Flugangst bei HSV-Profi "Guerrero soll sich wegbeamen"

Über ein Dutzend Mal ist Paolo Guerrero von Südamerika nach Deutschland geflogen. Jetzt sitzt der HSV-Stürmer in Peru fest. Dreimal hat er den Flieger in die Heimat aufgrund von Flugangst verlassen. Während die Fans rätseln, gibt ein Therapeut bei SPIEGEL ONLINE Tipps für den Rückflug.

HSV-Stürmer Guerrero: Panisch in Peru
dpa

HSV-Stürmer Guerrero: Panisch in Peru

Von


Flugangst oder faule Ausrede? Mit dieser Frage beschäftigen sich die Verantwortlichen des Hamburger Sport-Vereins. Stürmer Paolo Guerrero sitzt derzeit in seinem Heimatland Peru fest. Eigentlich sollte der Nationalspieler seine Rehabilitationsmaßnahmen nach einem Kreuzbandriss in Hamburg fortsetzen. Dreimal habe er versucht, in einen Flieger zu steigen, dreimal sei er wieder ausgestiegen, bestätigt HSV-Pressesprecher Jörn Wolf. "Es liegt aber nicht in meinem Kompetenzbereich, dies weiter zu bewerten", so Wolf zu SPIEGEL ONLINE.

Guerreros Flugangst brach zum ersten Mal am 20. August 2009 aus. Der Charterflieger des HSV hatte damals auf dem Weg zum Europa-League-Spiel Hydraulikprobleme und musste in Paris notlanden. Einige HSV-Profis reagierten geschockt. Dennoch bestritt Guerrero nach diesem Zwischenfall noch einige Langstreckenflüge. Beispielsweise zum WM-Qualifikationsspiel gegen Venezuela (1:3). In der Partie am 10. September 2009 erlitt er seinen Kreuzbandriss. Weitere zwei Male überwand Guerrero die 15 Stunden zwischen Peru und Deutschland per Flugzeug. Doch der Transport am Himmel ist offenbar für ihn zur Hölle geworden.

Der HSV hat mittlerweile reagiert und seinen Teammanager Marinus Bester nach Lima geschickt. Dieser soll sich vor Ort ein Bild von der Situation machen, wie schlimm es um Guerrero wirklich steht. Bester ist ehemaliger Stürmer und verfügt über keine psychologische Ausbildung. Im Gegensatz zu Dieter Schiebel.

Experte: "Die Angst kann wirklich so groß werden"

Der Flugangstexperte litt bis zu seinem 20. Lebensjahr selber unter Aviophobie - so lautet der Fachbegriff für die Angst über den Wolken. Dann überwand er die Barriere in seinem Kopf. Seit 30 Jahren betreut Schiebel Flugangstpatienten. Der Dozent für Stressbewältigung bei Air Berlin kann Guerreros plötzliche Flugangst durchaus nachvollziehen. "Die Angst macht die verrücktesten Dinge mit einem", sagte Schiebel SPIEGEL ONLINE.

Er glaubt nicht daran, dass Guerrero simuliert, um seine Reha im sonnigen Südamerika fortzusetzen. "Die Angst kann wirklich so groß werden, dass man das Flugzeug wieder verlässt, obwohl man bereits angeschnallt ist. Da steigt dann eine regelrechte Panik in einem hoch", sagt Schiebel und macht dem HSV wenig Hoffnung auf eine schnelle Lösung des Problems: "Es gibt in so einem Fall keine schnelle Hilfe. Man muss diese Menschen wieder in die Realität zurückholen", so Schiebel. Dies ginge nur mit psychologischer Unterstützung.

500 Millionen Menschen weltweit betroffen

Eine Notlösung hat Schiebel dann doch noch parat: "Herr Guerrero könnte sich für diesen einen Flug wegbeamen - mit einem starken Psychopharmaka. Das bekämpft allerdings keinesfalls die Ursachen", warnt der 62-Jährige. Diese Variante lehnte Guerrero allerdings bereits ab. Zuletzt zogen die HSV-Verantwortlichen sogar eine Schiffsreise in Betracht. Allerdings würde der Profi für die 10734 Kilometer nach Deutschland (Luftlinie!) rund dreieinhalb Wochen brauchen. Schwer vorstellbar, dass er seine Reha-Maßnahmen wie geplant durchführen könnte, um am Saisonende vielleicht doch noch das ein oder andere Spiel für die Rothosen zu absolvieren.

