Football@home Aufstand der alten Männer

"Football@home" - die wöchentliche Fußball-Kolumne von der Insel bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Wie der überaus erfolgreiche Geschäftsführer des englischen Fußballverbandes der Rebellion greiser Vereinsfunktionäre zum Opfer fiel.

Von Adrian Schimpf


ZUR PERSON
Adrian Schimpf ist Rechtsanwalt und unterrichtet an der University of Surrey in Guildford/England als Hochschullektor des DAAD deutsches Recht. Zuvor war der 34-Jährige für die "Hamburger Morgenpost", die "Sächsische Zeitung" und die "Financial Times Deutschland" tätig. In seiner wöchentlichen Kolumne "Football@home" widmet sich der gebürtige Berliner dem Fußballgeschehen auf der Insel.

Was für ein Thriller. Der Machtkampf, der vergangene Woche den englischen Fußballverband erschütterte, schreit geradezu nach einer Hollywood-Verfilmung. Der Stoff hat alle Zutaten für einen großen Leinwanderfolg: Geld, Macht, Eitelkeit, Fehde und Freundschaft. Die Hauptfigur des Dramas heißt Adam Crozier. Der 38-Jährige war bis zum vergangenen Freitag Chief Executive der Football Association - und zwar der beste, den die FA je hatte. Und genau das war Croziers Problem: Er war einfach zu gut und einigen Herren im Fußballbusiness zu mächtig geworden. Er störte und musste weg. Aber der Reihe nach.

Im Januar 2000 verpflichtete FA-Präsident Geoff Thompson den jungen und höchst erfolgreichen Werbemanager Crozier als neuen Geschäftführer. Der Schotte ist eine Hotshot: Er schießt erst und fragt dann. Aber er ist nicht unsympathisch. Thompson offerierte dem bis dahin für die internationale Werbeagentur "Saatchie & Saatchie" tätigen Crozier eine ebenso hochbezahlte wie delikate Aufgabe: Er soll - für angeblich 900.000 Euro Jahresgehalt - aus der verzopften FA einen Verband des 21. Jahrhunderts formen. Im Vergleich zum vergreisten englischen Fußballverband war jeder Seniorentanz ein juveniles Happening.

Bereits Croziers erste Amtshandlungen waren revolutionär. Im Besucherzimmer der FA-Zentrale ersetzte er die dort üblicherweise ausliegende Zeitschrift "Pferd und Jagd" durch die Fußball-Illustrierte "Shoot!". Das Hemd trägt Crozier meist ohne Schlips. Die ersten Angestellten des bis dahin so beschaulichen FA-Hauptquartiers begannen zu ahnen, dass ihr Stündlein geschlagen hatte - und zwar, rein jobmäßig, das letzte.

Eriksson und Crozier (r.): Die schönen Tage sind vorbei
AP

Eriksson und Crozier (r.): Die schönen Tage sind vorbei

Keine zwei Jahre später nach seinem Amtsantritt brüstete sich Crozier damit, das Durchschnittsalter der FA-Belegschaft von 55 auf 32 gesenkt zu haben. 70 Prozent der alten Mitarbeiter müssen oder mussten gehen. Die Neuen verdanken Crozier den Job, die wenigen Alten, die bleiben dürfen, auch. So etwas schafft Loyalität. Die Heckenschützen sitzen woanders. Crozier musste gehen, weil er sich mit einigen Mächtigen der Premiership angelegt hatte. Weil er ihnen dahin langte, wo es wirklich weh tut: dort, wo die Brieftasche sitzt.

Crozier schaffte es, die Einnahmen der FA innerhalb von zwei Jahren zu verdreifachen. Überwiegend mit der Vermarktung der Nationalelf und deren Kickern. Als die Clubgewaltigen einiger finanziell angeschlagener Premiership-Vereine sahen, welche Summen der gewiefte Verbandsmanager für die FA herausgeschlagen hatte und wie ärmlich dagegen mitunter die eigenen Sponsorenerträge waren, wollte mancher Vereinspräsident ein dickes Stück vom Kuchen abhaben.

Arbeitgeber vorher nicht informiert

Allen voran der Boss des FC Chelsea, jenem hochverschuldeten Londoner Verein, der Geld so dringend braucht wie ein Süchtiger die Droge. Ken Bates - so heißt der klamme Clubchef - hatte ohnehin noch eine persönliche Rechnung mit Crozier offen, weil dieser ihn als Hauptbeauftragten für den Umbau des Wembleystadions wegen erwiesener Unfähigkeit abgesetzt hatte. Auch Croziers schärfste Kritiker loben ihn dafür noch heute überschwänglich. Außer Bates natürlich.

