Bauunternehmer, 60 Jahre alt. Mein Vorbild ist der FC Bayern München: Dort identifizieren sich alle Verantwortlichen voll mit dem Club, haben jahrelang dort gespielt. In Lillestrøm hat der Aufsichtsratschef 500 Spiele für den Club gemacht, der Chef des e.V. auch. Ich habe hier gespielt, Rösler und der Assistent Gunnar Halle auch.

Frage: Sie streiten viel mit Rösler. Warum?

Fjørtoft: Nicht eine Sache auf der Welt wurde durch ewige Einigkeit aufgebaut. Wenn Uwe kommt und sagt A, dann sage ich: Warum nicht B? Er soll seinen eigenen Kopf haben und sich nicht von mir beeinflussen lassen. Wir haben aber einen guten Weg miteinander gefunden: Wir reden deutsch, aber manchmal zwei Tage lang gar nicht miteinander.

Frage: Ist der Deutsche Rösler ein besonderer Coach für Norwegen? Viele Einheimische hätten seinen Job gern gehabt.

Fjørtoft: Der norwegische Fußball wandelt sich gerade enorm. Meine Generation ist die, die in den neunziger Jahren große Erfolge mit der Nationalmannschaft hatte. Jetzt ist die ganze Tippeliga, die oberste Spielklasse, mit meiner Generation in den verantwortlichen Positionen aufgefüllt. Meine alten Zimmerkameraden sind überall. Uwe passt da gut rein.

Frage: Wie reagieren die alten Funktionäre in Verband und Vereinen auf die neue Generation in Verantwortung?

Fjørtoft: Ich bin wirklich froh, dass meine Generation in der Liga das Ruder übernimmt. Wir wollen den Fußball rasch weiterentwickeln. Wir sind nicht wie die altmodischen Vereins-Leader, die mit einer Gratisreise zu einem Europapokalspiel beim FC Liverpool zufrieden waren. Wir sind 24 Stunden am Tag leistungsorientiert. Auch in Norwegen ist der Fußballverband selbstherrlich wie in Deutschland, hier wie dort sitzen Feinde des Fortschritts. Hier ist die Liga ja noch dem Verband untergeordnet. Wir erfahren von Regeländerungen aus E-Mails. Man arbeitet nicht miteinander. Aber die Unabhängigkeit der Liga wird kommen.

Frage: Wo sehen Sie Ihre Zukunft?

Fjørtoft: Ich arbeite als Moderator der Champions-League-Sendung im norwegischen Fernsehen bei Viasat. Wenn ich meine Ziele in Lillestrøm erreicht habe, werde ich weiter beim Fernsehen arbeiten. Das Fußballgeschäft finde ich lustig, aber Fernsehen ist noch lustiger. Das ist im Grunde ja keine richtige Arbeit, sondern Spaß.

Die Fragen stellte Frank Heike



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