Fluchtpunkt Türkei Daums Suche nach dem Glück

Mit Fenerbahce Istanbul strebt Christoph Daum erneut den nationalen Meistertitel an. In der Champions League läuft es hingegen nicht, die Fans murren. Daum kokettiert damit, den Club zu verlassen. Aber er braucht die Bühne Türkei. Wo sollte er sich sonst für höhere Aufgaben empfehlen?

Von Tobias Schächter, Istanbul


Trainer Daum (l.) und Clubchef Yildirim: "Freundschaften kommen und gehen"
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Trainer Daum (l.) und Clubchef Yildirim: "Freundschaften kommen und gehen"

Es ist kalt im Inönü-Stadion. Ein regnerischer Novemberabend. Zum U21-Länderspiel zwischen der Türkei und der Ukraine haben sich nur 3000 Zuschauer im Stadion von Besiktas Istanbul eingefunden. In der riesigen Arena ist fast jedes Wort der Spieler zu hören. Oben, in der letzten Reihe der Pressetribüne, lacht einer laut und oft. Ein kleiner Mann, so dick, dass er kaum in den Sitz passt. Er ist Anfang 30 und Journalist bei einer täglich erscheinenden Sportzeitung. Einer mit großen Bildern und kleinen Texten. "Das alles ist doch nur ein Spiel", doziert er. "Klar, wir sind hart", fügt er hinzu und beißt in eine Pistazie, "aber es hat sich noch keiner beschwert, wenn wir positiv schreiben." Er lacht. "Mit Christoph Daum haben wir viel Spaß gehabt, die Meisterschaften mit Besiktas und Fenerbahce waren toll." Aber die Zeiten ändern sich, sagt der breite Mann vom Boulevard. "Freundschaften kommen und gehen." Er sagt diesen Satz so beiläufig, als spräche er vom Wetter. "Daum war einmal ein guter Freund, er ist es nicht mehr."

Im Sükrü-Saracoglu-Stadion ist es warm. Der Sommer ist kurzzeitig zurück in Istanbul, an diesem Freitagabend im Dezember. Tabellenführer Fenerbahce gewinnt mit 5:0 gegen Ankaragücü. Der souveräne Spitzenreiter der türkischen Süper Lig hat leichtes Spiel. Daum, Coach von "Fener", wie die Fans ihren Club nennen, ist gut gelaunt. Angriffslustig verkündet er: "Das größte Risiko hier für mich ist eine Pressekonferenz zu überleben, ohne falsch verstanden zu werden." Er grinst. Michael Kus, einer seiner Co-Trainer, übersetzt für die türkischen Journalisten. Niemand grinst. "Das war nur ein Scherz", bemerkt Daum schnell, "ein Scherz." Lachen will außer ihm aber trotzdem keiner.

Geläuterter Daum: "Bundestrainer werde ich nicht mehr"
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Geläuterter Daum: "Bundestrainer werde ich nicht mehr"

Daums Verhältnis zur türkischen Presse ist gestört. Seit Wochen vergeht kein öffentlicher Auftritt, ohne dass er nicht über "gemeingefährliche Unwahrheiten und Lügen" klagt. In den "Geschichten aus 1001 Nacht" liege mehr Wahrheit als in den meisten türkischen Presseberichten, pflegt er zu sagen. "Daum muss verrückt geworden sein", schrieb das Krawallblatt "Fanatik" nach der 1:3-Heimpleite gegen Lyon in der Champions League. Doch es seien nicht persönliche Beleidigungen, die ihn ärgern, beteuert Daum. Der 51-Jährige stört sich an reißerischen Geschichten wie dieser: Nach dem Lyon-Spiel wurde die Meldung verbreitet, der Trainer des Erstligisten Rizespor fordere die Entlassung aller ausländischen Coaches. "Die bringen sowieso nichts", wurde er zitiert. Der besagte Trainer versicherte jedoch am nächsten Tag, dies nie gesagt zu haben. "Frei erfunden", kritisiert Daum. Früher nahm es auch Daum mit der Wahrheit nicht so genau: Er leugnete lange, gekokst zu haben, ehe er doch überführt wurde.

Am Morgen nach dem Spiel gegen Ankaragücü veranstaltet Daum mit den Ersatzleuten und den besten Jugendspielern des Clubs ein Schautraining. In Samandira, weit im Osten Instanbuls, fast schon Irak, wie gerne gewitzelt wird - eine trostlose Gegend. Aber einmal täglich rollen hier die Nobelautos der Fenerbahce-Profis über die staubigen Pisten zum Trainingszentrum. Heute sind 27 Mann vom Bund Deutscher Fußballlehrer da, Gruppe Nordost. Die Gäste bilden sich fünf Tage lang beim türkischen Meister fort. Daum gibt sich volksnah. Jedem Kursteilnehmer hat er einen Trainingsplan mit schriftlichen Erklärungen der Übungen zukommen lassen, am Ende werden alle zum Essen eingeladen. Besessen kommentiert Daum die Aktionen der Spieler. Die Nachwuchstrainer aus Berlin und Brandenburg sind begeistert. Daum sammelt Punkte an der deutschen Basis. Im Leben des Fußballtrainers geht es seit der "Sache damals" (Daum) vor allem um eines: Glaubwürdigkeit.

