Flügelflitzer Odonkor Glücklicher Gewinner der Nominierungs-Lotterie

Er war Streichkandidat Nummer eins und ist trotzdem bei der EM dabei: David Odonkor gehört trotz einer mäßigen Saison bei Betis Sevilla ebenso zum DFB-Aufgebot wie Oldie Oliver Neuville. Das Duo hatte bei der WM in Deutschland schon einmal für Furore gesorgt.

Von Cathrin Gilbert


Eigentlich galt David Odonkor als sicherer Streich-Kandidat bei Joachim Löws Casting-Show auf Mallorca - aber als er gestern Abend im Testspiel gegen Weißrussland das 2:0 vorbereitete, wurden beim Bundestrainer offenbar die WM-Erinnerungen wach: Es ist die 92. Minute des Vorrundenspiels 2006 gegen Polen in Dortmund. Angetrieben von mehr als 80.000 Zuschauern flitzte Odonkor die rechte Außenlinie entlang, passte den Ball scharf nach innen und riss die Arme nach oben. Oliver Neuville hatte seine Vorlage zum entscheidenden 1:0 verwandelt, Deutschland war damit sicher für das Achtelfinale qualifiziert.

"Ich wollte die Trainer unbedingt von meiner Form überzeugen, als ich erfuhr, dass ich zur Startelf gehöre", sagte Odonkor nach dem Spiel gegen Weißrussland und lächelte, als ob er da schon wusste, dass er sich mit dieser Einstellung unter die 23 EM-Teilnehmer gespielt hat.

Wenige Stunden nach der Rückkehr der DFB-Auswahl ins Trainingslager auf Mallorca war die erste EM-Teilnahme des Spanien-Legionärs dann Gewissheit. Bei der offiziellen Mannschaftsbesprechung, die laut HSV-Profi Piotr Trochowksi um 11.30 Uhr stattfand, gab Löw den endgültigen Kader für das Kontinental-Turnier bekannt.

Trotzdem ist der 24-Jährige, genau wie vor der WM 2006, ein glücklicher Gewinner der Nominierungs-Lotterie. Denn wirklich überzeugen konnte der Profi von Betis Sevilla, bis auf die Torvorlage, auch im vorletzten EM-Testspiel nicht. Der Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen wirkte weder spritzig, noch austrainiert und verlor zudem zahlreiche Zweikämpfe.

In der abgelaufenen Saison absolvierte er 20 Spiele für Betis und schoss dabei lediglich ein Tor. Nur bei neun Partien stand der ehemalige Dortmunder von Beginn an auf dem Feld. Torvorlagen? Fehlanzeige. Einer der Gründe für die dürftigen Leistungen dürfte die Knieoperation Ende des vergangenen Jahres gewesen sein.

In den kommenden Tagen auf Mallorca werden die DFB-Trainer Extraschichten mit Odonkor schieben, um ihn körperlich fit zu trimmen. Schließlich sagt Bundestrainer Joachim Löw, dass Odonkor neben Clemens Fritz und Piotr Trochowski eine gute Alternative für den verletzten Bernd Schneider im rechten Mittelfeld sei. Für einen Stammplatz in der EM-Startelf wird es trotzdem nicht reichen. Löw sieht in ihm den goldenen Joker, der beim Auftaktspiel der Deutschen gegen Polen am 8. Juni (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) die entscheidende Flanke zum Siegtreffer schießen soll.

Dann könnte auch WM-Torschütze Oliver Neuville wieder zum Helden werden. Denn Bundestrainer Löw gab auch dem 35-Jährigen den Zuschlag für die EM-Teilnahme, weil er ebenso wie Odonkor "besondere Qualitäten" habe, "durch die wir besser variieren können", so Löw.

Für den ältesten Feldspieler der deutschen Mannschaft geht damit ein ganz besonderer Traum in Erfüllung, nachdem der Angreifer bereits vor den Europameisterschaften 2000 und 2004 im letzten Moment aus dem Kader gestrichen wurde. Sogar Kapitän Michael Ballack machte sich bis zuletzt für den Gladbacher stark: "Bei Oliver Neuville wissen wir, was wir haben. Er hat bei Turnieren mehrfach bewiesen, dass er uns mit Toren und spielentscheidenden Aktionen helfen kann."

Doch es gibt noch einen ganz besonderen Grund, warum sich Neuville auf die Europameisterschaft freut: "Ascona ist meine Heimat, dort habe ich 18 Jahre gelebt. Meine Mutter und meine Schwester wohnen dort, mein elfjähriger Sohn geht dort zur Schule", sagt der Borussia-Kapitän, der mit der DFB-Auswahl ab dem 3. Juni im Quartier Il Giardino am Lago Maggiore, nur ein paar Kilometer entfernt von seinem Geburtsort Locarno im Tessin, residiert.



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