FK Bodø/Glimt vor Titelgewinn in Norwegen Der neue Hipster-Klub im Weltfußball

Vor der Saison tippten sogar die eigenen Fans auf den Abstieg des norwegischen Erstligisten FK Bodø/Glimt: wenig Budget, die besten Spieler weg, ein böser Fluch. Und jetzt? Fehlt noch ein Punkt zur Meisterschaft.
Glimts Ola Solbakken jubelt nach seinem 3:2-Siegtreffer gegen Rekordmeister Trondheim

Glimts Ola Solbakken jubelt nach seinem 3:2-Siegtreffer gegen Rekordmeister Trondheim

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Marius Simensen / imago images / Bildbyran

Aasmund Bjørkan redet sich in einen minutenlangen Rausch, Nachfragen unmöglich. Immer wieder zählt der Sportdirektor die Bestmarken auf, die sein Team in dieser Saison aufstellen wird: die meisten Siege, die meisten Tore, die meisten Punkte. »Wir werden jeden Rekord brechen«, sagt Bjørkan dem SPIEGEL.

Es ist die Woche seines Lebens. Ein Punkt fehlt seinem Heimatverein FK Bodø/Glimt noch zur ersten Meisterschaft der Klubgeschichte. An diesem Wochenende könnte es so weit sein, sechs Spieltage vor Saisonende.

Bodø, eine Fjordstadt nördlich des Polarkreises, ist schon geografisch ein Außenseiter. 2017 gelang Glimt – »Blitz« auf Norwegisch – der Wiederaufstieg in die erste Liga, 2019 wurde man Überraschungszweiter. Jetzt avanciert der Low-Budget-Verein endgültig zum Hipster-Klub des Weltfußballs. Taktik-Blogs singen Elogen auf die Mannschaft , die DFB-Akademie preist die Spielweise , und die »New York Times« bezeichnet Glimt als »Must-See Team« . Es scheint, als sei die Fußballhauptstadt Norwegens plötzlich nicht mehr Trondheim, sondern Bodø. Was ist da passiert?

Vom Abstiegskandidaten zum Meister

»Vor der Saison haben alle gedacht, das wird nichts, die können nicht wieder so ein gutes Jahr liefern – mit so wenig Geld, ohne ihre besten Spieler. Auf dem Papier waren sie der Abstiegskandidat Nummer 1«, sagt Per Skjelbred. Jahrelang ackerte er im Mittelfeld von Hertha BSC, dem HSV und als Kapitän der norwegischen Nationalelf. Seit dieser Saison spielt der 33-Jährige wieder bei seinem Jugendverein Rosenborg Trondheim.

Eigentlich hatte Skjelbred selbst auf die Meisterschaft gehofft. »Jeder rechnet mit Rosenborg oder Molde FK«, sagt er. Die beiden Topklubs machten den ersten Platz in den vergangenen sechs Jahren unter sich aus.

Doch in dieser Saison hat ihn Bodø/Glimt begeistert: »Sie geben immer volle Pulle, die haben keine Angst. Ich dachte, dass sie es nicht durchhalten würden, so durchzumarschieren. Sie spielen wunderbaren Angriffsfußball.«

Bodø/Glimt agiert in einem offensiven 4-3-3. Die Spieler pressen extrem hoch, setzen den Gegner schon an dessen Strafraum unter Druck. Nach Ballgewinn werden die schnellen Stürmer mit Pässen nach vorn gejagt. Manche Gegner werden regelrecht überrannt: Am vergangenen Spieltag gewann Glimt 7:0. Allein in den ersten sieben Saisonspielen schoss die Mannschaft 30 Tore, derzeit steht sie bei 83 Treffern – nach 24 Spielen.

Toptransfers und hausgemachte Talente

»Wir sind wieder explodiert«, sagt Aasmund Bjørkan, 47 – Sportdirektor, Ex-Trainer, Rekordspieler und einziger Scout des Klubs in Personalunion. Derzeit bekommt er Anfragen aus aller Welt – von Medien, von Sportchefs. Die Mannschaft, die Bjørkan geformt hat, beeindruckt alle.

Die Erfolgsstory leitete Bjørkan mit seiner eigenen Demission als Trainer ein. 2017, er hatte gerade den Aufstieg als Coach geschafft, übergab er das Team an Kjetil Knutsen, seinen bisherigen Assistenten. Knutsen, bisher nur Chefcoach von unterklassigen Vereinen, brachte dem Team Ballbesitzfußball bei. Aus einer Konter-Mannschaft wurde ein »Dominanz-Team mit hoher Intensität«, wie Bjørkan Glimt bezeichnet.