Der Chelsea-Boss sah seine Chance zur Rache gekommen, als Crozier jene ertragreichen Sponsorenverträge für die FA abschloss, in denen es auch um die Teilnahme von Nationalspielern an Werbeveranstaltungen geht. Die Deals hat Crozier in der ihm eigenen Manier getätigt - ohne seinen Arbeitgeber vorher zu informieren. Crozier kümmerte sich nicht gerade liebevoll um das zwölfköpfige FA-Board. Das paritätisch aus Vertretern der Profi- und Amateurvereine besetzte Gremium sollte den FA-Angestellten Crozier beaufsichtigen und kontrollieren. Formell. Praktisch zog er sein Ding alleine durch.

Premiership soll unabhängig vom Verband sein

Auch Chelsea-Mann Bates gehört dem Board an. Doch Crozier wollte ihn weder vorher fragen noch hinterher Geld an ihn abgeben, wenn er die englische Fußball-Nationalmannschaft vermarktet. Einen selbstherrlichen Führungsstil warfen ihm seine Kritiker daher vor. Unter ihnen ist auch Peter Ridsdale, Präsident von Leeds United. Der Club hat in den vergangenen Jahren rund 150 Millionen Euro für Spieler ausgegeben. Leeds braucht cash. Der Vorwurf der Selbstherrlichkeit an die Adresse von Crozier war vorgeschoben. Bates, Ridsdale & Co. waren nicht sauer, dass Crozier im Alleingang das Geld ranschaffte. Sie waren sauer, dass er sie nicht beteiligen wollte.

"Wenn wir schon ganz allein die Gehälter der Spieler bezahlen, dann müssen wir auch einen gerechten Teil der Werbe- und Sponsoreneinnahmen des FA-Verbandes bekommen", forderten Bates und Ridsdale unisono. Wobei "gerecht" eine Umschreibung für "unanständig hoch" ist. Crozier hielt von alldem nichts. Doch die Vereinsverantwortlichen gingen noch einen Schritt weiter. Sie wollen die Premiership unabhängig vom Verband machen. Die oberste englische Liga will sich selbst verwalten. Professional Game Board soll das neu zu schaffende Gremium heißen. Es soll allein für die Premiership zuständig sein. Crozier hätte nichts zu sagen. So der Plan.

Er änderte nichts - und ging

Der Showdown wurde unausweichlich. Verzweifelt ergriff Englands Nationalcoach Sven Göran Eriksson öffentlich Partei für seinen alten Freund. Crozier hatte Eriksson im Januar 2001 gegen Widerstände als ersten ausländischen Nationalcoach in der englischen Verbandsgeschichte verpflichtet und auch zum 54-jährigen Schweden gehalten, als dieser wegen "Ulrikagate", einer belanglosen, aber von der englischen Boulevardpresse zum Skandal hochgejazzten Affäre mit einer TV-Moderatorin, unter Druck geraten war.

Der amtierende FA-Präsident Geoff Thompson setzte Crozier dennoch am vergangenen Donnerstag die Pistole auf die Brust. Crozier solle endlichen seinen Widerstand gegen die Installierung des Professional Game Board aufgeben und sich kooperativer zeigen, forderte Thompson, der im nächsten Jahr als Verbandspräsident wiedergewählt werden will. Das geht, so glaubt er, nur mit Bates, Ridsdale & Co, nicht gegen sie. Doch Crozier ist nicht der Mann, der sich enteiern lässt. Er änderte und akzeptierte nichts - und ging. Wie auch Thompsons Stellvertreter Frank Pattison.

"Ich weiß, was passiert ist"

Ob Eriksson nun hinwirft, dessen Assistent Steve McClaren bereits angekündigt hat, sein Amt aufgeben zu wollen? "Alles um mich herum hat sich geändert. Aber was mich betrifft, bleibe ich, wo ich bin", sagte der Erfolgscoach, der einen Vertrag bis 2006 besitzt. "Ich weiß, was passiert ist, aber ich habe noch nicht mit dem Präsidium gesprochen, seit Adam nicht mehr da ist. Und das muss ich natürlich zuerst einmal tun."

Zumindest eines ist sicher. Eriksson wird vorerst nicht, wie heftig spekuliert wurde, nach Italien zurückkehren, wo er bereits Lazio Rom trainiert hatte. Giovanni Trapattoni bleibt Trainer der italienischen Nationalmannschaft. "Wir machen mit 'Trap' weiter. Er hat einen Vertrag bis 2004 und unser vollstes Vertrauen", sagte Giancarlo Abete, Vizepräsident des italienischen Fußballverbandes FIGC.



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