Damit wird die Ausgangsposition für eine Vertragsverlängerung des ehemaligen Bayern-Angreifers, der in den ersten vier Saisonspielen vier Tore erzielt hatte, nicht gerade besser. Der Vertrag des 26-Jährigen läuft Ende der Saison aus. Zudem haben die Hamburger mit Ruud van Nistelrooy einen echten Stürmer-Star verpflichtet. "Seine Verhandlungssituation hat sich grundsätzlich verändert", sagte Vereinsvorsitzender Bernd Hoffmann.

Immerhin ist Guerrero mit seiner Angst nicht alleine. Laut einer Lufthansa-Studie leiden ein Drittel aller Passagiere an der Krankheit, die von Unwohlsein bis zu panischer Angst reicht. Das sind weltweit immerhin über 500 Millionen Menschen jährlich.



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
smilesuomi 26.01.2010
1. Ahoi
Zitat von sysopDutzende Male ist Paolo Guerrero von Südamerika nach Deutschland geflogen. Jetzt sitzt der HSV-Stürmer in Peru fest. Dreimal hat er den Flieger in die Heimat aufgrund von Flugangst verlassen müssen. Während die Fans rätseln, gibt ein Therapeut bei SPIEGEL ONLINE Tipps für den Rückflug. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,674174,00.html
dann soll er halt Boot fahren ;-D
number12, 26.01.2010
2. Jaja ...
Wer den Schaden hat ... Ist schon interessant zu sehen, wie jemand, der auf Biegen und Brechen versucht, einer der bestbezahlten HSV-Profis zu werden, jetzt seine Vertragsberhandlungen mit anderen Vereien gestalten will. Ich denke, nun hat er sich komplett verzockt. Mir ist klar, dass man gegen Panik-Attacken nichts machen kann. Nur seinen Spitznamen werden sie wohl bald von "Kleiner Krieger" in "Großer Flieger" umändern ;-) Irgendein dänischer Zweitligist wird wohl mit seiner Flugangst klarkommen, aber nicht die Vereine, von denen er so geträumt hat ...
herrbausa 26.01.2010
3. Wegbeamen
Ich kann das Problem Paolo Guerreros gut nachvollziehen. Auch ich habe wahnsinnige Flugangst; auch bei mir brach diese nach einem Beinahe-Unglück aus; und auch bei mir dauerte es nach dem Vorfall einige Zeit und einige Flüge, bevor sich diese Angst erstmals (urplötzlich) manifestierte. Danach habe ich mich lange Zeit vor jedem Flug mit Pillchen "weggebeamt", und kann das nur empfehlen. Nicht nur, daß man dadurch wieder in die Lage versetzt wird, mit dem Flugzeug zu reisen, sondern die Angst wird auch von Mal zu Mal geringer, durch schiere Gewöhnungseffekte. Zunächst reduzierte ich regelmäßig die Dosis, und mittlerweile verzichte ich meistens sogar gänzlich auf die Pillchen. Nach meiner Erfahrung ist es in einer Situation wie der von Guerrero das Wichtigste, so schnell wie möglich wieder zu fliegen. Je länger man wartet, desto höher die Hürde, desto größer die Angst. In diesem Sinne: Beam him up, Dieter!
tc10 26.01.2010
4. "wegbeamen"?
Zitat von sysopDutzende Male ist Paolo Guerrero von Südamerika nach Deutschland geflogen. Jetzt sitzt der HSV-Stürmer in Peru fest. Dreimal hat er den Flieger in die Heimat aufgrund von Flugangst verlassen müssen. Während die Fans rätseln, gibt ein Therapeut bei SPIEGEL ONLINE Tipps für den Rückflug. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,674174,00.html
Um trotz Flugangst fliegen zu koennen muss man sich nicht "wegbemeanen", ein niedrig dosiertes Medikament aus der Gruppe der Benzodiazepine reicht in der Mehrzahl der Faelle aus, um fuer 6-8 Stunden ruhig und angstfrei zu fliegen. Sollte der Flug laenger dauern, wird eine zweite Dosis eingenommen. Man wundert sich doch oefter, dass ein serioese Zeitung wie
tc10 26.01.2010
5. "wegbeamen2"
dass ein serioese Zeitung wie DER SPIEGEL nicht vor Veroeffentlichung eines solchen Artikels mal einen Arzt fragt, wie eine effiziente und vertraegliche Angsttherapie funktioniert. wahrscheinlich waere der Artikel wohl nicht so reisserisch schreibbar gewesen....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.