Sportdirektor Aasmund Bjørkan, geboren in Bodø, ist das Gesicht von Glimts Erfolg

Sportdirektor Aasmund Bjørkan, geboren in Bodø, ist das Gesicht von Glimts Erfolg

Foto: Marius Simensen / imago images / Bildbyran

Eine Erklärung für das Märchen von Bodø ist Bjørkans Personalpolitik: Verteidiger Marius Lode, 27, holte er 2017 aus der dritten Liga, heute ist er Nationalspieler. Mittelfeldspieler Sondre Fet spielte vergangenes Jahr noch in der zweiten Liga; kennengelernt hat Bjørkan ihn und seinen Berater im Thailandurlaub. Oder Philip Zinckernagel, 25, der vor zwei Jahren aus Dänemark kam und in 22 Spielen bereits 33 Scorerpunkte verbuchte. Außenseiter für einen Außenseiterklub.

Dazu kommen Talente aus der eigenen Nachwuchsabteilung, sie stellen rund die Hälfte des Kaders. Patrick Berg und Ulrik Saltnes etwa, das Herzstück des Mittelfelds, oder Bjørkans Sohn Fredrik, ein Linksverteidiger. Diese Saison verkaufte man den selbst ausgebildeten Angreifer Jens Petter Hauge für fünf Millionen Euro an die AC Mailand. Er spielte in der Europa-League-Qualifikation gegen die Italiener so gut, dass diese ihn eine Woche später verpflichteten.

Der Fluch der guten Saison

Mit dem aktuellen Höhenflug hat Bodø einen Fluch gebrochen. Normalerweise, so erzählen es sich die Glimt-Fans, folgt nach einer guten Saison eine miserable. 2004 war das so, nach der Vizemeisterschaft hielt Bodø nur knapp die Klasse, ein Jahr später stieg man ab. 2009 ging es in die zweite Liga nach einem guten vierten Platz im Vorjahr.

Auch wegen dieser Historie rechneten viele Anhänger mit einem Abstieg in dieser Saison. Sie sind die Achterbahnfahrten dieses Underdogs gewohnt, der erst seit gut 50 Jahren überhaupt in der ersten norwegischen Liga spielen darf.

Erst Anfang der Siebzigerjahre öffnete sich die höchste Spielklasse für Mannschaften aus dem Norden. Offiziell galten die Distanzen, die langen Fahrten als Ausschlusskriterium – allein Oslo liegt fast 1200 Kilometer entfernt.

Glimt-Fans während des Derbys gegen den nordnorwegischen Konkurrenten Tromsø

Glimt-Fans während des Derbys gegen den nordnorwegischen Konkurrenten Tromsø

Foto: Jon Olav Nesvold / imago images / Bildbyran

Aber es gab traditionell auch Vorbehalte gegen Menschen aus Nordnorwegen: Fischer, Bauern, einfache Leute. Wenn sie in den Süden gingen, vertuschten die Nordländer ihren Akzent, um Jobs oder Wohnungen zu bekommen. Sie waren verschrien als Alkoholiker, bekannt für schlüpfrige Witze. Nur drei Vereine aus Nordnorwegen spielten nach der Öffnung bislang überhaupt in der ersten Liga.

»Wir wurden wie ein unterentwickelter Stamm betrachtet«, sagt Bjørkan. Heute lacht er darüber. Gleich in der Premieren-Erstliga-Saison holte Glimt den Vizetitel, 1975 den norwegischen Pokal. Für die Region ein riesiger Image-Gewinn.

Stadt und Verein auf Kurs Europa

Heute existieren die Vorurteile nicht mehr.

2016 wurde Bodø zur attraktivsten Stadt Norwegens gekürt – jene Stadt, die im Zweiten Weltkrieg so stark zerstört wurde wie keine andere im Land. 2024 wird Bodø Europäische Kulturhauptstadt sein.

Eine Stadt wird hip, ihr Verein auch. 400 Bewerbungen bekam Bjørkan, als die Jugendakademie jüngst einen Trainer-Posten ausschrieb.

Er denkt schon wieder groß. Der Fluch der guten Saison ist besiegt, aber Bjørkan weiß, dass er wieder seine besten Spieler verlieren wird. Topscorer Zinckernagel hat gerade den Alaba-Berater Pini Zahavi engagiert. Es droht mal wieder ein Neuaufbau in Bodø.

Die Ziele für das nächste Jahr? Bjørkan holt Luft. Die Champions-League-Gruppenphase. Und: »Das stärkste Glimt-Team der Geschichte.«

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