Fener-Profis Sanli (unten) und Aslan: Für die Champions League zu schwach
DPA

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Als in der chaotischen Diskussion über einen Nachfolger des zurückgetretenen DFB-Teamchefs Rudi Völler auch sein Name lanciert wurde, musste Daum feststellen, dass er in großen Teilen der deutschen Öffentlichkeit weiterhin ein Paria ist: Nicht vermittelbar. Ihm ist klar, dass er seinen größten Traum vergessen kann: "Bundestrainer werde ich nicht mehr." Neue Heimat Istanbul? Daum, der Mann, der gerne von "Wir" spricht, wenn er die Türkei meint, nehmen sie sein Bekenntnis zum Land nicht ab. Daum wolle die Türkei nur als Sprungbrett benutzen, heißt es immer wieder. Er polarisiert, eckt an, hat Feinde bei Presse und im eigenen Präsidium. Aber er hat einen wichtigen Verbündeten in diesem bizarren Spiel am Bosporus: Fener-Boss Aziz Yildirim.

Es vergeht keine Pressekonferenz, bei der sich die beiden wichtigsten Figuren des meistgehassten Vereins des Landes nicht gegenseitig bauchpinseln. Daum formte aus den Trümmern seines Vorgängers Werner Lorant eine Meistermannschaft. Das schweißt zusammen. Yildirim, 52, will Fenerbahce zu einem "Verein der Weltklasse" machen. Das will auch Daum, der noch nie Angst vor großen Zielen hatte. Yildirim ist ein steinreicher Bauunternehmer, die Familie des kleingewachsenen Mannes ist schon lange im ganz großen Geschäft. Nach dem Nato-Beitritt der Türkei angelten sich die Yildirims viele Aufträge zum Bau neuer militärischer Einrichtungen. Bei Fenerbahce steckte Yildirim viel Geld ins neue Stadion. Die letzte der vier Tribünen wird demnächst renoviert. Die imposante Arena in Kadiköy, auf der asiatischen Seite der Metropole, ist der Stolz der Fans. Auf 50 Millionen Euro schätzen Insider den Jahresetat, es ist der größte in der Türkei. Aber ein Klacks im Vergleich zur Konkurrenz aus der Champions League. Der heutige Gegner zum Abschluss der Vorrunde, Manchester United, machte im Sommer 37 Millionen Euro locker, nur um sich die Dienste des Jungstars Wayne Rooney zu sichern.

Beobachter Daum (Mitte): "Dinge anstoßen, Leute mitnehmen"
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Beobachter Daum (Mitte): "Dinge anstoßen, Leute mitnehmen"

2007 wird der Fenerbahce Spor Kulübü, der jüngste der drei großen Istanbuler Vereine, 100 Jahre alt. Ein Jubiläum, zu dem der Potentat Yildirim seinen Club auf Augenhöhe mit den ganz Großen sehen will. Daum hat sein altes Team um sich geschart, Eike Immel ist Torwarttrainer, Roland Koch Assistent. Auch die Sprüche kommen einem bekannt vor. "Ich will Dinge anstoßen, die Leute mitnehmen. 2007 streben wir das Finale der Champions League an. Wenn es früher klappt, haben wir natürlich nichts dagegen." Die Gegenwart ist trister: Fenerbahces Aus in der Vorrunde der europäischen Eliteklasse nagt am Selbstbewusstsein der Fans. Daum hatte hohe Erwartungen geweckt, nun ist er der Sündenbock. Es reicht nicht mehr, im Uefa-Cup weiterzuspielen.

Doch noch hält sich Daum. Sein Vertrag mit Option bis 2006 läuft nächsten Sommer aus. Launig fügte er jüngst hinzu, er werde sich Gedanken machen. Spätestens am Ende der Saison. Fenerbahces Präsident Yildirim hofierte den Deutschen zuletzt in nie gekannter Weise: "Wir werden Daum alles zu Füßen legen, um seinen Vertrag bis 2007 zu verlängern. Er ist einer der besten Trainer der Welt." Die nächste Runde in dieser schwer zu durchschauenden Geschichte ist also eröffnet. Vier Jahre ist "die Sache" jetzt her. Daum, der bald zum vierten Mal Vater wird, spricht gerne von Aufbauarbeit. Er leistet sie vor allem auch für sich. Um in einem Atemzug mit den ganz großen Trainern genannt zu werden, genügen Meisterschaften in Österreich und der Türkei nicht. Er weiß das, es wurmt ihn.

Noch immer regnet es an jenem Novemberabend, als die türkische U21 die Ukraine mit 1:0 besiegt. Der Zeitungsreporter aus der letzten Reihe der Pressetribüne ist noch am Palavern. "Wir ändern uns nicht", lautet eine seiner Weisheiten, "auch Daum spielt das Spiel. Früher oder später wird er feststellen: Die Presse in Spanien, England oder Italien ist auch kein bisschen anders als die in der Türkei." Dann quält sich der massige Mann langsam aus seinem Sessel und verlässt das Inönü-Stadion. Das Spiel läuft weiter, noch kein Schlusspfiff.



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